Heimatbuch 1957

Heimatbuch1957Matthias Müller hing sehr an Nunkirchen. Als „Hauptlehrer Müller“ war er in Nunkirchen jedem bekannt. Außerdem als Initator des Blumenfestes und als Geschichtsschreiber des Ortes. 1957 erschien „Nunkirchen/Münchweiler – Ein Heimatbuch“. In dem ihm eigenen, fast schon poetischen Stil beschrieb Matthias Müller sowohl die Geschichte Nunkirchens als auch die der Menschen, die dem Dorf ihren Stempel aufgedrückt haben. Seine in vielen Bereichen durchaus exakte Recherche ergänzte er immer dann, wenn es ihm notwendig erschien, durch phantasievolle Ausschmückungen, die zwar historisch nicht unbedingt zu belegen sind, die aber zumindest hätten so sein können.

Auffallend, aber nicht untypisch für seine Zeit, ist das Ausblenden der beiden „für uns unglücklichen Weltkriege von 1914/18 und 1939/45“ (Zitat Matthias Müller). Im Jahre 1957 waren sowohl viele Zeitzeugen des ersten als auch des zweiten Weltkrieges präsent. Hier kritisch ansetzen zu wollen, wäre nicht nur unbequem für viele Betroffene im Ort gewesen, sondern hätte auch Anlass gegeben, die Position des Autors in der Nazizeit zu hinterfragen. Das unterlies man lieber, was der Lektüre aus heutiger Sicht aber kaum an Unterhaltungswert nimmt. Die Texte des Buches, das seit etlichen Jahren vergriffen ist, wurden über ein aufwändiges Verfahren eingelesen. Fehler, die durch den Automatismus des Einlesens entstanden sind, wurden so weit wie möglich entfernt und der Text behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst. Im Dokument selbst finden Sie neben etlichen Bildern auch eine ganze Reihe Dokumente (Familienregister, Flurplan mit Flurbezeichnungen, Anzeigen aus der Originalausgabe etc.), die sicher ebenfalls Ihr Interesse finden werden. Auch die PDF-Version (Achtung: 18 MB!) des Buches stellen wir Ihnen weiterhin zur Verfügung.

Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre.


E-BookHeimatbuecherFür alle Fans „richtiger Bücher“, bieten wir die verschiedenen Heimatbücher über Nunkirchen auch als E-Book an. Laden Sie sich einfach die entsprechende Datei herunter und übertragen Sie sie auf Ihr portables Gerät. (Eine Gebrauchsanweisung zur Übertragung der Datei auf die verschiedenen mobilen Endgeräte finden Sie hier).

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Vorwort

Meine lieben Heimatfreunde!

MatthiasMuellerSchon lange beseelte mich der Wunsch, alles das, was von unsern Heimatforschern bis jetzt im einzelnen niedergeschrieben war, auszuwerten, zusammenzufassen und in der Form eines Heimatbuches Euch in die Hand zu geben; denn diese Einzelarbeiten, sei es in Zeitungsartikeln, in Aufsätzen und Dissertationen, laufen Gefahr, wieder verloren zu gehen und vergessen zu werden. Andererseits sind die Eintragungen in die Chroniken der Pfarrei und der Schule, die vor der Vergänglichkeit wohl mehr geschützt sind, doch nur einigen Wenigen zur Einsicht zugänglich.
Das Wissen um die Heimat soll aber jedem möglich sein. Die Augen sollen allen geöffnet werden für das Schöne, was sie bietet, die Herzen sollen ihnen erschlossen werden für das, was die Vorfahren in harter Arbeit mit Geist und Hand geschaffen, und der Wille soll ihnen gestählt werden, es ihnen gleichzutun in rühriger Arbeit, damit die Heimat wächst und gedeiht und die Nachkommen ihr Werk einst dankbar anerkennen.
Und so, wie ich durch das Studium der bereits vorhandenen Forscherarbeiten nach und nach selbst zum Forscher wurde, mit offenen Augen durch die Heimat wanderte, in logischem Denken dies und jenes ergründete, alte Chroniken und Urkunden in Privat- und Staatsbesitz studierte und mir von den „Alten“ immer und immer wieder erzählen ließ, wie es früher hier gewesen, brachte ich den Stoff zusammen, der nun dieses Büchlein füllen wird. Ich will hoffen, dass es Euch Freude bereitet, Euch für die Heimat erwärmt und begeistert, den Forschertrieb in Euch anregt, denn es ist noch lange nicht ;alles geklärt aus früherer Zeit, und vielleicht ist dieses Büchlein nur eine Vorstufe von einem noch größeren Werk, das gestaltet wird von einem noch kommenden Sohne unserer Heimat.
Indem ich allen entgegenkommenden Mitarbeitern, allen treuen Werbern, allen lieben Bestellern, allen gewerblichen und kaufmännischen Betrieben sowie auch dem Fremdenverkehrsverbande für ihre finanzielle Unterstützung recht herzlich danke, wünsche ich dem Buche eine gute Aufnahme, eine fleißige Auskostung seines Inhaltes und ein sicheres Plätzchen im Bücherregal, damit ihm ein langes Lebensalter auch zur Freude der kommenden Generationen beschieden sei.

Nunkirchen, in den Wintermonaten 1956/57
Matthias Müller

Heimat

H57_DorfGesamt_kleinWelch ein Wohlklang liegt in diesem schönen Wort! Und welche Sehnsucht vermag es aufzurühren in tiefster, innerster Seele! So lange Du in der Heimat lebst, vermagst Du es vielleicht nicht so tief zu erfassen. Weilst Du aber in der Ferne, vielleicht weit, weit von ihr, so wird Dein Sehnen zu ungestümem Verlangen, und es lässt Dir keine Ruhe, bis Du Dich wieder in ihre Geborgenheit zurückgefunden hast. Und hast Du Dir in der Fremde eine neue Heimat gegründet mit einer lieben Familie, einem eigenen Heim, guten Nachbarn und Freunden, so musst Du doch von Zeit zu Zeit zurück, wenn auch nur zu kurzem Besuch. Und magst Du gar in Amerika oder sonst wo in der Welt wohnen, das Heimweh lässt Dir keine Ruhe, bis Du wenigstens einmal wieder Deine liebe, alte Heimat gesehen, oder einen Deiner engsten Angehörigen aus der trauten Heimat zu Besuch begrüßen kannst.

Was ist denn die Heimat?
Es ist das liebe, traute Elternhaus, wo wir mit Vater, Mutter und Geschwistern gelebt, geliebt und gewirkt! Es ist die Stube mit dem großen Tisch und der Bank dahinter, auf der wir gesessen, der Ofen in der Ecke, das Fenster mit den Blumen, und es sind die Wände mit den Bildern von den Großeltern, den Onkeln und Tanten! Es ist die Kammer mit unserm Bett, wo wir so warm geschlafen und so schön geträumt! Es ist der Stall mit den Kühen, den Pferden, den Ziegen, den Hühnern und Schweinen, die wir gefüttert, und die uns ernährt! Es sind die“ Miezekätzchen und der Dackel, unsere lieben Hausfreunde! Es ist der große Hausgarten mit dem vielen Beeten voll Gemüse und den langen Rabatten mit den schönen Blumen! Es sind die Felder, wo wir gepflügt, gesät und geerntet! Es sind die Wiesen weit und breit, durchflossen von unserm Bach, an dem wir Kinder so gerne gespielt, im Sommer darin gebadet und im Winter darauf geschleimt! AI! das und noch mehr, viel mehr, nennen wir unsere Heimat!
Es ist unser Heimatdorf mit all seinen Straßen und Häusern! Es sind Kirche und Schule/ wo wir gelehrt und erzogen wurden! Es ist der Friedhof mit den geschmückten Gräbern unserer lieben Verstorbenen! Es sind unsere großen Wälder, in denen wir als Kinder gespielt und gesprungen, es sind die hohen Berge, auf die wir gestiegen und unser Blick froh entzückt rundum in die Ferne geschaut! All das, was wir von oben aus sehen, die Täler, Berge, Fluren, Wälder, die Höfe und Dörfer, nennen wir unsere Heimat!
Und endlich sind es auch all die lieben Menschen, die das Bild der Heimat beleben. Es sind außer den Angehörigen der Familie zunächst die Kameraden und Kameradinnen. Als kleine Kinder spielten wir zusammen im engen Kreis der Wohnstraße Tag für Tag in sorgloser Freude, in der Schulzeit wurden wir eine Klassengemeinschaft, wetteiferten nach bestem Können in den dargebotenen Wissenschaften und feierten in der Kirche gemeinsam die sonntäglichen Feste. Und so wuchsen wir heran zu Jünglingen und Jungfrauen, erlernten einen Beruf, dünkten uns schon bald groß, bauten Luftschlösser aller Art für die Zukunft, bis wir dann schließlich im Ehehafen landeten und eine eigene Familie mit eigenem Heim gründeten. So sind wir hineingewachsen in die Dorfgemeinschaft, eine Zelle derselben bildend. Und diese Dorfgemeinschaft mit all ihren Familien, das ist unsere Heimat! Und auch die Menschen in oll den Dörfern rundum, so weit das Auge schaut, zählen zu unserer Heimat! In unserer Dorfgemeinschaft nennen wir uns Nunkircher, und in der Gemeinschaft oller Dörfer Hochwälder!
Auf unser Heimatdorf Nunkirchen können wir mit Recht stolz sein! Rundum das lange und breite Wiesental liegt es weiträumig ausgebreitet. Zwei wichtige Verkehrsstraßen durchkreuzen es nach den vier Himmelsrichtungen. Die Zierde des Dorfes ist die Kirche, die, auf einem Hügel stehend, das ganze Dorf überragt. Schöne Geschäfte bieten Waren aller Art, und unsere Gaststätten wetteifern in dem Bestreben, den gastreichen Ruf von Jahr zu Jahr zu steigern. Ein modernes Kino bietet fast alltäglich angenehme Abwechslung zum Feierabend durch seine schöne Schau im frohen Spiel und Weltgeschehen. Ein reges Handwerk, eine aufblühende Industrie und eine gediegene Landwirtschaft geben unsern Männern und Frauen Arbeit und Brot. Alle Dorfbewohner sind bestrebt, ihre Häuser durch schmucke Fassaden, blumengeschmückte Fenster, Balkone und Vorgärten zu zieren. Und welch ein kulturelles Leben ist hier im Wetteifer der Vereine aufgeblüht! Ihre frohen Feste Sommer wie Winter bieten Abwechslung in reicher Fülle! Viele schöne Ruhebänke rundum das Dorf laden ein zu Spaziergang und angenehmer Rast! Ganz nahe bei unserm Heimatort liegt das alte, einstmals stolze Schloss Münchweiler, ein beliebtes sonntägliches Wanderziel!

Es kann nirgendwo schöner sein als in der lieben, trauten Heimat, so sagen wir, so sagt es aber auch jeder von seiner Heimat!

Wo’s Dörflein traut zu Ende geht,
wo’s Mühlenrad am Bach sich dreht,
da steht im duft’gen Blütenstrauß
mein liebes, altes Elternhaus!

H57_Bank_kleinDa schlagen mir zwei Herzen drin
voll Liebe und voll treuem Sinn:
mein Vater und die Mutter mein!
Das sind die Herzen treu und rein.

Darin noch meine Wiege steht,
darin lernt ich mein erst Gebet,
darin fand Spiel und Lernen Raum,
darin träumt ich den ersten Traum.

Drum tauscht ich für das schönste Schloss,
wär’s felsenfest und riesengroß,
das alte Bauernhaus nicht aus,
denn ’s gibt ja nur ein Elternhaus!

Fr. Wiedemann (*1821 +1882, Pädagoge und Autor.
Von ihm stammt auch das Gedicht „Hänschen klein…“)

Geschichte und wirtschaftliche Entwicklung von Nunkirchen

Bevor unsere Heimat von sesshaften Menschen besiedelt war, streiften schon Jäger durch die Urwaldgründe und Felsenschluchten unseres Hochwaldes und jagten nach Bären, Auerochsen, Keilern und Hirschen. Reich beladen mit Beute kehrten sie heim zu ihren Siedlungen an Saar, Nied und Blies, wo froher Jagdschmaus mit der Sippe gefeiert wurde. Waren die Vorräte in etwa aufgezehrt, zogen die Männer und Jünglinge zu neuen Jagdzügen aus, während die Daheimgebliebenen sich mit Fischfang die Zeit vertrieben und ihren Lebensunterhalt damit bestritten.
Sehr primitiv waren die Jagdgeräte, Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände dieser Menschen, und weil sie hauptsächlich aus Stein hergestellt waren, nennt man jene Zeit kurzerhand die Steinzeit und gliedert sie auf in eine ältere und eine jüngere Steinzeit. In der älteren Steinzeit bestanden die Waffen und Werkzeuge aus rohbehauenen oder von der Natur schon zweckmäßig gestalteten Steinen, während die der jüngeren Steinzeit schon auf Sandsteinscheiben geschliffen waren. Der begehrteste Stein für olle Zwecke war der Feuerstein, der in damaliger Zeit wohl in hohem Kurse stand und als Handels- und Tauschobjekt Vermögenswerte ihrer Besitzer dargestellt haben mag. Die -umherstreifenden Jäger werden auch in unserer Heimat den Stein entdeckt haben; der dem Feuerstein an Härte nicht weit nachsteht, sich ausgezeichnet scharfkantig behauen und ebenfalls auch sehr schön schleifen ließ. Es war unser Jaspisstein im Wingert, und wir dürfen annehmen, dass er schon in jener Zeit bekannt und begehrt war.
Steinwerkzeuge aus der älteren Steinzeit fand man in den verschiedensten Teilen unserer Heimat; sie werden in Museen aufbewahrt. Sie sind meist dreieckig und an der Schmalseite geschärft. Donnerkeile nennt sie das Volk. Mit wuchtiger Hand hatte der Donnergott, den Blitz erzeugend, sie zur Erde geschleudert; während er auf dem von Ziegenböcken gezogenen Wagen über die Wolken dahinpolterte. Damals hob man sie als Göttergeschenk dankbar auf, bewahrte sie als Schutz gegen Gewitter; benutzte sie zu jeder zweckdienlichen Beschäftigung und gab sie im Einklang mit ihrer religiösen Auffassung den Toten zu der Erdbestattung bei. Steinwerkzeuge fand man in Gräbern in Schwemlingen, Dillingen, Pachten, Wadgassen und Hülzweiler.
Der jüngeren Steinzeit gehören Funde an, die bei Losheim gefunden wurden: ein an der Seite glatt geschliffenes, fäustlingsartiges Steinwerkzeug, ferner ein Steinbeil aus scharf geschliffenem poliertem Gestein. Auch bei Münchweiler fand man ein solches Steinbeil aus Sandsteinschiefer, glatt geschliffen und poliert. Nach der Schätzung des Landesmuseums Trier dürfte es ungefähr 4000 Jahre alt sein und einem Jäger, der die Wälder durchstreifte, gehört haben.
In der jüngeren Steinzeit zeigen sich auch schon Anfänge des Ackerbaues und der Viehzucht. Gerste und Weizen wurden angebaut, und aus zerquetschten Getreidekörnern backte man grobes Brot. Gefäße aus Ton wurden von Hand geformt und an der Sonne getrocknet. Aus Gespinstfasern stellte man Schnüre und grobe Tuche her. Das Schwein wurde gezüchtet und Feuer in einer Brandgrube dauernd unterhalten. Obwohl die Jagd im Leben des Mannes immer noch .einen breiten Raum einnahm, war das Sinnen und Streben nach Grundbesitz wach geworden, womit die Sesshaftigkeit, Bodenverwurzelung und Heimatliebe ihren Anfang nahm.
Auf den Jagdzügen durch unsere Gegend hatte man nämlich schöne Landstreifen kennen und lieben gelernt, so dass in manchem Jäger der Wunsch aufkam, sich mit seiner Familie dort ansässig zu machen. So mögen in der jüngeren Steinzeit in unserer Heimat nach und nach Einzelsiedlungen entstanden sein, aus denen dann im Laufe der Jahrhunderte Sippenniederlassungen wurden.
Um das Jahr 2000 v. Chr. folgte auf die Steinzeit die Metallzeit, die die Steinwerkzeuge nach und nach verdrängte. Als erste Metalle lernte man Kupfer, Zinn und Gold kennen. Die Menschen des nahen Orients, insbesondere die Ägypter, waren wohl die ersten Metallgießer. Von ihnen lernten es die Söhne Israels. Lesen wir doch in der Bibel, dass Aron dem drängenden Volke aus .Ringen, Spangen, Armbändern und sonstigem goldenen Schmuck ein Kalb goss, dem sie opferten und das sie anbetend umsprangen. Und die Geräte im Heiligen Zelt waren teils aus purem Gold, teils mit Gold überzogen, wohingegen der Brandopferaltar aus Erz, d.h. aus einer Mischung von Kupfer und Zinn, der Bronze, gegossen war. Auch die in jener Zeit kulturell hoch stehenden Völker der Etrusker in Süditalien und der Griechen beherrschten schon sehr früh die Kunst des Metallgießens und stellten Schmuck, Waffen und Gebrauchsgegenstände jeglicher Art her, mit denen, sie einen lebhaften Handel trieben nicht nur in den Ländern am Mittelmeer, sondern auch bis hinauf zu unsern Gebieten nördlich der Alpen. Sie kamen per Schiff nach Marseille, von dort auf der Rhone-, Saone- und Moselstraße nach Metz und von da über die Nied- und Primsstraße in unsere Hochwaldheimat.
So fand man bei der Öffnung zweier Hügelgräber nördlich von Weiskirchen eine doppelhenkelige Bronzeurne mit Acheloos, d. h, griechischen Masken, zwei Schnabelkannen aus dünnem Bronzeblech, einen Goldreif mit Sphinxdarstellungen, einen Dolch, dessen Bronzescheide am unteren Ende langschnäblige, korallengeschmückte Vögel zieren, und eine goldene Brosche, die, um einen Bernstein geordnet, vier Köpfe ;und Fischblasenornamente zeigt. Eine der Kannen enthielt Reste von Wein, der mit Harz zersetzt war, und ihr Henkel endete oben in zwei Panther, während am unteren Ende eine große Raubkatze vorspringt, etwa ein Löwe, der zwei Gazellen schlägt. Diese Bronzegeräte und auch der Goldschmuck sind ohne Zweifel Erzeugnisse mittelmeerländischer Gießer- und Schmiedekunst, und auch der Wein ist, wie seine schon von Homer erwähnte Vermischung mit Harz dartut, dortiger Herkunft.
Auch sonst wo in unserer näheren und weiteren Umgebung, wie z. B. in Wallerfangen, in Schwarzenbach, in Lothringen, an der Nahe, und ganz zuletzt in Reinheim an der Blies, fand man eine Menge der kostbarsten Grabbeigaben, dass die Gelehrten den Fundbezirk eine griechische Kulturprovinz an Saar, Prims, Blies und Nahe bezeichneten.
Wir gehen bestimmt nicht fehl .in der Annahme, dass die Händler als Tauschmittel für ihre Waren nicht nur Bärenschinken entgegennahmen, sondern auch Schmucksteine des hiesigen Landes, insbesondere von der Nahe und bestimmt auch von unserm hiesigen Jaspis, da sich nämlich herausgestellt hatte, dass er sich wie kein anderer Stein seiner Art wunderschön färben ließ. Sie nahmen sie mit in ihr Land1, färbten und schliffen sie, fassten sie in Gold ein und stellten Schmuckstücke daraus her, die bei den Völkern des Mittelmeeres seit je und bis in unsere heutige Zeit gerne getragen wurden und werden.
Andererseits mögen die hiesigen Menschen, angespornt und angeregt durch die Händler, in unseren Bergen auch nach Erzen gesucht haben. Und sie hatten Glück, denn sie fanden vor allem Kupfererze an vielen Stellen, so bei Michelbach, Düppenweiler, Büschfeld, Lockweiler, Krettnich, und sogar das edelste aller Metalle, das Gold, fand sich in reinstem Zustande als kleine Körnchen im Kiesgerölle unserer Hochwaldbäche in einer Reichhaltigkeit, die das Suchen lohnte. Gerade in diesem Golde hatten die Bewohner unserer Heimat nun ein Tausch- und Zahlungsmittel in der Hand, um sich die schönen südländischen Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände zu kaufen. Desgleichen ist auch anzunehmen, dass in manchem der Entschluss aufgekommen ist, wohl auf Anregung und Anleitung wieder dieser Händler, die Kupfererze zu schmelzen und zu formen und das Gold zu hämmern. Nicht alle Grabfunde müssen darum südländischer Herkunft sein, sondern mögen auch der geschickten Hand eines hiesigen Meisters entstammen.
Auf der Suche nach Metallen entdeckte man schließlich auch das Eisen um das Jahr 1000 v. Chr., womit die wichtigste Metallzeit, die Eisenzeit, begann, in der wir heute, nach dreitausend Jahren, immer noch leben. Die Reichhaltigkeit des Vorkommens der Eisenerze in unserer Erde ermöglichte die Entwicklung einer sich ständig steigernden Eisenindustrie, die olle andern Metalle nach und nach in den Hintergrund verdrängte und heute zu einer Weltmacht geworden ist, die nicht nur einem Großteil der Menschheit Beschäftigung und Brot gibt, sondern sie auch im Banne hält.
Die Jahre von 58 bis 50 v. Chr. waren für unsere Heimat von entscheidender Bedeutung. Damals kam der römische Feldherr Julius Cäsar mit einem gut lausgerüsteten und wohl geschulten Heere in unser Land und unterwarf die einzelnen Volksstämme in langen und hartnäckigen Kämpfen. In seinem Buche „Bellum Gallicum“, dos diese kriegerischen Zeiten beschreibt, haben wir die ersten schriftlichen Dokumente über die damaligen Menschen unserer Heimat. Cäsar nannte sie Kelten. Es waren Menschen van kräftigem Körperbau, sie hatten eine weiße Haut, blondes bis rötliches Haar, das sie über den Scheitel in den Nacken hinab gekämmt trugen. Cäsar rühmt ihre Tapferkeit und ihren ritterlichen Sinn, während er ihnen andererseits Wankelmut, Eitelkeit, Neigung zur Prahlerei nachsagt. Sie waren kriegslustig und besonders gewandt im Reiten. Keltische Jünglinge nahm Cäsar gerne in die römische Reiterei auf. Sie wohnten in kleinen Sippengemeinschaften und ihre Edelinge besaßen größere Einzelhöfe. Der Familien- oder Sippenälteste genoss die Ehre eines Priesters und versammelte die ganze Sippe oder .auch mehrere Sippen gemeinsam zum heiligen Kult im einsamen Walde am Opferstein an heiliger Quelle. In unserer Heimat gab es mehrere keltische Dörfchen, auch zwei große Einzelhöfe keltischer Edelinge, nämlich unser heutiges Münchweiler und der Geisweiler Hof. Die Lage der keltischen Dörfchen stellte man fest an den Hügelgräbergruppen, die man an verschiedenen Stellen entdeckte. So befand sich eine solche Sippensiedlung von etwa 18 Familien im „Kleinen Lückner“. Jede Familie hatte ihre eigene Grabstätte in der Nähe der Hütte als Hügelgrab, und diese Hügelgräber blieben erhalten bis in unsere Zeit, während von den Hütten jegliche Spur verloren ging. Sie bestanden wohl nur aus Holz, Lehm und Stroh und sind entweder vermodert oder verbrannt. Ein Wald wuchs an der Stelle auf, wo vor zweitausend Jahren Menschen gelebt und gewirtschaftet hatten. H57_Huegelgraeber_kleinIm Jahre 1935 wurde der Wald abgeholzt, um Ackerland zu gewinnen. Bevor man nun die Hügelgräber einebnete, wurden sie unter Leitung des Landesmuseums Trier in einen Lageplan eingezeichnet und dann mit aller Sorgfalt ausgegraben. Wie erwartet, fand man die den Toten mitgegebenen Beigaben, wie Urnen, Waffen und Schmuck, wie beigefügte Abbildungen zeigen. Auf Abb. 1 sehen wir die Männer von Nunkirchen, die unter Leitung von Herrn Dr. Dehn und Herrn Badry vom Landesmuseum Trier die Ausgrabungen vornahmen. Es waren: Ernst Schuler, Franz Wilkin, Nikolaus Spang, Johann Lang, Josef Hoffmann, Josef Weiland und Matthias Schäfer. Auf Abbildung 2 sehen wir zwei gefundene Urnen und zwei Goldringlein. Auf der Abbildung links sehen wir dann eine Zusammenstellung der gefundenen Waffen, Gebrauchsgegenstände und weiterer Schmuckstücke. Nr. 4 dieser Abbildung war ein bronzenes Kurzschwert in der Länge von etwa 25 cm, während Nr. 12 ein eisernes Langschwert in der Länge von etwa 75 cm war. Nr. 5, 6, 7 sind bronzene Schmuckstücke, während die übrigen Nummern alle eiserne Waffen und Gebrauchsgegenstände waren. Auffallend ist die starke Verrostung der eisernen Gegenstände, die durch das zweitausendjährige Lagern in unserm scharfen, kieselsäurehaltigen Sande hervorgerufen wurde. In einem Schaukasten des Trierer Landesmuseums sind sämtliche Fundstücke ausgestellt.
Eine weitere Hügelgräbergruppe, noch unversehrt und nicht ausgegraben, vom Landesmuseum Trier aber registriert, befindet sich im „Großen Lückner“ beiderseits der Straße, etwa 600 m vom Heiligenborn entfernt. Der größte Hügel von ihnen, links der Straße, hat einen Durchmesser von etwa 15 m und deutet auf die Bestattung eines vornehmen Kelten, vielleicht des Sippenältesten, hin.
Ein weiteres besonders, großes Gräberfeld befindet sich in der Nunkircher Heck, der „Hannejuschten Heck“, das ebenfalls vor zwanzig Jahren vom Landesmuseum Trier vermessen und kartographisch aufgenommen wurde. Die Grabhügel liegen beiderseits eines uralten Weges, der im Volksmunde den Namen Rictio-varusweg führt, und nach Deutung von Herrn Pfarrer i.R. Schäfer, Losheim, eine bedeutende Keltenstraße gewesen sein soll, die, von Luxemburg kommend, die Saar bei Schoden-Ockfen überquerte, dann über Zerf in Richtung Waldhölzbach über den Hochwald führte und von dort über Rappweiler, Thailen, Batschweiler in die Nunkircher Hecken durch die Hackenbach mitten durch das dort liegende Keltendorf führte, und dann weiter durch Bardenbach, über die Prims, eine Schlucht hin auf nach Vogelsbüsch, Überroth, Scheuern, Tholey nach St. Wendel, und so fort bis zum Rhein führte. Bei der Vermessung dieses Gräberfeldes in der Nunkircher Heck kamen 27 Grabhügel zur Eintragung in die Karte. Davon liegen 21 in der Gemarkung Nunkirchen und 6 in der Gemarkung Noswendel. Die ganze Gräberanlage ist etwa 350 m lang und 250 m breit. Weder vom Landesmuseum Trier noch vom Konservatorium in Saarbrücken sind Ausgrabungen vorgenommen worden. In der Annahme, dass die zu erwartenden Funde doch keine wesentlichen Unterschiede gegenüber denen der bereits in hiesigen Gräbern gefundenen aufweisen, will man sie als Kulturdenkmäler für die Nachwelt so lange als möglich erhalten. Leider sind die vier größten vor etwa dreißig Jahren von unberufener Hand wild angebohrt worden, vielleicht in der Hoffnung, darin vergrabene Gold schätze zu finden.
Eine keltische Opferstätte war, wie durch Forscher einwandfrei festgestellt und auch im Pfarrlagerbuch von Wahlen niedergeschrieben ist, der „Heiligenborn“ im Großen Lückner. Dort, im tiefen, stillen Walde, neben dem heiligen Born stand der Opferstein, um den sich die Bewohner der umliegenden keltischen Dörfer zu regelmäßigen Festen versammelten und der Opferhandlung ihres Priesters ehrfürchtig beiwohnten. Meistens wurden junge, noch nicht berittene Pferde geopfert, von deren Fleisch im Anschluss an die Opferhandlung ein Opferschmaus gehalten wurde, der bei Bier und Met meistens in einem fröhlichen Gelage endete.
In Kriegszeiten verteidigten sich die Kelten in ihren Ringwällen, die auf hohen Bergen aus Steinen gefügt waren. Der größte Ringwall in unserer Heimat ist der noch gut erhaltene „Hunnenring“ bei Otzenhausen.
An die Kelten erinnern heute noch die Ortsnamen Wadern, Wedern, Wadrill, Krettnich, Merzig, Trier, und die Flussnamen Prims, Saar, Mosel, Kyll und Rhein.
Nachdem Julius Cäsar unsere Heimat bis an den Rhein erobert hatte, machte er daraus eine römische Provinz, genannt „Belgica Prima“, mit der Hauptstadt Augusta Treverorum = Trier. In der ganzen Provinz wurden römische Militärstationen errichtet, verbunden durch feste Straßen, die wiederum durch Castelle geschützt wurden. Auch durch unsere Heimat führten mehrere dieser Römerstraßen, teils ganz neu angelegt, teils aber auch die vorhandenen Keltenwege, freilich in verbreitertem und festerem Ausbau, benutzend. Beigefügte Kartenskizze gibt eine Übersicht über die wichtigsten der ehemals durch unsere Heimat führenden Keltenwege und Römerstraßen.
Eine ganz neu angelegte Straße führte von Trier über den Hochwald und teilte sich bei Scheiden in zwei Stränge. Die eine Straße führte nach Thailen, Noswendel, durch die Schlucht zur Prims, überquerte sie bei den Buttnicher Wiesen, wo heute noch ihr Damm offen zutage liegt, zog dann wiederum die dortige Schlucht hinauf nach Altland, wo wiederum die Flurbezeichnungen „ober“ und „unter der Römerstrasss“ ihren Verlauf in etwa angeben. Von Altland führte sie dann weiter zur Nahe nach Bingen, Mainz und Straßburg.
Die zweite Straße führte von Scheiden über Niederlosheim, Wahlen nach Buprich und von dort nach Saarbrücken und Metz. Sie führt auf der Strecke von Scheiden nach Niederlosheim heute den Namen „Rennpfad“ und liegt im Lückner in dem heutigen Wahlener Weg pp manchen Stellen noch deutlich erkennbar. Diese Straße war von so hoher Bedeutung, dass sie in der römischen Militärkarte Aufnahme fand. Einen Stütz- und sogar Knotenpunkt an ihr bildete Buprich, das die Karte unter seinem alten keltischen Namen Baudobrika anführt. In einer Urkunde des fränkischen Königs Zwentibold vom Jahre 896 wird sie als Heeresstraße des Reiches bezeichnet. Auch die Trier-Straßburger Strecke finden wir im Mittelalter in regem Verkehr. So erhob im Jahre 1158 das Simeonstift zu Trier den Grundzoll zu Thailen, und die Fehden des Kurfürsten von Trier mit den Rittern von Schwarzenburg sind nur darauf zurückzuführen, dass letztere die mit ihren Waren nach dem Rhein ziehenden Kaufleute durch Zollplackereien und Überfälle belästigten.
Mit Vorliebe bauten die Römer ihre Straßen über die Höhen und mieden die Täler, wo es nur irgendwie anging. Sie legten auch dort auf den Höhen ihre Castelle an, um nach allen Seiten weite Sicht zu haben und nicht durch Überfälle aus dem Hinterhalt, wie seinerzeit im Teutoburger Walde, überrascht zu werden. Auch entstanden längs der Straßen weite Rodflächen, die der Landwirtschaft dienten. Man hat an zahlreichen Stellen unserer Heimat Trümmer großer Landhäuser gefunden, die Wohnstätten römischer Kolonisten, aber auch angestammter keltischer Familien gewesen sein können.
Ein römisches Land- oder Gutshaus soll auch in unserm Dorfbereich, nämlich im Bungert an der Stelle gestanden haben, wo heute das Doppelhaus Kraus/Heinrich und seiner Schwester Berta, verheiratete Wilkin, steht. Bei Grabungen hinter diesem Hause fand man vor etwa achtzig Jahren römische Ziegel, Urnen mit Aschenresten und auch römische Münzen, so einen Denar von Postumus, dem ersten Kaiser Galliens in Trier (260 bis 266), ferner eine Münze von Marc Aurel (268 bis 270), Kleinerze von Viktorinus (267 in Köln von meuternden Soldaten ermordet), ebenfalls Münzen von Gallienus (254 bis 268), Tetrikus Vater (267), Valens (364 bis 378), Theodosius I. (379 bis 395) und seinem Sohne Arkadius (395 bis 408). Abgesehen von den beiden letzten Herrschern finden sich die gleichen Münzen in den großen Münzfunden von Hüttersdorf und Buprich. Wir verdanken diese wichtigen und genauen Angaben den Aufzeichnungen des damaligen Pastors Rortery, der sie in das Pfarrlagerbuch eintrug. Die gefundenen Münzen liegen im Trierer Museum wohlverwahrt. Die Urnen wurden leider, wie der Bericht weiter meldet, unversehens und ahnungslos im Eifer der Arbeit zerschlagen und dann auch achtlos mit dem Erdreich fortgeschaufelt. Ob dieses Landhaus nun ein römisches oder keltisches gewesen sein mag, bleibe dahingestellt, beides kann möglich sein, dass es aber dort stand ist erklärlich aus dem Umstand, dass es mit dem Jaspissteinbruch im Wingert eventuell in Verbindung stand, denn der Wingert gehört seit ehedem zum Besitz diesesH57_Roemerstrassen_kleinHauses und mag es wohl schon seit alters her gewesen sein durch fortgesetzte Vererbung oder spekulativen Kauf beider Objekte. Die Lage dieses Hauses oder vielleicht gar noch mehrerer Häuser war auch dadurch günstig, da hier ein Treffpunkt zweier wichtiger keltischer Verkehrswege bestand, wie Herr Pastor Schäfer, Losheim, festgestellt hat. Von Vogelsbüsch aus dem Keltenweg Luxemburg-Tholey-Rhein abzweigend führte er die Schlucht hinab nach Büschfeld, in der Nähe der heutigen Brücke als Pflasterweg durch die Prims, dann bei der Überlosheimer Brücke über den Nunkircher Bach, an der Nussheck vorbei durch den Schulecken ins Dorf hinein, durch die Oberdorfstraße bis zu den Weihern, dann Kanel hinauf durch den Geisweiler Wald nach Geisweiler Hof, der ja Besitztum eines keltischen Edelings war, von dort hinter dem Lückner ins Haustadter Tal durch Reimsbach bis unterhalb Erbringen, und dann über den Berg nach Merchingen und Merzig, wo er in einen andern Keltenweg einmündete. In Nunkirchen selbst begann sodann ein zweiter Keltenweg beim Hause Faas, führte bei der heutigen Brücke als Pflasterweg durch den Bach, dann über die Hütte in der Weise weiterführend wie die heutige Straße läuft, an Münchweiler vorbei nach Niederlosheim, Losheim, Bachem, Merzig. Nunkirchen war also in jener Zeit ein einigermaßen wichtiger Treffpunkt von zwei Verkehrswegen, und zwar aus dem Grunde wichtig, weil das Straßennetz in jener Zeit ja überhaupt noch sehr spärlich war. Dass diese beiden Wege als Handelswege bestimmt sehr wichtig gewesen sein mögen, ist auch damit zu belegen, dass der Erzbischof von Trier, nachdem er von den fränkischen Königen Pippin und Karl die Hochwaldlandschaft zwischen Prims und Saar zuerteilt bekam, sich in Büschfeld als Eckpfeiler seines Besitzes und zugleich als Beherrscherin des dort direkt vorbeiziehenden Verkehrsweges, eine Burg erbauen ließ.
Die römische Zeit dauerte in unserer Heimat bis zum Jahre 400 n. Chr. Dann zerbrach hier ihr Reich unter den Anstürmen der germanischen Völker, die von jenseits des Rheines unter dem Druck der asiatischen Hunnen in großen Volksscharen kamen. Unsere Heimat wurde von den Franken in Besitz genommen. Die meisten römischen und vielleicht auch keltischen Familien suchten ihr Heil in der Flucht. Wer sich zum Kampfe stellte, wurde niedergeschlagen oder als Gefangener zu Sklavendiensten verwendet. Wer jedoch friedlich den feindlichen Kriegern entgegenkam, ihnen Haus und Hof, Speise und Trank zur Verfügung stellte, blieb verschont und konnte unter fränkischer Herrschaft weiterleben und arbeiten.
Auf den verlassenen römischen und keltischen Siedlungen gründeten die Franken ihre Dörfer und gaben ihnen Namen ihrer Sprache und Herkunft. Keinesfalls dürfen wir aber annehmen, dass schon zu jener Zeit alle die Dörfer gegründet wurden, die unsere Heimat heute aufweist, denn so zahlreich war das Volk der Franken nun doch nicht. Auch waren die Ackerflächen nicht vorhanden, denn die Zahl der keltischen Siedlungen und römischen Landgüter war nicht allzu groß.
Es ist ein natürlicher Vorgang, dass ein siegreiches Volk, das in den Besitz großen Neulandes gekommen ist, durch großen Kinderreichtum und unbesorgte Gründung von neuen Familien sich rasch vermehrt. Es war ja leicht, neues Ackerland zu gewinnen durch Niederhauen der Wälder. Und so mögen in den nachfolgenden Jahrhunderten nach und nach all die Dörfer unserer Hochwaldheimat entstanden sein. Nunkirchen ist aber bestimmt gleich bei der Besitzergreifung durch die Franken aufgebaut worden, denn hier war ja Ackerland vorhanden, wenn auch bei weitem nicht in der Größe der heutigen Flur. Frei war vielleicht nur der Landbesitz der ehemals römischen oder keltischen Familie oder Familien und dann auch die Fluren des keltischen Dorfes im „Kleinen Lückner“. Der größte Teil unserer heutigen Flur war noch dichter Wald und unser Wiesental ein großes Sumpfgebiet, durch das sich der Bach in vielen Armen hindurchschlängelte und von Schilf, Weiden, Erlen und an dem Gebüsch ganz durchwachsen war.
Es ist anzunehmen, dass die Dorfgründung im Bungert begann, sich im heutigen Dorfkern ausbreitete, sich dem Keltenweg nach bis in die Weihern ausdehnte, ja in Einzelhäusern sich bis zum „Kleinen Lückner“ hinzog, um die Fluren der Kelten auszunutzen. Das ehemalige Keltendorf selbst baute man aus Scheu vor den Grabhügeln nicht mehr auf, man überließ es sich selbst, und die Natur deckte es mit einem schattigen Walde liebevoll zu.
Nach fränkischem Recht hatte jede Kriegerfamilie Anspruch auf eine Hufe Ackerland des eroberten Gebietes, d.h. soviel, wie man mit einem Pferde bewirtschaften konnte. Je nach der Größe der gewonnenen Flur schwankte die Hufe zwischen 30 und 50 Morgen. Die Art der Bepflanzung in jener Zeit war die Dreifelderwirtschaft. Die ganze Ackerflur wurde in drei ziemlich gleichgroße Gewanne eingeteilt, und jeder Bauer erhielt auf jeder Gewann seinen Teil zugeteilt und mit Grenzsteinen markiert. Zwei Gewanne wurden bepflanzt, (und zwar die eine mit Winterfrucht und die andere mit Sommerfrucht, während die dritte unbebaut als Brache ruhte. Im darauf folgenden Jahre wurde gewechselt, indem die vorigjährige Brachgewann mit Winterfrucht, die vorigjährige Winterfruchtgewann mit Sommerfrucht bebaut und die Sommerfruchtgewann nun als Brache liegen blieb. Im darauf folgenden Jahre wurde wiederum gewechselt, so dass innerhalb von drei Jahren jede Gewann zweimal bepflanzt war und einmal ruhte. Jeder Bauer war an diese Ordnung gebunden und durfte nicht willkürlich seine Felder bewirtschaften.
Hufenbauern nannten sie sich mit Stolz und Recht in Erinnerung an ihre kriegerische Leistung bei der Eroberung des Landes, und Hufenbauer konnte nur das Kind aus der Familie werden, das den Hof übernahm. Die übrigen Kinder konnten sich durch Rodungen von Waldflächen eigenes Ackerland schaffen, das auch der Dreifelderwirtschaft nicht unterlag.
Die Edelinge unter den fränkischen Kriegern erhielten nach altem heimatlichem Brauch und in Anerkennung ihrer Führerdienste während des Krieges eigene, größere Hofgüter, die durch die Flucht der keltischen Edelinge ja hinreichend vorhanden waren, wie in unserer Gegend in Münchweiler und Geisweiler.
Die siegreichen Franken hatten unter Führung ihrer Herzöge und später ihrer Könige Chlodwig, Pippin und Karl ein großes fränkisches Reich geschaffen. !n ihrer Sorge um die Erhaltung des Staates kamen sie auf die geniale die der Lehnsverwaltung. So gaben sie große Staatsgebiete als Lehen an Verwandte des königlichen Hauses, an hervorragende Heerführer und geistliche Würdenträger. Als Gegenleistung mussten sie dem König ewige Treue schwören, im Kriege den Heerbann ihres Gebietes aufstellen und anführen. Außerdem mussten ihre Nachfolger sich einer Neubelehnung durch den König unterziehen.
So schenkte König Pippin im Jahre 761 dem Erzbischof Weonad von Trier „alle Klöster, Abteien, Kirchen, Kastelle, Dörfer und Höfe mit ihren Familien, Äckern, Weinbergen, Wiesen und Waldungen zwischen der oberen Prims, der unteren Saar und der mittleren Mosel“. Karl der Große bestätigte 773 diese Schenkung und fügte 802 sämtliche Forsten dieses Gebietes, die bisher der königlichen Hoheit unterstanden, noch hinzu. Auch die Gerichtsbarkeit wurde dem Bischof übertragen und somit der Gerichtsbarkeit der Gaugrafen entzogen. Somit war der Erzbischof von Trier unumschränkter Herr über diese Schenkung geworden und dem König als ergebener Lehnsmann zur Treue und Kriegsgefolgschaft verpflichtet.
Zur besseren Verwaltung ihres Besitztums gliederten die Erzbischöfe und späteren Kurfürsten ihr Land in Ämter auf und diese wiederum in Pflegen. Unsere Heimat, die durch diese Königlichen Schenkungsurkunden auch kurfürstlich Trierisch wurde, gehörte zur Pflege Losheim und mit ihr zum Amte Saarburg. Als später das Amt Merzig eingerichtet wurde, gehörten wir zu diesem. Als .südöstlichen Eckpfeiler seines Staates ließ der Erzbischof in Büschfeld eine starke Burg erbauen, die auch zugleich die Handelsstraße Merzig-Büschfeld-Tholey beherrschen sollte. Am 30. Juli 1322 übergab er sie dem Ritter Johann von Chambley und seiner Gattin Beotrix zu Lehen, und nach deren Aussterben dem berühmten Adelsgeschlechte derer von Hagen zur Motten. Sie residierten als Kurfürstlicher Burgvogt und besaßen die oberste Gerichtsbarkeit über die ihnen unterstellten Orte, zu denen auch Nunkirchen gehörte.
Die Namengebung unseres Dorfes kam wohl durch den Bau seiner ersten Kirche. Die Franken, die anfänglich noch nach ihrem germanischen Glauben lebten, wurden, nachdem sie sich hier angesiedelt hatten, durch christliche Glaubensboten, die von Trier und später auch aus den neu gegründeten Klöstern Mettlach und Tholey kamen, bekehrt. Endlich baute man auch ein Kirchlein auf einen Hügel mitten im Dorf, das alle Häuser überragte. Und als es fertig gestellt war und eingesegnet wurde, feierte man ein frohes Fest, und der Hauptkern der Reden, die man dabei führte, war wohl: „Nun haben wir endlich eine Kirche!“ Und weil es vielleicht die erste Kirche für all die Dörfer rundum war, gab man auch dem Ort nach ihr den Namen: Nunkirchen, oder Neunkirchen. In Urkunden erscheint er einmal in dieser, einmal in jener Schreibweise. So wird er im Jahre 1147 (richtig zwischen 1140 und 1147, Anm. d. Red von nunkirchenn.net) in einer Urkunde des Erzbischofs Albero von Trier erwähnt als „Nunkircha“ (latinisiert) und als Pfarrort mit den 70 Pfarreien aufgezählt, die zu den Wollfahrten zum Grabe des hl. Lutwinus in Mettlach verpflichtet waren. In einer Urkunde vom Jahre 1551, deren Abschrift in .unserem Pfarrarchiv niedergelegt ist, heißt er „Neunkirchen“, desgleichen auch im „Weisthumb“ des Jahrgedings von 1587 und wiederum in der Genehmigungsurkunde zur Gründung des Gottbillschen Eisenwerks durch die Churfürstliche Kanzlei zu Ehrenbreitstein aus dem Jahre 1724. In Messstiftungen unserer Pfarrei ist er einmal eingetragen als „Brums-Nunkirchen“ und ein andermal als „Brims-Nunkirchen“. Takenplatten, die im Gottbillschen Eisenwerk zu Nunkirchen gegossen wurden und in einigen Exemplaren noch erhalten sind, wie bei Emil Müller, Nunkirchen, und Antz, Weiskirchen, tragen die Aufschrift: „Nunckirchen“. Auch im Saarlandmuseum zu Saarbrücken befinden sich zwei derselben Platten mit der gleichen Aufschrift.
Die Franken waren, wie der Name schon sagt, ein freies und die Freiheit liebendes Volk. Sie fühlten sich als Herr auf eigner Scholle, waren frei von jeglicher Abgabe und kannten nur eine Pflicht, die Heerespflicht in Kriegszeiten. So war es, so lange sie in der alten Heimat, in Germanien, lebten, so war es auch noch einige hundert Jahre in ihrer neuen hiesigen Heimat. Durch das bereits erwähnte, von den fränkischen Königen eingeführte Lehnswesen verloren sie aber nach und nach diese Freiheit. Durch die vielen Kriege der um Erhaltung und Stärkung ihrer Machtposition besorgten fränkischen Könige – Dreißigjähriger Krieg gegen die Sachsen, Krieg gegen die Mauren in Spanien –, die die heerbannpflichtigen Bauern mitmachen mussten und die sie off jahrelang in weit entfernte Gebiete verschlugen, was ihren Vorfahren in früherer germanischer Zeit nie zugemutet wurde, wurden die Bauern, voller Heimweh nach ihren Familien, verdrießlich und kriegsunlustig. Ihr Burgherr und Anführer, der das merkte, mochte dem einen oder andern den Vorschlag, sich von der Heerbannpflicht loszukaufen durch Unterstellung seines Hofes an ihn als Lehen, durch Zahlung der dadurch erforderlich werdenden alljährlichen Abgaben und durch Leistung von Frondiensten auf seinen Fluren und an seiner Burg, wofür er dann einen Kriegsmann anstatt seiner stellen werde, denn es gab ja kriegslustige Burschen, die nicht heerbannpflichtig waren, genug in seinem Verwaltungsbezirk. Das klang verlockend, zumal die verlangten Abgaben und Frondienste als nicht zu hoch erschienen, und manche machten von diesem Angebot nach und nach Gebrauch, hauptsächlich wohl auch auf Drängen der Ehefrauen und Kinder, die begreiflicherweise den Vater in Kriegszeiten bei sich zu Hause wünschten.
So wurden schließlich alle Bauern lehnspflichtig, die anfangs als erträglich empfundenen Abgaben und Fronleistungen jedoch nach und nach gesteigert, vielleicht durch die sich häufenden Kriege, und schließlich wurden sie kurzerhand nach den Erfordernissen des Lehnsherrn verordnet. Es ging wohl schon damals wie auch heute, wo die dem Volke auferlegte Steuerlast von Jahr zu Jahr mit den Bedürfnissen des Staates wächst und durch Gesetze wirksam wird. Die Abgabe bestand in der Lieferung von Heu, Brotgetreide, Hafer, Hühnern, Eiern und Geld und musste bis zum Martinitage geliefert und gezahlt sein. Die Fronarbeiten waren auf das ganze Jahr verteilt und jede Hufenfamilie musste mit ihrem eigenen Gespann im Frühjahr einen Tag Land pflügen und Hafer säen, im Sommer einen Tag Heu mähen, dasselbe verarbeiten und zur Scheuer bringen. Zur Zeit der Getreideernte mussten je ein Tag Roggen und Hafer gemäht, aufgekästet und zur Scheuer gebracht werden. Im Herbst War ein Tag Dung zu fahren, zu spreiten, unterzupflügen und Korn zu säen. Im Winter musste ein Tag Getreide gedroschen, gereinigt und auf den Speicher getragen werden. Außerdem musste im Walde ein Tag Holz gehauen, zur Burg gefahren, zerkleinert und zum Trocknen aufgesetzt werden. Bei herrschaftlichen Neu- und Umbauten an der Burg mussten ungemessene Hand- und Spanndienste bis zur Vollendung des Baues geleistet werden. Das Getreide für die eigene Lebenshaltung musste zur Burgmühle zur Vermahlung gebracht werden. Soweit die Arbeiten im Burggelände oder in deren Nähe getätigt wurden, hatte die Burgküche für die Verpflegung zu sorgen, was in etwa eine angenehme Anerkennung für die geleistete Arbeit war.
Wenn der lehnspflichtige Hufenbauer gestorben war, musste sein Hoferbe vom Burgvogt neu mit dem Hofe belehnt werden. Ais Abgabe für diese Belehnung musste der Belehnte das „Besthaupt“ aus dem Stalle liefern, was entweder ein Pferd oder eine Kuh, je nach dem Wunsch des Lehnsherrn und dem Vermögenswert des Bauernhofes sein musste. Mit der Belehnung ging der Hof ganz und ungeteilt an den Beerbten über, aber auch verbunden mit der Abgabe- und Fronpflicht. Die übrigen Geschwister blieben entweder als Mithelfer auf dem Hof, oder erlernten ein Handwerk, oder traten als Burgknecht in Dienst bei ihrem Gebieter, oder meldeten sich als Landsknecht bei einem Heerführer, oder zogen in die Stadt, um dort als freier Bürger ihr Brot zu verdienen. Wer das heimatliche Territorium verlassen wollte, musste allerdings die Erlaubnis des Lehnsherrn nachsuchen und eine Loskaufgebühr bezahlen, die für einen männlichen Untertan 30 Taler und für einen weiblichen 15 Taler betrug. Das Aufgebot zu einer Heirat musste bei dem Burgherrn getätigt werden, und die Braut war nun verpflichtet, mehrere Wochen in der Burgküche Hilfsdienste zu leisten, einerseits, um einen geordneten Haushalt einigermaßen zu erlernen, andererseits aber auch, um den Beweis zu erbringen, dass sie überhaupt in der Lage sei, einmal einen eigenen Haushalt zu führen-. Erst nach Ablegung dieser Prüfungszeit wurde die Heirat erlaubt. Diese Vorschriften galten in erster Linie für Mädchen, die in einen lehnspflichtigen Bauernhof einheiraten wollten.
Die starke Vermehrung des Volkes und die alleinige Möglichkeit seiner Ernährung aus den Erträgnissen des vorhandenen Ackerlandes zwangen zu fortgesetzten Rodungen. Da nun aber der Wald in fester Hand des Lehnsherrn war, musste dieser um Erlaubnis des Einschlages gebeten werden, die auch anfänglich noch fortlaufend erteilt wurde. Auch die Hufenbesitzer, die wegen ihrer starken Familien mit dem begrenzten Besitztum nicht auskamen, gingen nun Rodungen an. Für das gewonnene Neuland verlangte der Lehnsherr jedoch eine alljährliche Abgabe, die man Medum oder Zins nannte. Bauern, die nur Zinsland besaßen, nannte man Zinsbauern. Die Rodungen nahmen derart zu, dass dem Grundherrn, dem Kurfürsten, bange wurde um seinen Waldbesitz und sein Jagdvergnügen. Darum erließ er schließlich eine Verordnung, nach der bestimmte Waldgebiete gebannt und demnach nicht mehr gerodet, ja noch nicht einmal betreten werden durften. Vom Kurfürsten eingesetzte Forsthüter behüteten fortan diese gebannten Wälder. Einer von diesen war unser Lückner (und der lange und breite Hochwald, und wir können uns heute freuen, dass diese herrlichen Wälder aufgrund dieser Verordnung uns erhalten geblieben sind.
Nun kamen die Bauern notgedrungen im Fortgang der Zeit auf die Idee, ihren Besitz an ihre erbhungrigen Kinder aufzuteilen, und die Lehnsherren mussten schließlich notgedrungen und schweren Herzens nachgeben. Es war der Beginn der Splitterwirtschaft. Die Abgabe- und Fronpflicht wurde dadurch ebenfalls verzettelt und es wurde schließlich zweifelhaft, wer das Besthaupt zu leisten hatte. Um diese Streitigkeiten schließlich aus dem Wege zu räumen, wurde durch kurfürstlichen Erlass die Belehnung und Abgabe des Besthauptes abgeschafft, eine Gnadenerweisung, die das Volk als ersten Schritt zur Selbständigkeit und persönlichen Freiheit dankbar begrüßte.
Kirchlicherseits war Nunkirchen gemäß erzbischöflicher Anordnung zum Pfarrort bestimmt und die umliegenden Orte Büschfeld mit Vogelsbüsch, Biel und Michelbach zu Filialen erklärt worden. Demnach wurden in Nunkirchen die Pfarrkirche und das Pfarrhaus erbaut. Das Patronatsrecht, d. h. die Schirmherrschaft über diese Pfarrgebäude, hatte der Burgvogt von Büschfeld und später der Freiherr von Münchweiler, nachdem er 1752 seinen ständigen Wohnsitz dort aufgenommen hatte. Nach Pastor Schäfer, Losheim, war die Pfarrei Nunkirchen außerdem der Großpfarrei Urwahlen unterstellt, wie auch Losheim und Reimsbach, wurden von dort auch seelsorgerisch, besonders in Zeiten der Vakanz, betreut und mussten alljährlich die Markusprozession unter Pflichtbeteiligung aller Familienvorstände oder deren Vertreter, die zu deren Feststellung besonders verlesen wurden, dorthin machen.
Zur würdigen Unterhaltung der Kirche, ferner zur Sicherstellung und unbesorgten Lebensführung des Pfarrers mussten alle Familien der ganzen Pfarrei eine alljährliche Abgabe entrichten, die man den „Zehnten“ nannte. Dieser bestand in der Hauptsache in der Abgabe von Winter- und Sommergetreide.
Zur Sicherung der Staatsidee, zur Wahrung von Recht und Gerechtigkeit, zum Schütze von Leib und Leben, Hab und Gut eines jeden waren Hochgerichtsbezirke gebildet, die dem Kurfürsten, als obersten Gerichtsherrn, und unter ihm den kurfürstlichen Amtmännern und Vogtherren unterstanden. So bildeten Nunkirchen, Niederlosheim und Wahlen einen Hochgerichtsbezirk. Von den Gerichtsurteilen in diesem Bezirk bezog der Kurfürst 1/3, der Amtmann von Saarburg und später von Merzig 1/3 und der Vogtherr von Büschfeld, auch der von Dagstuhl und nach 1752 auch der Freiherr von Münchweiler gemeinsam 1/3 der verhängten und anfallenden Gerichtskosten, mussten sich aber auch im selben Verhältnis in die Gerichtsunkosten teilen. Den Gerichtsherren standen ein Hochgerichtsmeyer und 7 bis 14 Schöffen zur Seite, unbescholtene, ehrenhafte Männer, vom Vogtherrn erwählt und vom Amtmann im Namen des Kurfürsten berufen, die das Recht zu wahren und zu weisen und das Urteil zu fällen hatten, das dann von dem Gerichtsherrn bestätigt, verkündigt und zur Durchführung angeordnet wurde. Das Hochgericht, das im Freien unter einer Linde oder auf einem sonstigen geeigneten Platz stattfand, verhandelte über Landesverrat, Friedensbruch und Vergehen gegen das Leben, die Freiheit und das Eigentum eines Mitmenschen. Kam es zu Todesurteilen, so wurden diese in der Regel im Anschluss an die Gerichtssitzung auf dem Galgenberg bei Nunkirchen unter dem Beisein der Schöffen und des schaulustigen Volkes durch Erhängen vollzogen.
Außer dem Hochgericht gab es auch eine mittlere und eine Grundgerichtsbarkeit. Diese Gerichte wurden von dem Gerichtsmeyer und den Schöffen allein vollzogen und entschieden bei der mittleren über persönliche und freiwillige Rechtsklagen und bei der Grundgerichtsbarkeit über Streitigkeiten über Äcker und Wiesen, Grenzmarken und Feldschäden. Schon in damaliger Zeit War ein Flurschütz angestellt, dem die Flurüberwachung oblag. Die Gerichtsverhandlungen fanden teils regelmäßig zu festgelegten/ Zeiten statt (ungeboten), teils wurden sie aus besonderem, dringendem Anlass einberufen (geboten). Eine in der Regel alljährlich stattfindende Gerichtstagung war das „Jahrgeding“, in dem außer Rechtssachen alle wichtigen Angelegenheiten der Gemeinden verhandelt wurden, wie die Grenzziehung des Hochgerichtsbezirkes, Weisungen über die Rechte der Hochgerichtsherren und Schöffen, über Behandlung der „Mißthätigen“, Aufteilung der Gerichtseinkünfte wie auch der Gerichtskosten u. n. a., und zu dem der Vertreter des Kurfürsten, der Amtmann von Saarburg mit seinem „Notarius“, die Vogtherren von Büschfeld, Dagstuhl und später auch der Freiherr von Münchweiler, der Amtmann vom Kloster Mettlach, der Schultheiß der Pflege Losheim, der Gerichtsmeyer mit sämtlichen Schöffen und die „zugehörigen'“ Hufenbauern erschienen.
Das Jahrgeding (Klarstellung des Weisthumbs, d. h. des Weisens des Rechtes zwischen Grundherrn, Vögten und Scheffen) war ein großer Tag für das ganze Hochgericht, und viel Volk strömte zusammen um den Gerichtsplatz herum. Wo der Gerichtsplatz in Nunkirchen war, ist nicht zu ergründen, vielleicht vor der Kirche auf dem Marktplatz. Der Gerichtsschreiber war entweder der Pfarrer von Nunkirchen, wie es bei Gerichtsverhandlungen jener Zeit vielfach üblich war, oder ein Schreiber vom Ambte Saarburg. Man muss staunen, dass schon in damaliger Zeit sehr viele Wörter in hochdeutscher Form wie heute erscheinen, manche andere allerdings noch sehr mittelalterlich sind. Manche Ausdrücke kommen vor, die wir heute kaum mehr verstehen. Das Jahrgeding wurde feierlich am späten Nachmittag geschlossen und dann in der Wirtschaft ein Umtrunk gehalten, bei dem zuerst der Grundherr spendierte und dann die Vogtherrn. Wenn die hohen Herren abgeritten waren, blieben die Scheffen und das übrige Mannsvolk noch lange sitzen und disputierten über die Weisthümer und tranken dabei, dass sie lustig und fröhlich bis in die späte Nacht beisammen saßen. Es war ein großer Tag für Nunkirchen und noch lange wurde über dies Jahrgeding gesprochen.
In jener Zeit, ja noch bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, war die Landwirtschaft die Haupternährungsquelle der Landbevölkerung. Handel und Gewerbe waren von untergeordneter Bedeutung und wurden meistens in Verbindung mit der Landwirtschaft betrieben, wenn auch ab und zu ein Gewerbe sich durch die Initiative des Inhabers und gegebene Umstände über den Durchschnitt emporhob und für damalige Zeit Erstaunliches leistete.
Der Mittelpunkt der bäuerlichen Wirtschaft war das Bauernhaus, das eine innige Gemeinschaft zwischen Menschen und Vieh bildete. Das Haus wurde nach dem Erbauer genannt, und dieser Name ging über auf seine und deren Nachkommen, so lange das Haus stand. Auch heute noch führen manche Häuser den alten Namen des einstigen Erbauers, wenn sie auch nicht ins Mittelalter zurückreichen, dann aber vielfach in die Zeit vor hundert und noch mehr Jahren, obwohl die Familie, die heute darin wohnt, diesen Namen nicht mehr führt. So gibt es heute: Schmittlatzen, Franzen, Beckersch, Schneiderfranzen, Seemillerschí, Pitten, Lorig u. n. a.
Die Häuser des Mittelalters waren in der Regel Fachwerkbauten, an denen die Axt die Hauptarbeit geleistet hatte. Die Wände zwischen dem Gebälk wurden mit Reisig geflochten, mit einer Lehm- und Strohmischung dick angeschmiert und geglättet und mit einem Kalkanstrich meist in Weiß, aber auch schon in Rot oder Blau verschönt. Das Dach wurde mit Stroh in dicker Lage gedeckt. Es war wohl sehr feuergefährlich, hatte aber andererseits den Vorzug, dass die Speicher unter ihm im Sommer nicht zu warm und im Winter nicht zu kühl wurden.
Der Baustil war, aus der alten Heimat stammend, fränkisch, eine lang gestreckte Front zur Straße, Wohnraum und Wirtschaftsgebäude unter einem Dach, die Haustüre an der Langfront und quergeteilt. Der untere Teil der Türe blieb gegen das Eindringen der Tiere meist geschlossen, während die tagsüber oben offene Türhälfte nicht nur Licht und Luft in den Hausflur und in die dahinter anschließende offene Küche einließ, sondern auch zum gemütlichen Schwätzchen mit der Straße und der Nachbarschaft einlud.
In der Küche war die niedrige, auf einer großen Sandsteinplatte befindliche offene Feuerstelle, darüber der noch unten weit offene „Harscht“ (Schornstein), aus dem die „Hahl“ mit ihrem gezackten Arm über der Feuersteife herunter hing, woran der gusseiserne Henkelkessel baumelte, in dem die Speisen gekocht Wurden, während ein gusseiserner Dreifuß seitwärts auf der Steinplatte parade stand, um auf ihm Pfannen und Brattöpfe über das Feuer zu stellen. Schaute man den „Harscht“ hinauf, so sah .man an Querstangen die von Ruß geschwärzten Schinken, Speck- und Dörrfleischseiten, und weiter oben hinaus den blauen Himmel. Hinter der Feuerstelle in die Wand eingelassen war die große gusseiserne „Takenplatte“, die ihre Wärme in die dahinter liegende Wohnstube ausstrahlte, denn besondere Öfen für die Wohnstube gab es noch kaum im gewöhnlichen Bauernhause. Das wärmste Plätzchen in der Wohnstube war die Takennische, wo auch die Takenbank stand, auf der die Oma und der Opa am liebsten saßen. In der Küche neben der Herdstelle befand sich das Backofenloch, das zu dem von außen angebauten Backofen führte, den jedes Bauernhaus hatte und worin alle 14 Tage Roggenbrot und zur Kirmes Kuchen gebacken wurde.
Vor oder neben dem Hause war der „Petz“ (Brunnen) mit einem aufgebauten Umbau zum Schütze für Mensch und Tier und auch zur Festhalte der Welle, an der der hölzerne Wassereimer, an einer Kette hängend, hinab gelassen und gefüllt heraufgedreht wurde.
Die landwirtschaftliche Betriebsform war, wie schon dargelegt, bis ins späte Mittelalter hinein die Dreifelderwirtschaft. Im Monat Juni bereits wurde die Brachgewann umgepflügt zur Vorbereitung der Kornsaat im Herbste. Der Monat Juni hatte danach den Namen Brachmonat, und zwar der „hungrige“, weil die letztjährigen Vorräte meist aufgezehrt waren und die neue Ernte erst im Werden begriffen war.
Außerhalb der Winter- und Sommergewanne bewirtschaftete man auch die abgeholzten Lohhecken, die man „Röder“ nannte. Der Rasen zwischen den Wurzelstöcken wurde aufgehackt, „geschiffelt“, getrocknet, verbrannt und zur Düngung auseinandergestreut, mit der Hacke der Boden dann aufgelockert und mit Korn besät, was man zwei oder drei Jahre hintereinander tat, bis die neu ausgetriebenen Schößlinge der Wurzelstöcke zu groß geworden waren und die Beackerung behinderten. Die Ernten .in diesen Heckenparzellen waren in der Regel sehr ergiebig, weil der Boden langjährig geruht hatte und auch unkrauffrei war, weshalb diese Ernten hauptsächlich als Saatgetreide dienten. Der Herrschaft zu Büschfeld mussten die Nunkircher Bauern als Fronarbeit alljährlich „Röder“ hauen, brennen, ackern und säen.
Als Gespannvieh galten in damaliger Zeit nur das Pferd und der Ochse, zu deren Fütterung man .auch den vielen Hafer der Sommergewanne benötigte. Aber auch die Menschen aßen gerne zum Frühstück den kräftigen Haferbrei mit ein paar Scheiben Butterbrot. Nach den Kreuzzügen drang noch ein anderes Getreide bei uns ein, das Heidenkorn (Buchweizen), das die Kreuzfahrer aus dem Morgenlande, dem Lande der Heiden, mitgebracht hatten. Es wurde sehr geschätzt zur Bereitung von Mehlspeisen, insbesondere von Pfannenkuchen und Klößen, und auch ein Brei davon als Morgenimbiss, Sterz genannt, war sehr beliebt. Als Anpflanzfluren eigneten sich besonders magere Böden, die bis dahin als öd- und Weideland dienten, die nunmehr unter den Pflug genommen und auch zum Anbau von Erbsen und linsen fortan eingesetzt wurden. Als mit der Einführung der Kartoffeln noch mehr Ackerland benötigt wurde, verschwanden nach und nach die Öd- und Weideflächen bis auf die unergiebigsten, und der Zwang der Dreifelderwirtschaft löste sich auf, was auch schon durch die bereits erwähnte Zersplitterung der Bauernhöfe vorangetrieben wurde. Und als man endlich auch durch die Einführung des Kleeanbaues .genügend Grünfutter für den Sommer und durch die Verbesserung der Rübenkultur, insbesondere der Runkelrübe, zusätzliches Winterfutter einlagern konnte, gab man die sommerliche Weidewirtschaft für das Rindvieh auf und ging zur Stallfütterung über, wodurch wiederum mehr Stallmist gewonnen wurde, der den Fluren zugute kam und das Brachliegen der Fluren erübrigte. Zudem bürgerte sich nun auch der zweite Schnitt der Wiesen, die bis dahin noch nicht gekannte Grummeternte, ein, und der Termin für die allgemeine Beweidung der Wiesen wurde auf den Michelstag verlegt.
Zur Beschaffung von Kleidung und Wäsche betrieb man die Schafzucht und pflanzte Hanf und Flachs. Im Winter schnurrten die Spinnräder, und die fleißigen Hände der Mädchen und Frauen spannen Kisten voll Wolle und Flachs, während die Männer auf den Webstühlen saßen und „Tirtes“ und Leinentuche webten. Große Freude und Abwechslung schaffte sich wintertags die Jugend in den abwechselnd von Haus zu Haus gehaltenen Spinnabenden, wo Geschichten erzählt und lustige Lieder gesungen wurden, währenddem die Mädchen ihre Spinnrädchen fleißig schnurren ließen. Jedes Jahr wurde das fertige Linnen auf die Bleiche gebracht und die Tuche in die Walkmühle, und mit Stolz zeigte man dem Besuch oder dem eventuellen Brautwerber die mit Tuchen, Linnen und Wäsche gefüllten Schränke. Die Herrschaft von Büschfeld ließ sich laut Urkunde vom Jahre 1497 von jedem „Hausgesäß“ zu Büschfeld und Biel ein Pfund Flachs oder Werg abliefern, und wer das nicht konnte, war verpflichtet, ein Pfund Flachs für die Herrschaft zu spinnen. Auch zu Nunkirchen musste um 1500 jeder Haushalt ein Pfund Flachs für die Herrschaft zu Büschfeld spinnen.
Die Wiesenkultur war ursprünglich sehr einfach. Eine Bewässerung durch ein Grabensystem kannte m(an noch nicht. Man machte auf dem Großteil der Wiesen nur einen Schnitt und ließ die Gräser recht lange stehen, damit der Boden sich besamen konnte. Nach der Heugewinnung dienten die Wiesen dann zur allgemeinen Weide. Nur die guten Wiesen beim Haus, „Betzem“ genannt, und die fetten, nassen Wiesen, „Briel“ genannt, mähte man zur Grünfütterung des von der Weide heimgekehrten Viehes. Auch gab es auf dem Gemeindebanne große Weidelandflächen, und selbst in die Hecken wurde das Vieh zur Weide getrieben. Ein besonderer Kuhhirte war dazu in der Gemeinde angestellt, der allmorgendlich, auch sonntags, die Herde sammelte, zur Weide führte und abends ins Dorf zurückbrachte. Der Weg, den die Herde zur Hecke nahm, hieß „Trefweg“ (Treibweg) und hat diesen Namen noch bis zum heutigen Tage. Auch der Schachen war ein Weidegebiet und heißt im Kataster „Kühunner“, was besagt, dass dort sogar ein Unterstand für Kühe gegen Witterungsunbilden war. Einen solchen „Kühunner“ gab es auch am westlichen Ende der „Nauwiese“. Für die Schafe, die vom Schafhirten alltäglich ausgetrieben wurden, gab es einen Schafunner im „Medem“ beim Großen Lückner. Der Schweinehirt trieb die Schweine alltäglich ebenfalls in den Schachen, der von den Borstentieren auf der Suche nach Eicheln und Gewürm vollständig durchwühlt und voller Wasserlachen war, in denen die Tiere sich mit Behagen suhlten. Die Bezahlung der Hirten bestand in der Nutzung von Ländereien, die ihnen die Dorfbewohner umeinander bestellten; ferner bezogen sie Lieferfrüchte aller Art und Geld, desgleichen auch Fleisch und Speck bei den Hausschlachtungen.
H57_Jahrgeding_kleinDie Jagd in allen unsern Waldgebieten und auch die Fischerei in den Bächen und angelegten Weihern, deren es in den „Weihern“ drei und im Carneußfoß einen großen gab, gehörten dem Kurfürsten und den Vogtherren, deren gegenseitige Rechte in dem „Weisthumb“ des Jahrgedings von 1587 (siehe Aufnahme rechts) genau festgelegt waren.
Der Dreißigjährige Krieg brachte ungezähltes Leid über unsere Gegend. Schon in den ersten Jahren desselben hatte unser Ort durch die Kriegsunruhen, harte Kontributionen und Schikanierereien durch die durchziehenden Truppen viel zu leiden. Das Pfarrhaus wurde niedergebrannt. Es kamen aber wieder Jahre der Ruhe bis 1634. In dieser Zeit wurde das Pfarrhaus wieder aufgebaut, und zwar nunmehr aus Steinwerk. Die Kämpfe, die in diesen Jahren in Mitteldeutschland tobten, verlagerten sich aber wieder nach Westen in unser Gebiet. In einem verlustreichen Rückzugsgefecht suchten schwedisch-französische Truppen, von den Kaiserlichen nach dem Hochwald abgedrängt, über Merzig und Wallerfangen die Winterquartiere in Metz zu erreichen. Der Rückzug verlief jedoch nicht fluchtartig, sondern in sich immer wiederholenden Abwehrgefechten, so dass den Soldaten hinreichend Zeit blieb, ihren Lebensunterhalt in den Dörfern, die sie durchzogen, durch Rauben, Plündern, Drangsalierungen und Brandschatzungen zu erlangen. Schon von weitem bemerkte man an den brennenden Dörfern das Herannahen der Feinde. Vor Angst flohen die Menschen mit dem Nötigsten, was sie zu ihrem Lebensunterhalt bedurften, und auch mit dem Vieh in die dichten Waldungen, hielten sich ruhig verborgen und zündeten auch kein Feuer an, um sich nicht durch den Rauch desselben zu verraten. Es war mitten im Winter, und die Menschen hatten viel unter der Kälte zu leiden. Zudem herrschte schon seit Jahren die furchtbarste aller Seuchen, die Pest, unter ihnen, die, durch die Luft übertragen, kein Gebiet verschonte, so dass viele Menschen, junge und alte, durch die harten Strapazen, von Hunger und Kälte nicht mehr widerstandsfähig, von ihr dahingerafft wurden. Nachdem die Feinde abgezogen waren, wagte man sich wieder ins Dorf zurück. Es sah schauderhaft aus, denn es war total zerstört und niedergebrannt bis auf die Kirche, das Pfarrhaus und ein Bauernhaus direkt daneben. Auch das Häuflein der Menschen war nicht mehr groß, und sie nisteten sich alle an der noch erhaltenen Feuerstelle ein. Die Saarburger Steuerlisten vom Jahre 1638 melden für Losheim drei Haushaltungen, für Brotdorf und Besseringen je vier, für das abgelegene Saarhölzbach acht, für Wahlen und Bergen zwei, für Niederlosheim, Nunkirchen, Bachem und Düppenweiler nur eine. Scheiden, Waldhölzbach, Hausbach, Britten, Büschfeld und Rissenthal lagen vollständig zerstört. Diese Angaben sind freilich mit Vorsicht zu benützen, da jene amtlichen Listen an und für sich keine Familienlisten darstellen, sondern Steuerlisten für die Gebäudesteuer. Diese Zahl richtete sich nach der Zahl der Feuerstätten, gleichgültig, wie viele Familien am Herd saßen. Nach dem Familienregister unserer Pfarrei mögen es acht Familien gewesen sein, die an der einen Feuersfelle für einige Zeit gemeinsam hausten, und nach und nach werden sie ihre Häuser wieder aufgebaut haben, und die Saarburger Steuerlisten aus dem Jahre 1684 weisen auch diese acht Feuerstellen nunmehr auf.
Nach dem Dreißigjährigen Kriege hatten die Menschen wieder Mut zum Leben und zur Arbeit zurückgewonnen. Mit zähem Fleiß bebauten sie ihr Land und züchteten Vieh. Auch den Vogtherren mussten sie aufhelfen durch Abgaben und Frondienste. Nach hundert Jahren waren die Wunden ausgeheilt, und Nunkirchen zählte 25 Bauernhäuser und 307 Einwohner. Außerdem war auch das Gewerbe wieder fleißig in Tätigkeit. Die Mahlmühlen klapperten, die Schmiede hämmerten, die Spinnräder schnurrten, und die Weber fertigten Tirtes und Linnen. Auch Schreiner, Schneider und Schuhmacher waren fleißig in Tätigkeit, und sonntags war in den Wirtshäusern frohes Treiben bei Bier und Branntwein. Ein Eisenwerk wurde sogar im Jahre 1724 in Nunkirchen gegründet von einem Trierer Kaufmann und Ratsherrn Carl Gottbill mit Unterstützung seines Schwagers Conrad Lehmon von Büschfeld, der als Hüttenmeister auf der Eisenschmelz zu Bettingen gute Kenntnisse auf diesem Gebiete .besaß, und unter ihrer Beratung und Planung erstellte der Freiherr Zandt von Merl ebenfalls ein solches Werk auf Münchweiler Flur am Losheimer Weg. Sie fertigten hauptsächlich Schmiedeeisen, dann aber auch Gusswaren aller Art und Takenplatten mit schönem figürlichem Schmuck. Das landwirtschaftliche und gewerbliche Leben war in schönem Schwung, bis 1789 durch die französische Revolution der ritterlichen Feudalherrschaft ein Ende bereitet wurde und eine bürgerlich neue Zeit hereinbrach.
Mit dem Einmarsch der revolutionären französischen Armeen in unser Land verließen die adeligen Herrschaffen aus Angst um ihr Leben fluchtartig ihre Burgen und Schlösser und suchten Schutz jenseits des Rheines. Die Franzosen besetzten das ganze linke Rheinland, und die heimatlichen Bauern ergriffen gerne die Losung der französischen Revolutionäre auf: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ Sie zerstörten die Fronburg Büschfeld bis zur Unwohnlichkeit, während das Schloss Münchweiler erhalten blieb, weil eine französische Schwadron es besetzte und für mehrere Jahre Quartier darin bezog. Nach dem Frieden von Luneville 1801 konnte die Familie von Zandt wieder zurückkehren und durch Zahlung einer hohen Kontribution an den französischen Staat ihr Schloss wieder beziehen.
Als Pastor fungierte zu Nunkirchen beim Beginn der Französischen Revolution Herr Johann Baptist Schaak (1788-1805), der aus Trier stammte. Er sollte beim Einzug der Franzosen von diesen verhaftet werden. Als dieselben zu dem Zwecke vor dem Eingang des Pfarrhauses erschienen, sprang Herr Schaak durchs Giebelfenster hinab auf die Straße, flüchtete in den „Pittenecken“ und hielt sich dort verborgen, bis die Franzosen nach vergeblichen Durchsuchungen des Pfarrhauses abgezogen waren. Durch den Absprung hatte sich Herr Schaak aber die Beine derart verstaucht, dass er bis zu seinem Tode nur noch beschwerlich gehen konnte.
Zur Zeit der französischen Besetzung gehörte Nunkirchen zum Kanton (Kreis) Wadern und zum Arrondissement (Bezirk) Birkenfeld. Der Kanton Wadern war eingeteilt in drei Mairien (Bürgermeistereien), nämlich Losheim, Weierweiler und Wadern. Nunkirchen gehörte zur Mairie Weierweiler. Der erste Maire (Bürgermeister) der Mairie de Weierweiler war Josef Schneider, Gerber und Landwirt in Nunkirchen, wohnhaft im alten Wohnhaus des Sägewerks Meyers. Sein Nachfolger wer Matthias Spang, Gast- und Landwirt, ebenfalls zu Nunkirchen. Als die französische Herrschaft mit den Freiheitskriegen zu Ende ging und unser Land am 22.4. 1816 in preußische Verwaltung kam, blieb unsere Bürgermeisterei weiter so bestehen, wie sie in der französischen Zeit abgegrenzt war. Nach Einführung der preußischen Gemeindeordnung im Jahre 1845 wurde sie umbenannt in Bürgermeisterei Weiskirchen, aber die Umsiedlung nach Weiskirchen unterlag noch vielen Schwierigkeiten und konnte erst 1862 nach Erstellung eines besonderen Verwaltungsgebäudes nach dort verlegt werden. Von 1848 bis 1862 war Baron René von Zandt Bürgermeister und leitete von Münchweiler aus die Bürgermeisterei, so dass also alle standesamtlichen Meldungen (Geburten und Sterbefälle) in Münchweiler getätigt werden mussten. Unter der preußischen Verwaltung wurde auch die Banngröße und Flurgrenze neu festgelegt. Herr Jakob Scherer, Adjunkt, Beigeordneter und Kirchenschöffe zu Nunkirchen, hat 1827 den Bann ausgemessen und ein Bannbuch geschrieben, in dem er die „16schuhige Rute, den Schuh zu 12 Zoll, genannt „Nehrenberger Maß“, annimmt. Dieser Schuh ist genau abgezeichnet, und darunter schrieb Scherer: „Dieses ist der wahre Schuh, diesen 16mal ist die wahre Rut.“
Nach den Freiheitskriegen blühte das Wirtschaftsleben neu und mächtig auf und bekam durch die Erfindung der Dampfmaschine einen gewaltigen Impuls. Durch den nun folgenden Bau von Eisenbahnen wurden immer höhere Forderungen an die Eisenwerke gestellt, und diese wiederum trieben an zur Förderung von Kohle und Erzen. Auch Erfindungen von Werkmaschinen aller Art schafften die Grundlage für die Industrialisierung der Wirtschaft, die nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern anhub. Besonders die beiden hiesigen Eisenwerke kamen in besseren Schwung und beschäftigten bald eine stattliche Zahl von Arbeitern. Das Münchweiler Eisenwerk wurde im Jahre 1818 vom Dillinger Werk angekauft, um die hohe Anforderung von Eisen zur Herstellung ihrer berühmt gewordenen Eisenbleche sicherzustellen. Auch andere, kleinere Unternehmen blühten in Nunkirchen auf. So gründete ein Herr Viktor Marx eine Tabakfabrik, die jährlich über 200 Zentner Rohtabak verarbeitete und daraus Zigarren und Kautabak herstellte. Der Wirt Jakob Spang baute eine Bierbrauerei, die jährlich etwa 165 Zentner Malzschrot zu Bier braute und die Gaststätten der umliegenden Orte damit versorgte. Zwei Ledergerbereien kamen in Betrieb, die eine im Besitz des schon erwähnten Josef Schneider im unteren Gelände des heutigen Sägewerkes Meyers, die andere im Besitz des Nikolaus Schmank, der seinen Betrieb bei dem heute noch so benannten „Gerbhaus“ hatte. Im oberen Gelände des Sägewerkes Meyers war eine Loh-, öl- und Walkmühle, die der Familie Weyand gehörte. In der Walkmühle wurden die frisch gewebten Wolltuche in Wasser gequellt und geknetet, dann in einem Hammerwerk gehämmert und gedichtet, dann zwischen Walzen geglättet und nähfertig gemacht. Die Tuchweber von weit und breit, sogar von Eppelborn und aus dem Köllertal, brachten ihre Tuche, um sie hier walken zu lassen. Die Mühle muss also bedeutend gewesen sein und in gutem Rufe gestanden haben. Am Engelsbach, in den Nebengebäuden des heutigen Münchweiler Hofes, war ein Sägewerk, dessen Anlage noch heute deutlich zu erkennen ist an der Wasserführung zum großen Wasserrad.
Auch das Handwerk bekam einen bedeutenden Auftrieb infolge des steigenden Lebensstandards der Dorfbewohner, Die guten Verdienstmöglichkeiten ließen die Bedarfswünsche steigen und führten zu laufenden Aufträgen für alle Handwerker. Durch die Erfindung der Nähmaschine konnten die Schneider schneller und exakter arbeiten, auch für die Schuhmacher war bald eine Nähmaschine erfunden und für die Schreiner eine Bandsäge. Die Arbeit ging nun schneller und leichter vonstatten, die Produktion steigerte sich, und der Verdienst wurde größer. Nicht nur die Bauern, sondern auch die Handwerker, zu denen sich auch die kleinen Industriellen zählten, spielten im Dorfleben nun eine wichtige Rolle. Sie schlössen sich in ihrem Handwerkerverein zusammen, hatten ihre eigene Fahne und feierten alljährlich ihre frohen Feste. Infolge dieser ansteigenden wirtschaftlichen Blüte wuchs die Einwohnerzahl unseres Dorfes ganz beträchtlich. Im Jahre 1854 zählte es bereits 205 Haushaltungen mit 1020 Einwohnern.
Der für Deutschland siegreich verlaufene Krieg von 1870/71 gab der deutschen Wirtschaft einen neuen gewaltigen Auftrieb. Die Großindustrie nahm ihren Anfang, und mit ihr erfolgte wieder eine Umschichtung der arbeitenden Menschen. Neben dem Bauern- und dem Handwerker- blühte der Arbeiterstand auf, der in seiner wachsenden Stärke auf seine Rechte pochte und zur Sicherung seiner Lebensführung vom Staate die soziale Gesetzgebung erzwang. Es bildete sich nach und nach in jeder Familie, die nur zu arbeiten gewillt war, ein gediegener Wohlstand, was auch äußerlich sichtbar in Erscheinung trat in der Kleidung, in dem Bau und der inneren Ausstattung der Häuser und in einem blühenden Vereinsleben mit vielen fröhlichen Festen. Der Wohlstand unseres Dorfes trat auch in seiner Gesamtheit in Erscheinung durch den Bau seiner herrlichen gotischen Kirche und seiner schönen Schule.

H57_Saegewerk_kleinDie beiden für uns unglücklichen Weltkriege von 1914/18 und 1939/45 konnten die wirtschaftliche Entwicklung unserer Heimat nicht hemmen. Durch die verbissene Entschlossenheit des deutschen Menschen ist eine Wirtschaft aufgeblüht, die man in der Welt als „deutsches Wirtschaftswunder“ beneidet. Das Abbild eines Wirtschaftswunders zeigt sich auch im Kleinen in unserem Heimatdorf. Das Sägewerk Hermann Meyers (unser Foto rechts zeigt eine Gesamtansicht), ehemals eine Loh-, Öl-, Walk-, Mehl- und Sagemühle, hat sich spezialisiert zu einem Sägewerk mit einer Belegschaft von 40 bis 50 Arbeitern und schneidet Eichen, Buchen, Kiefern und Fichten nicht nur aus dem Hochwalde, sondern auch aus den Vogesen und den Landen am Golf von Biscaya. Besonders in Buchenholz hat die Firma einen großen Umsatz und beliefert damit die Stuhlfabriken in Nunkirchen und in Fraulautern. Regelmäßig geht auch gedämpftes Buchenschnittholz in Lastzügen nach Holland.

Ein zweites, großes Sägewerk hat die Firma Peter Wollscheid aufgebaut und hat eine Belegschaft bis zu 100 Arbeitern und noch darüber. Sie verarbeitet in der Hauptsache Fichten- und Eichenholz aus unserm Hochwald, das sie mit eigenen, von stolzen und kräftigen Pferden gezogenen Fuhrwerken heranschafft. Aus der anfänglichen Spezialität der Belieferung der Saarkohlengruben mit Grubenholz hat sie seit etwa 10 Jahren zwei bedeutende Nebenbetriebe geschaffen für Dachkonstruktionen und Bau- und Möbelschreinerei, so dass sie das meiste Schnittholz in Fichten und Eichen selbst verarbeitet, jedoch auch an Schreiner abgibt.
Die Stuhlfabrik Jakob Mayer-Fontaine eröffnete ihren Betrieb vor etwa 35 Jahren und hat heute eine Belegschaft von rund 80 Arbeitern mit einer Tagesproduktion von 800 bis 1000 Stühlen. Außer diesem Gestühl für Wohn- und Gasthäuser stellt sie auch Sessel in verschiedenen Formen, insbesondere Klappsessel für Kinosäle, dann auch Kleinmöbel und Tische her. Der Versand geht weit .über die Grenzen des Saarlandes hinaus nach Frankreich und den Beneluxländern und wird sich nach der wirtschaftlichen Rückgliederung nach Deutschland auch diesen Markt wieder zurückerobern, den sie ehedem bis hinauf ins Ruhrgebiet besaß.
Die Schulmöbel- und Turngerätefabrik Franz Müller & Sohn ging aus einem ehemaligen Bau- und Möbelschreinereibetrieb hervor, der schon seit hundert Jahren sich von Vater auf Sohn immer wieder als reiner Familienbetrieb erhielt, seit nunmehr dreißig Jahren sich auf Schulmöbel spezialisierte und im Anschluss daran auch Turngeräte herstellt. Der Betrieb ist mit modernen deutschen Werkmaschinen eingerichtet, und mit 40 bis 50 handwerklich geschulten Arbeitern hat er eine Kapazität erreicht, die im Saarland führend ist und nun auch hoffentlich bald die alten Absatzgebiete im deutschen Bundeslande wieder zurückgewinnen wird.
H57_Holo_kleinDer größte aller holzverarbeitenden Betriebe in unserer Heimat ist jedoch das Holzfaserplattenwerk Losheim. Obwohl es nicht auf der Gemarkung Nunkirchen, auch nicht auf der von Münchweiler, aber hart an der Grenze derselben liegt, zählen wir es doch zu unseren Heimatbetrieben, denn wir sind mit ihm verbunden und an seinem wirtschaftlichen Aufschwung sehr stark interessiert, weil eine beträchtliche Zahl seiner Arbeiter und Angestellten Nunkircher Bürger sind. Das Werk hat eine Belegschaft von durchschnittlich 400-500 Arbeitern und Angestellten und stellt, wie der Name schon sagt, Holzfaserplatten her, die zu Innenausstattungen von Wohnungen, Verwaltungs- und Arbeitsräumen, zum Innenausbau von Schiffen und Flugzeugen, zur Herstellung von Tischplatten und Möbeln und als Spezialität von der Firma selbst zur Fabrikation von Zimmertüren am laufenden Band Verwendung finden.
Wenn bis jetzt die holzverarbeitenden Industrien aufgezählt und in ihrer Bedeutung gewürdigt wurden, so sei nun die holzerzeugende Industrie, in der Rangstufe ebenbürtig, als Abschluss dieser Branche dargelegt. Es ist die Firma Schulz & Kappel, die sich mit diesem Aufgabengebiet befasst. In einem Areal von rund 160 Morgen betreibt sie eine Forstbaumschule in allen einschlägigen heutigen Gehölzen unserer Wälder, Parkanlagen und Straßenumpflanzungen. In langen Reihen von Vermehrungsbeeten unter Glas werden desgleichen alle Nuancen von Ziersträuchern herangezogen und später ins geeignete Freiland verschult. Ein Schau- und Sortimentsgarten neben dem Geschäftsgebäude gibt jedem Geschäftsfreund und Kunden eine Übersicht über die zum Verkaufbereiten Ziersträucher und Stauden, die hauptsächlich von größeren Städten, großen Garten baubetrieben, aber auch von Privatkundschaft bezogen werden. Auch in Rosen, insbesondere Buschrosen, auch Obstbäumen, die aber nicht selbst aufgezogen, sondern nur im Zwischenhandel durch den Betrieb gehen, hat die Firma einen bedeutenden Umsatz. Ein besonderes handelsmäßiges Aufgabengebiet ist sodann der Vertrieb von Forstsämereien in Großformat. Bezogen wird dieser Samen nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen einschlägigen Ländern, in denen die heute gefragten Pflanzen gedeihen -und Samen daraus gewonnen wird, so aus Dänemark, Holland, Belgien, Österreich, der Tschechoslowakei, Bulgarien, aus den USA und Japan. Während die Hauptabnehmer von Forstpflanzen und Ziersträuchern das Saarland und Frankreich sind, gehen die Sämereien in alle Länder. Die Forstbaumschule Schulz & Kappel ist eine der bedeutendsten im Saarlande. Ihre Aufzuchtkulturen geben das Bild einer ausgezeichneten Musterwirtschaft, eine Augenweide für den Beschauer, und dadurch, dass sie durchschnittlich 80-100 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt, hat sie die gewerbliche Struktur von Nunkirchen bedeutend gesteigert und deren Steuereinnahmequelle vermehrt.
Die Reihe der industriellen Unternehmen bildet abschließend die Hohlblocksteinfabrik der Firma Pront. Sie kann nun bald auf eine zehnjährige erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken und stellt in ihrem geräumigen Hallenbau mit ihren modernen, elektrisch betriebenen Form- und Rüttelmaschinen Steine in allen, gefragten Arten her, die sowohl innerhalb des Ortes als auch durch den Baumarkt reißend abgehen, so dass der Betrieb, der durchschnittlich 12 Arbeiter beschäftigt, Not hat, allen Bestellungen termingerecht nachzukommen. Das Fabrikgelände ist glücklicherweise groß genug, um sich noch zu erweitern, und hat auch eine ausgezeichnete Lage.
Und nun möchte ich auch die handwerklichen und kaufmännischen Betriebe unseres Heimatortes rühmlichst hervorheben. Das Baugeschäft Matthias Kreuder beschäftigt durchschnittlich 20-25 Arbeiter und erstellt nicht nur Wohn- und Geschäftshäuser, sondern auch Kirchen und Kapellen. Im Bausektor sind dann weiter tätig zum inneren Ausbau zwei Plattenlegegeschäfte, und zwar die von Josef Porta und Karl Hirschauer, die auch die kompletten sanitären Anlagen herrichten. Zwei Elektro-Installationsgeschäfte, Arnold Pitzius und Ludwig Thielen, versorgen die Bauten mit elektrischem Strom und Licht und führen in ihren Verkaufsläden eine reiche Auswahl von elektrischen Lampen, von elektrischen Haushaltgeräten und sogar Kühlschränken, Waschmaschinen, Radios und Fernsehgeräten. Drei Bau- und Möbelschreinereien sorgen dann für die innere, warme Wohnlichkeit der Häuser, und zwar die von August Lang, von Herbert Kerber, der auch eine Stellmacherei dazu betreibt, und die der Firma Peter Wollscheid als Nebenbetrieb zu dessen Sägewerk. Den letzten schönen Schliff der Häuser besorgen dann mit Tapete, Farbe und Lack drei Anstreicher- und Malerbetriebe, und zwar die von Peter Werding, Heinrich Moritz und Max Werding. Das Klempnergeschäft Klein verlegt die Dachrinnen, macht Zinkeinfassungen und besorgt auch sanitäre Installationen im Hause. Die Vorgärten und Balkone vieler Häuser werden geschmückt durch Eisengitter in kunstvoller Meisterarbeit unserer beiden Eisenbetriebe von Matthias Billen Söhne und Emil Müller. Der erstere Betrieb ist eine Großschmiede und betätigt sich speziell im Wagenbau und Vertrieb landwirtschaftlicher Maschinen, während der letztere eine Eisendreherei ist, Dreh-, Fräs- und Hobelarbeiten jeder Art ausführt und in eigener Konstruktion Trenn- und Schleifmaschinen sowie Hebezeuge herstellt, so dass wir von ihm sagen können, dass er den Start zu einer Maschinenfabrik begonnen hat. Als dritter Eisenbetrieb sei auch die Autoreparaturwerkstätte von Josef Kraus aufgeführt.
In der Bekleidungsbranche besitzt unser Ort drei Textilgeschäfte, und zwar von Werner Faas, Johann Engstier und Paula Ney, vier Herren- und Damenschneidereien von Peter Lang, Gebrüder Zimmer, Katharina Koch und Hugo Valentin, einige Damenschneidereien sowie vier Schuhgeschäfte von Heinrich Lang, Helmut Lang, Peter Bauer und Willi Wilkin, von denen die drei letzteren auch eine Schuhmacherwerkstätte betreiben.
Die Lebensmittelbranche ist besonders reich vertreten. Da müssen zunächst die Erzeuger unserer Lebensmittel, die Bauern, genannt werden, deren wir in Nunkirchen etwa 24 und in Münchweiler 10 besitzen. Ihre Produktion an Milch geht in die Molkerei nach Niederlosheim, wo sie zu Butter und Käse verarbeitet wird, ihre Produktion an Fleisch geht an unsere beiden Metzgereien Josef Schmitt und Michel Koch, und ihr Getreide an unsere beiden Bäckereien Albert Spang und Alfons Münster. Alle übrigen Lebensmittel, insbesondere auch die Kolonialwaren, werden durch den Großhandel hereingebracht und in unseren Lebensmittelgeschäften verkauft. Davon haben wir eine ganze Anzahl, nämlich Johann Spang, Albert Spang, Werner Faas, Katharina Meyer, Hilde Breitkopf, Ernst Schmelzer, Johann Hoff, Nikolaus Schmitt, Hans Rudi Schäfer, Alfons Münster und Hedwig Engel. Für Gartensämereien, Blumenschmuck und Kranzbinderei haben wir die Geschäfte Hecktor, Brauchle und Leichtweis, und für Haar- und Körperpflege die Friseurgeschäfte von Frau Maria Wagner, Peter Engel und Heinrich Meyer.
Eisenwaren jeder Art, auch Öfen und Herde, sowie Glas- und Porzellanwaren führt das Geschäft von Josef Antz, Möbel aller Art sowie Teppiche und Polsterwaren die Möbelgeschäfte Franz Müller und Matthias Müller, letzterer dazu auch Sattlerwaren, für den Schmuck des Hauses sowie auch für den persönlichen Schmuck ist besorgt das Uhren-, Gold- und Kristallwarengeschäft von Alfred Schneider, und für schöne Fotos für Pass, Album und Wandschmuck das Fotogeschäft von Richard Scheid. Für Gesunderhaltung und körperliches Wohlbefinden sorgt unser Arzt, Herr Dr. Reimann, für Gesunderhaltung und Ersatz unserer Zähne Herr Zahnarzt Heinz Sender, und Mittel zur Erhaltung unserer Gesundheit und Abwehr gegen Krankheit von Mensch und Tier führt unsere Drogerie Nikolaus Thome, die auch zusätzlich Farben und Tapeten führt. Acht schöne Gaststätten bieten Gelegenheit zu fröhlicher Geselligkeit, Vereins- und Dorffesten, nämlich die von Johann Lauer, Michel Koch, Johann Hoff, Hanns Salm, Edi Kuhn, Amalia Biewer, Erna Lauk, Olga v. Zandt, und der Bierverleger Clemens Gottfried versorgt sie mit den nötigen Getränken. Ein modernes Kino von Herrn Salm sorgt für angenehme Abwechslung im Alltagsleben. Fleißige Sparer haben Gelegenheit, ihr Geld bei der Zweigstelle der Kreissparkasse oder bei der Raiffeisenkasse anzulegen, während andererseits von diesen Gelder zur Investierung an strebsame Betriebe und Baulustige gegeben werden. Zur Sicherung von Hab und Gut, von Gesundheit, Einkommen und Leben sind die Versicherungsgesellschaften in unserm Dorfe wirksam vertreten durch die Herren Nikolaus, Karl und Johann Demmer, und für die Versorgung unserer Autos und Traktoren mit Treibstoff wirken die beiden Tankstellen von Johann Schäfer und Peter Bauer. Nicht vergessen sei dann auch die Posthilfsstelle, die den Brief-, Paket-, Geld- und Telefonverkehr von und zu der Außenwelt exakt vermittelt.
Die große Vielfalt all dieser gewerblichen und kaufmännischen Betriebe bildet den guten und soliden Mittelstand in unserm Dorfe, und es findet auch ein Großteil unserer Einwohner darin als Angestellte, gelernte und ungelernte Arbeiter lohnende Beschäftigung. Und dennoch fährt ein beträchtlicher Teil unserer arbeitsfähigen Männer und arbeitswilligen Mädchen mit der Eisenbahn, mit Omnibussen oder sogar mit eigenen Fahrzeugen nach auswärtigen Arbeitsstellen, sei es als Beamte oder Angestellte in Verwaltungen des öffentlichen Dienstes oder in Büros der Großindustrie, oder sei es als Arbeiter dort selbst, vor allem im Bergbau und der Hüttenindustrie. Die ausgezeichnete Wirtschaftslage der heutigen Zeit hat durch eine zufrieden stellende Gehalts- und Lohnzahlung, sowie auch durch großzügige soziale Zugaben und Unterstützung einen noch nie erreichten Lebensstandard geschaffen, von dem zu hoffen ist, dass er dauernden Bestand haben möge.
Das flott und reichlich verdiente Geld wird auch dem heutigen Zeitgeist entsprechend ebenso schnell wieder ausgegeben, gleichsam verkonsumiert, denn dazu bietet sich ja reichlich Gelegenheit. Die vielen schönen Geschäfte in unserm Dorfe mit den verlockenden Auslagen in den großen Schaufenstern und die eigenen triebsamen Wünsche reizen dauernd zum Kaufe, die acht Gaststätten laden ein zum Gläschen Bier, zum Gläschen Wein, zur unterhaltsamen Gesellschaft, das Kino reizt durch seine ausgezeichnete Propaganda zum immer und immer wiederkehrenden Besuch, und all die Vereine mit ihren Versammlungen, Veranstaltungen und frohen Festen verlangen ein Letztes an Hergabe von Zeit und Geld.
Mit ganz besonderem Elan verstehen die Nunkircher ihre Feste zu feiern. Die Herz-Jesu-Kirmes ist das Hauptfest und zieht immer viele Tausend Fremde an. Martini und Fastnacht sind Feste mehr interner Art, werden jedoch in bester Fröhlichkeit begangen. Seit zwei Jahren feiert Nunkirchen ein Blumenfest, das als zweites großes Sommerfest gedacht ist. Um ihm einen besonderen Glanz zu verleihen, wird jedes Jahr eine Blumenkönigin gewählt und am Vorabend des Festes in einem großen Kommers feierlich gekrönt. Ihr zu Ehren wird dann am Festtage selbst ein Blumenkorso ;mit vielen blumengeschmückten Wagen durch die Straßen des Dorfes nach dem Festplatze im Gutwieswalde veranstaltet, wo bei Gesang, Musik und Tanz das Fest fröhlich verläuft und dann abends in den Sälen fortgesetzt wird. Der Blumenkorso, der in den beiden vergangenen Jahren mit ausgezeichneter Mühe und Sorgfalt und herrlicher Blumenpracht aufgezogen war, ist der Hauptanreiz für die Fremden, die zu unserem Feste herbeieilen und es fröhlich mitfeiern. Der Montagnachmittag dient der Belustigung unserer Kinder auf dem Festplatze, und auch viele Erwachsene finden sich wiederum ein. Während die obigen Feste traditioneller Art sind und auch das Blumenfest ein solches zu werden verspricht, feiern unsere Vereine von Zeit zu Zeit ihre Jubiläumsfeste. So erlebten wir schon einige Sänger- und Bergmannsfeste, und in diesem Jahr werden auch der Musikverein und der Hüttenarbeiterverein ein großes, öffentliches Fest begehen.
Jedoch auch der inneren Besinnlichkeit, der familientreuen Häuslichkeit, der religiösen Pflichterfüllung im Dank an den großen Schöpfer dieser Erde, der uns Menschen die Geistesgabe zur Nutzbarmachung aller Schätze und Kräfte gütigst verliehen hat, darf nicht Abbruch getan werden, dann ist das hiesige irdische Leben in etwa vollkommen und kann und möge so seinen Fortgang nehmen.


Der große Brand im Jahr 1835

Es war an einem Sonntag im August. Das Korn war bereits geschnitten, und die Kasten standen auf den Feldern in säuberlichen Reihen. Noch ein paar trockene Tage, und mit, der Einfuhr konnte begonnen werden. Es wehte ja ein guter, trockener Nordost, und zufrieden gingen die Bauern an diesem Sonntagnachmittag in die Wirtschaft, wo sie beim „Bauerspielchen“ einen Schoppen am den andern herausspielten und in vergnügter Runde verkümmelten. Auch die vom Eisenwerk waren schon da und brachten mit ihrem Zahltag Stimmung in die Bude. Das Bier wurde in Runden getrunken und dazu der schwarze Knaster in der erdenen Pfeife gequalmt. Und war sie leer, dann wurde sie ausgeklopft, neu gefüllt und mit dem Schlagstahl an Feuerstein und Zunder wieder frisch entzündet. Das geschah nicht nur drinnen in der Stube, sondern auch draußen auf dem Hof, wo die Funken dabei lustig im Winde davonstoben.
Plötzlich gab’s auf der Straße ein Geschrei. Zwei Buben stürzten in die Wirtsstube und schrieen: „Et brennt! Et brennt! – „Wo? Wo?“ fragt man mit aufgerissenen Augen. „Off auerm Dach! Hei off der Wiertschaft!“ Das war ein Signal, das alle aufspringen ließ. Sie eilten hinaus und sahen das Dach in Flammen. Es war ja ein Strohdach und dürr von der langen Sommerhitze. Mit Eimern eilte man zum Floß, zum Petz, zum Bach, und schleuderte das Wasser auf das brennende Dach. Aber was nutzte das? Es stand ja schon bis zum First in Flammen, und so hoch kam man nicht. Und jetzt! Das nächste Dach hatte auch schon Feuer gefangen und fing an zu brennen! Ratlos schauten die Männer sich um, die Frauen kreischten auf und die Kinder schrieen. Sie begriffen, dass hier gerettet werden musste, was noch zu retten war an Kleidern, Wäsche, Möbeln, Küchengeschirr und vor allem das Vieh aus den Ställen. Der Wind trug das Feuer bereits auf das dritte Dach, und besorgt und voller Angst eilte jeder nach seinem Hause, goss mit Eimern Wasser auf das Dach um es vor der Entzündung zu bewahren.
Es war leider umsonst. Wind und Feuer waren schneller als sie. In einer Stunde war die ganze Häuserzeile, angefangen von der Wirtschaft, dem heutigen Hause Jakob Lang, den „Hiwel“ hinauf, über den Marktplatz ins Oberdorf hinein bis zu dem letzten Hause am Floß, wo heute Johann Müller wohnt, am brennen. Die ganze lange Häuserzeile auf der einen Seite der Straße war in einigen Stunden niedergebrannt, und die Leute konnten nur das Notwendigste retten.
Wie war so etwas möglich? fragen wir uns heute ungläubig. Nun, alle Häuser waren mit Stroh gedeckt, und die Dächer waren von der Sommerhitze rappeldürr. Die Häuser selbst waren Fachwerkbauten aus Balken, Reisern, Stroh und Lehm. Eine Feuerwehr gab es damals noch nicht, auch keine Wasserleitung und keine Schläuche. Hellauf flackerte die Feuersäule, und der Wind trieb sie von Dach zu Dach. Beide machten ganze Arbeit und hinterließen nichts als einen langen Aschenhaufen; der noch tagelang dahinschwelte. Aber die Menschen verzagten nicht und gingen entschlossen an den Wiederaufbau. Nun waren sie gescheit geworden und bauten Steinhäuser, so wie Kirche und Pfarrhaus.
Aufgrund eines Gemeinderatsbeschlusses musste die Bauflucht der Häuser am Marktplatz entlang etwa 30 Meter zurückversetzt werden, um diesen zu vergrößern, denn er war ehedem kaum halb so groß wie heute, und die Pumpe, die bis vor 40 Jahren dort stand und Wasserspender für alle umwohnenden Hausbesitzer, insbesondere auch für die aus der „Löwengrät“ war, soll vordem am Giebel eines dieser alten Häuser als Ziehbrunnen sich befunden haben und mit der Herrichtung des vergrößerten Marktplatzes mit einer Steinplatte abgedeckt und mit einer gusseisernen Pumpe versehen worden sein.
Alle Häuser dieser Straßenseite, die nun gebaut wurden, trugen auf dem Türstein die Jahreszahl 1835, 1836 oder 1837. Im Laufe der nun folgenden 120 Jahre sind die meisten schon wieder umgebaut worden, aber eines steht noch so, wie es damals gebaut wurde, nämlich das „Kraußenhaus“, und zeigt auf dem Türstein Baujahr und Namen der Erbauer: N.W. 1836 M.P. G., was heißt: Nikolaus Weyand 1836 Maria Philippine Gottbill.

FritzGluttingBrand1918Fritz Glutting hat in einem Artikel für die Saarbrücker Zeitung einen schweren Brand im Jahr 1918 beschrieben. Er erinnert darin auch an die Feuerkatastrophe von 1835.

 

 

 


Geschichte der ehemaligen Reichritterschaft Münchweiler

Wenn die warme Märzsonne zum ersten Frühlingsspaziergang lockte, dann war der Weg zu meiner Kinderzeit stets nach Schloss Münchweiler. Wir sagten: „Wir gehen nach Münchweiler Veilchen pflücken!“ Da standen ja zu beiden Seiten der Allee, unter den Hecken und zu Füßen der Einfassungsmauern des Parks diese duftenden Blaublümlein in rauen Mengen. Wir pflückten uns einen Strauß, lugten auch mal lange und neugierig durch die Eingangspforte in den herrlichen Park, traten auch freimütig und ohne Scheu in den großen Schlosshof und bewunderten die imposante Fassade des Schlosses.
Wenn an schönen Sonntag-Vormittagen die Kirchenglocken zum Gottesdienste riefen, dann beeilten wir Kinder uns, um an die Straße zu kommen, denn wir wollten es nicht verpassen, zu sehen, wenn die Münchweiler Landauer, bespannt mit vier Pferden, herangaloppierten und an uns vorbei zur Kirche brausten. Mit großen Augen schauten wir hinauf zu den Baronen und Baronessen, zu den Barönchen und Baronesschen.
Oder, wenn im Mai die Bittprozessionen gehalten wurden, dann führte auch eine nach Schloss Münchweiler, wo in der Schlosskapelle dann die hl. Messe gelesen wurde. Die Beteiligung an dieser Prozession war so groß, dass das Kirchlein nur einen winzigen Teil der Wallfahrer fassen konnte und der größte Teil, auch wir Kinder, im Schatten der mächtigen Linde vor der Kapelle dem Gottesdienste beiwohnte und dabei auch ab und zu einen Blick durch das wappengeschmückte Gittertor in den Schlosspark warfen. Münchweiler war für uns Kinder ein Ehrfurcht gebietender Begriff, und was das Auge dort erschaute, war schön und erhebend, und was wir dabei erlebten, war angenehm und abwechslungsreich.
Die Geschichte der Reichsritterschaft Münchweiler reicht weit ins Mittelalter zurück. Wie schon in der Dorfgeschichte erwähnt, mag das Hofgut Münchweiler, das freilich damals diesen Namen noch nicht führte, einem fränkischen Edeling zugewiesen worden sein, eine Annahme, die nicht auf nachweisbaren Urkunden beruht, sondern nur einer logischen Schlussfolgerung der damaligen Besiedlungsstruktur entspricht. Jedenfalls muss schon beim Einzug der Franken dort ein keltischer Hof, vielleicht ebenfalls Besitz eines keltischen Edelings, bestanden haben, wie Herr Lehrer Dewes durch die Entdeckung keltischer Hügelgräber daselbst nachzuweisen versucht. Dieses Hofgut hat im Hösbachtale, an der Nordwestecke der heutigen „Zandtersch Heck“, gestanden, denn dort stieß man bei Ausgrabungen auf Fundamente, Tonscherben und Gebrauchsgegenstände. Die Fundamente deuten einen großen Rechteckbau an von „22 Schritt Länge und 20 Schritt Breite“ und einen Turm von „9 Meter Durchmesser“. Der Brunnen, der in der Nähe heute noch unentwegt fließt, mag damals der Trinkwasserspender gewesen sein.
Viele hundert Jahre vergingen nun, bis endlich im Anfang des 13. Jahrhunderts die erste Urkunde Münchweiler erwähnt, Sie ist in dem „Mittelrheinischen Urkundenbuch von Beyer“ aufgeführt, und zwar in dem Güterverzeichnis der Abtei Maximin. Dort heißt es: „… habemus in Wilre … salicam siluam, de qua habemus quartam gerbam.“ übersetzt: „Wir haben in Wilre einen Herrenwald, von welchem wir die vierte Garbe haben.“ Beyer deutet Wilre als Münchweiler, und der Kartograph Lamprecht hat es von ihm in die Karte des Maximiner Besitzes aufgenommen. Der Ausdruck „vierte Garbe“ bedeutet, dass dem Kloster der vierte Teil der Ernte abgeliefert werden musste. Unter Herrenwald verstand man in damaliger Zeit ein Besitztum, das .aus einem Herrenhof mit viel Wald und mehreren dazugehörigen Bauernhöfen bestand, deren Bewirtschafter abgäbe- und fronpflichtig waren.
Wie mag nun der Hof in den Besitz der Maximiner Mönche gekommen sein? Sicherlich durch Schenkung aus frommer Gesinnung der fränkischen, vielleicht kinderlosen Familie, was in damaliger Zeit sehr häufig geschah, auch nicht erst im Anfang des J3. Jahrhunderts; sondern vielleicht schon hunderte von Jahren vorher. Die Erwähnung in der Urkunde, dass der Hof die vierte Garbe als Abgabe an das Kloster abwarf, lässt weiter die Vermutung zu, dass der Hof einem Lehnsmanne übertragen war, der zu dieser Abgabe verpflichtet war. Die dazugehörigen kleineren Bauernhöfe sind in einer späteren Urkunde, auf die zurückgekommen wird, aufgeführt und befanden sich in den Gemeinden Nunkirchen, Wahlen und Niederlosheim.
Im „Balduineum Kesselstadt“, einer großen Urkundensammlung des Erzbischofs Balduin von Trier vom Jahre 1430, ist Münchweiler als „Moinchweiler“ eingetragen. Diese Benennung mag als Beweis dienen, dass das damalige Münchweiler in der Tat Mönchen gehörte, wie in der Urkunde von Beyer 100 Jahre vorher auch richtig vermutet worden ist.
Im Jahre 1661. gehörte nach den Aufzeichnungen von .Barsch „Beschreibung des Regierungsbezirkes Trier“ Münchweiler nicht mehr den Maximinern, sondern dem Rittergeschlechte der Freiherrn von Hagen zur Motten in Lebach, die auch die Burg zu Büschfeld und die zu Weiskirchen nebst großen Gütern zu Lehen von dem Kurfürsten zu Trier besaßen. Das Jahr 1661 wird in der Urkunde aus dem Grunde erwähnt, weil in diesem Jahre der Freiherr Kaspar Friedrich von Britzke, der kurfürstlicher Amtmann auf der Grimburg war, sich mit dem Freifräulein Magdalena Juliana von Hagen vermählte und als Mitgift die beiden Herrenhöfe Münchweiler und Weiskirchen erhielt. Nach einer Notiz bei Barsch, Seite 300, trugen die Freiherrn von Hagen Weiskirchen vom Trierischen Erzstift zu Lehen während sie über Münchweiler unumschränkte Herren waren. Im Jahre 1666 erwarb er auch den Geisweiler Hof von den Brüdern seiner Gemahlin Franz Peter und Ludwig Johann von Hagen.
Der Sohn des Kaspar Friedrich von Britzke und der Magdalena Juliana von Hagen war Karl Kaspar Britzke. Er wurde nach Barsch, Seite 113, mit dem Rittersitz Weiskirchen von Kurtrier belehnt: „Das Lehen mit den dazugehörigen Allodien (Zinsgütern) an Land und Wiesen war zu 12 Malter Korn und 12 Malter Hafer veranschlagt und die dortige Mühle zu 6 Malter Korn.“ Bärsch führt nun auch die Einkünfte aus dem Herrenhofe Münchweiler anschließend auf: „Ein Höfchen zu Wahlen war zu 21/2 Malter Korn und 21/2 Malter Hafer, 1/6 des Zehnten daselbst zu 31/2 Malter Korn und 31/2 Malter Hafer, die ständigen Zinsen von den Untertanen zu 18 Malter Korn, die Pacht und Zinsen von der Mühle (zu Delborn) 2 Malter Korn und eine Geldrente von 20 fl. veranschlagt; wohingegen der Herrenhof zu Münchweiler nur 2 Malter Korn und) 2 Malter Hafer abzuliefern hatte. Die Gefälle zu Niederlosheim betrugen ó Malter und 2 Simmern Korn und 12 Thaler Geldzins.“
Aus der geringen Abgabe, die der Herrenhof Münchweiler selbst aufzubringen hatte, ist zu entnehmen, dass derselbe sich um jene Zeit, es war ja nach dem Dreißigjährigen Kriege, in einem sehr schlechten Zustande befunden haben muss. Vielleicht war er durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges ganz verwaist, die Lehnsleute gemordet oder durch die Pest gestorben, die Gebäulichkeiten verbrannt und zerstört und die Fluren und Wiesen verwildert, was sich in einer späteren Urkunde aus dem Jahre 1731 auch bestätigt findet, in welcher die nunmehrige Schönheit des Herrenhofes Münchweiler hervorgehoben wird, trotzdem er „ein aus dem Wilden gerodeter Hof“ ehedem gewesen sei. Den neu eingesetzten Lehnsmann schonte man durch eine geringe Abgabe an den Lehnsherrn, mag ihn dabei aber verpflichtet haben, den Hof wieder in Ordnung zu bringen.
Karl Kaspar von Britzke hatte als einzige Nachkomme und Erbin Anna Maria Elisabeth von Britzke. Nachdem ihr Vater, der ja Amtmann auf der Grimburg war, verstarb, erwählte sie ihre Burg zu Weiskirchen als Wohnsitz. Der Nachfolger ihres Vaters als kurfürstlicher Amtmann zu Grimburg wurde Emmerich Karl Josef Zandt von Merl. Dieser Herr entstammte einem alten Adelsgeschlechte von der Burg Lissingen in der Eifel bei Gerolstein. Die von Zandt gehörten dem Uradel des Moselgaues an und werden schon mit Erfo und Wernerus de Merle 1120 urkundlich erwähnt (Beyer, Mittelrheinisches Urkundenbuch, 1. Band Nr. 442). Sie saßen als Erbvögte von Merl im Hamm und gehörten der Reichsritterschaft seit deren Begründung (1577) an (Gothaisches Genealogisches Taschenb. 1905, Nr. 386).
Herr Emmerich Karl Josef Zandt von Merl vermählte sich mit Anna Maria Elisabeth von Britzke, und sie residierten hauptsächlich auf ihrer Burg zu Weiskirchen. Sie nahmen sich auch ihres Herrenhofes Münchweiler tatkräftig an und gründeten dort sogar in Zusammenarbeit mit Herrn Karl Gottbill von Nunkirchen und dessen Schwager Conrad Lehmon, Hüttenmeister der Beftinger Schmelz, ein Eisenwerk auf grundeigenem Boden im Wiesengelände des Losheimer Baches, an der wichtigen Verkehrsstraße Büschfeld–Nunkirchen–Losheim–Merzig. Als die Rechte der deutschen Ritterschaft 1729 für das Erzstift Trier anerkannt wurden, schloss sich der Herr von Zandt dem Ritterkanton vom Niederrheinstrom an. Darauf wurde im Jahre 1731 der freie Herrenhof Münchweiler unter die reichsritterschaftlichen Besitzungen aufgenommen.
Der Sohn und Nachfolger des Herrn Emmerich Karl Josef war Franz Georg. Dieser vermählte sich mit dem Freifräulein Philippine Regina von Eltz-Rübenach. Um seiner jungen Gemahlin das Leben hier im Hochwald schön und angenehm zu machen und ihr einen Ersatz für ihre stolze Heimatburg an der Mosel zu bieten, andererseits aber auch, um als Reichsritter auf seinem Rittergut Münchweiler einen ständigen Wohnsitz zu schaffen, ließ er im Jahre 1752 das Schloss Münchweiler erbauen. Sicherlich fühlte er sich auch zu diesem Bau getrieben durch den damals herrschenden baufreudigen Zeitgeist, der Blütezeit des Barocks, in der wie überall auch hier herrliche Bauwerke entstanden, so das Benediktinerkloster in Mettlach, das Schlösschen in Hilbringen, das Marx’sche Patrizierhaus und das Rathaus zu Merzig, die Residenz und das Jagdschloss zu Wadern. Der Architekt und Bauherr der meisten dieser Bauten war Christian Kretschmar. Aus Sachsen stammend, brachte er von dort die streng bewegte Kunst, den klassifizierten Barock, mit, der, frei von verfeinernden westlichen Einflüssen, noch urwüchsiger, echter östlicher Stil war. Ihm schreibt man auch St. Paulin in seinen Anfängen zu, und St. Irmin und Himmerod sollen auf ihn oder seinen Einfluss zurückgehen.
Sicherlich, allerdings nicht erwiesen, aber der Stil lässt es vermuten, ist auch, dass er das Direktionsgebäude des Gottbillschen Eisenwerks in Nunkirchen entworfen und erbaut hat.
Als nach Fertigstellung des Herrenhauses und der im Plan ersichtlichen Wirtschaftsgebäude die Familie von Zandt eingezogen war, nahm sie die Hofgemarkung und die angrenzenden Besitzungen in der Nunkircher Feldmark in Eigenbewirtschaftung. Die Lehnsträger von Wahlen und Niederlosheim mussten Frondienste leisten und Abgaben entrichten.
Da der Herrenhof Münchweiler der Pfarrei Nunkirchen zugeteilt war, ist nach dem Bezug des Schlosses die herrschaftliche Familie ebenfalls Mitglied der Pfarrei Nunkirchen geworden, ja, der, ritterliche Freiherr wurde sogar zum Patron und Schirmherrn der Pfarrkirche berufen, hatte als solcher große Pflichten für die Unterhaltung der Kirche übernommen, dafür allerdings auch Rechte auf den Zehnten erworben, die ein Drittel aller Zehntabgaben zu seinen Gunsten betrugen.
Außerdem wurden die Freiherrn von Zandt vom Kurfürsten mit der richterlichen Gewalt über das Hochgericht Nunkirchen–Wahlen-Niederlosheim betraut, bezogen aufgrund dieses Amtes von jedem eigenen Haushalt, d. h. von „jedem Schornstein“, zwei Hühner und einen Teil der durch richterliches Urteil verhängten Strafen, mussten allerdings auch zu einem Teil zu den bei der Aufrufung des Gerichtes, insbesondere auch des Jahrgedings, entstehenden Kosten und Freihaltung der Schöffen beitragen.
In mehreren Bauabschnitten ist das Schloss in seiner heutigen Fassadenlänge entstanden. Wie aus einem im Schloss noch vorhandenen Plan ersichtlich ist, war ursprünglich nur der Mittelbau als Jagd- und Herrenschloss vorgesehen. Er stand als Abschluss des von Wirtschaftsgebäuden rings umgrenzten großen Hofes und war, wie der Plan deutlich zeigt, von ihm durch ein Gitter getrennt. Auf einem Plan von 1765 sind die Seitenflügel mit den gebrochenen und geschweiften Giebeln angefügt, und ein Plan von 1776 zeigt links anschließend noch einen zweiten von Wirtschaftsgebäuden umbauten Hof, der als Abschluss in der Frontalrichtung des Schlosses die Schlossmühle besitzt. Die ganze Schlossanlage, einbegriffen der große Schlosspark, beweist, zu welchen Anstrengungen sich selbst die Herren kleinerer Herrschaftsgebiete in diesem baufreudigen Jahrhundert hinreißen ließen. Außerdem beweist die Ausdehnung der Wirtschaftsgebäude um die beiden großen Höfe, dass man eine große Land- und Viehwirtschaft zu betreiben beabsichtigte. Im Jahre 1886 wurden an den rechten Flügel noch zwei Seifenflügel angebaut und in dem äußersten derselben die Schlosskapelle eingerichtet. Der schönste Schmuck der ganzen Schlossfassade ist das Mittelportal, ein Prunkstück Kretschmar’scher Barockgestaltung, das die Wappen derer von Zandt und derer von Eltz zeigt mit der darunterstehenden Jahreszahl 1752.
Aus der Ehe des (baufreudigen Franz Georg gingen zwei Kinder hervor, die aber schon sehr jung starben. Auch die Mutter starb bei der Geburt des dritten Kindes. Da ging Franz Georg eine zweite Ehe ein mit Appolonia Elisabeth von Hagen von der Burg zu Büschfeld. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor mit Namen Karl Hugo. Im Jahre 1786 übernahm er das Erbe seines Vaters und wurde mit der Herrschaft Weiskirchen vom Kurfürsten feierlich belehnt. Es war dies die letzte Belehnung, die den Herren von Zandt vom Kurfürsten zuteil wurde, denn drei Jahre danach brach die Französische Revolution aus, die auch über unser Gebiet hereinbrach, der feudalen Lehnswirtschaft ein endgültiges Ende bereitete und die neue Zeit der freibäuerlichen Wirtschaft einleitete. Vor den französischen Revolutionsheeren flohen alle adeligen Familien der linken Rheinseite, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen, auf die rechte Rheinseite, und so auch die herrschaftliche. Familie von Münchweiler. Mit Ross und Wagen, beladen mit dem für das Leben Notwendigste und insbesondere transportablem Schmuck, Wertgegenständen und Geld, flohen sie davon, alles andere im Stich lassend zur Beute für den Feind und das umwohnende bürgerliche Volk. Eine französische Schwadron bezog überraschend Quartier im Schloss und verhütete eine mutwillige Plünderung durch die revolutionsbegeisterte Bevölkerung der Umgebung. Drei Jahre dauerte die Besetzung, und als mit dem Friedensschluss zwischen Deutschland und Frankreich wieder Ruhe ins Land gekommen war, nahmen die adligen Familien ihren Besitz, soweit er noch erhalten geblieben war, wieder ein. Auch die Familie von Zandt kam wieder zurück. Jedoch konnte sie ihr Schloss erst wieder beziehen und die Bewirtschaftung ihres Landes wieder aufnehmen, nachdem sie eine Kontribution von 45 000 Thaler als Kriegsschuld an die französische Staatskasse bezahlt hatte. Die Geldabgabe war so enorm, dass sie nicht mehr den ganzen Besitz zurück erwerben konnte, vielmehr auswärts liegende Güter, wie z. B. den Geisweiler Hof, der bis dahin als Erbgut derer von Hagen auch zu ihrem Besitz gehört hatte, verkaufen mussten, um zu der verlangten Kontributionssumme zu kommen. Der Geisweiler Hof ging so an einen französischen Geldgeber namens Pirna über. In jener Zeit gingen die meisten Adelsgüter unserer Gegend unter diesen Umständen in französischen Besitz über, und viele sind noch bis heute im Besitz dieser Familien.
Herr Karl Hugo von Zandt brachte aber glücklicherweise das geforderte Geld auf und konnte darum seinen Herrensitz zurückerwerben. Beim Einzug in das Schloss wurde nun festgestellt, dass von dem einst so reichen Mobiliar die besten Stücke fehlten, ja manche Räume vollständig leer standen. Ein Gang durch die Ställe ließ das Herz bluten, denn weder Kühe noch Pferde, weder Schweine noch Schafe und noch nicht einmal ein Hühnchen war aufzutreiben, in den Schuppen lagen die Ackergeräte verrostet und zerschlagen. Es war schwer für die adlige Familie, wieder anzufangen, denn die einst untertänigen Lehnsbauern meldeten sich nicht mehr zu den Fronarbeiten; sie waren ja durch die französische Revolution von diesen Diensten befreit worden und ihr Lehnshof war in ihr Eigentum übergegangen. Was blieb der Familie von Zandt anders übrig, als sich Knechte und Mägde zu dingen und sie nach Tarif zu bezahlen. Notgedrungen ging man auch dazu über, große Landparzellen und Wiesen zu verpachten. Glücklicherweise hatten sie noch einen großen Waldbesitz, so dass sie sich durch den Verkauf von Holz Geldmittel beschaffen konnten. Unter der geordneten preußischen Verwaltung, unter die unser Land nach den Freiheitskriegen im Jahre 1816 kam, wurden die Verhältnisse allmählich besser. Der Freiherr von Zandt wurde von der preußischen Regierung zum Bürgermeister der Bürgermeisterei Weierweiler ernannt und desgleichen aufgrund seines reichsritterschaftlichen Besitzes laut preußischer Verfassung landtags- und kreistagsberechtigt, d. h. er hatte laut Kgl. preußischer Verfassung von Geburts wegen Sitz und Stimme im Preußischen Landtag und im Kreistag des Kreises Merzig. Trotz allem war das Gut um das Jahr 1840 derart verschuldet, dass, wie nach Barsch, Seite 150, zu lesen ist, der Kaufmann Johann Schaak in Trier das halbe Gut in Hypothek besaß. Durch Heirat des jungen Freiherrn René von Zandt, des Sohnes von Karl Hugo, mit der Tochter des Kaufmanns Johann Schaak wurde die Hypothek gelöscht, und der Besitz war wieder schuldenfrei. Der alte Baron Karl Hugo von Zandt wurde trotz seines wechselvollen und aufreibenden Lebens 83 Jahre alt und nach seinem Tode auf dem alten Friedhof von Nunkirchen, der damals um die Kirche angelegt war, begraben. Als durch den Bau der neuen Kirche die alte Kirche abgerissen und auch der um sie liegende Friedhof ausgegraben und sämtliche Gebeine der dort Beerdigten auf dem neuen Friedhof in einem gemeinsamen Massengrabe beigesetzt wurden, gab man dem Baron Karl Hugo doch ein eigenes Grab. Es ist heute noch zu sehen in dem Familiengrabplatz der Freiherrn von Zandt und ist geehrt durch einen mächtigen Grabstein mit der Inschrift: Zum Andenken des K. K. Oestr. Kammerherrn H. C. Baron von Zandt, gest. auf Schloss Münchweiler 83 Jahre alt am 23. Dez. 1845.
René von Zandt und seine Gattin geb. Schaak hatten eine schöne Familie, vier Söhne und zwei Töchter. Sie hießen Gottfried, Ferdinand, H57Schloss_kleinOtto, Egon, Emma und Katharina Apollonia Elisabeth. Zwei Söhne und eine Tochter heirateten, nämlich Ferdinand, Egon und Katharina Apollonia Elisabeth, während die drei anderen ledig blieben. Letztere vermählte sich mit dem königlichen Intendanturrat Johann Nepomuk Freiherr von Kistowski und verzog nach dessen Wohnsitz. Nach dem Tode der Eltern teilten die andern fünf Kinder Schloss und Landbesitz unter sich. Gottfried und Emma bewohnten zusammen das Mittelschloss, Ferdinand den linken und Egon den rechten Flügel. Otto erhielt das „Vorwerk“, den heutigen „Münchweiler Hof“, der durch den Verzug des Eigentümers nach Amerika käuflich erworben worden war und durch einen linken Anbau vergrößert wurde. Dieser Hof gehörte ehemals schon zu Münchweiler und wurde von Hufenbauern bewirtschaftet, die den Herren von Zandt abgäbe- und fronpflichtig waren, durch die französische Revolution freie Eigentümer wurden und ihn dann bei ihrem Wegzuge noch Amerika an die früheren Eigentümer verkauften. Baron Ferdinand, der Repräsentant der Familie mit Sitz und Stimme im Kreis- und Landtag, hatte einen Sohn mit Namen Rudolf, während Egon zwei Söhne und eine Tochter hatte, nämlich Gottfried, Alex und Luise. Letztere verheiratete sich mit dem Gutsbesitzer Beckmann, hat einen Sohn mit Namen Robert, der Landwirtschaftslehrer zu Boppard ist, und lebt auf ihrem Gute in Emmelshausen auf dem Hunsrück. Alex fiel im ersten Weltkriege in den Kämpfen um Verdun. Rudolf und Gottfried beerbten ihre beiden ledigen Onkel Gottfried und Otto und die Tante Emma, so dass der Besitz nun nur noch in zwei Teile geteilt war. Fräulein Emma hat durch die Stiftung des schönen Kirchenfensters vom hl. Sebastianus und dem Wappenbild der Familie Zandt von Merl im linken Querschiff unserer Pfarrkirche sich ein bleibendes Andenken verschafft. Baron Rudolf verstarb im Jahre 1933 und hinterließ seine Gattin Olga geb. de Grevais kinderlos. Baron Gottfried hatte mit seiner Gattin Heia geb. Röchling drei Kinder, einen Jungen und zwei Mädchen. Der Junge, Horst mit Namen, fiel im zweiten Weltkrieg in Russland, die Tochter Brigitte ist vermählt mit Gangloff von Hagke und ihre Schwester Lela mit Heinz Mahr. Brigitte bewirtschaftet mit ihrem Gemahl den väterlichen Hofteil. Mit dem Tode des Herrn Gottfried, ihres Vaters, im Jahre 1948 ist der Mannesstamm und damit auch der Adelstitel derer Zandt von Merl in Münchweiler ausgestorben. Seine Tochter Lela, verheiratete Mahr, vererbt jedoch das Adelsblut derer von Zandt weiter mit ihren bis jetzt vier Kindern, zwei Buben und zwei Mädchen.

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25-jähriges Jubiläum der Dorfwerdung von Münchweiler

Im Jahre 1932 wurden etwa 720 Morgen von dem Hofgut Münchweiler losgelöst und der Rheinischen Siedlungsgesellschaft Bonn zur Einrichtung von 12 Erbhöfen übertragen. 3 dieser Höfe entstanden so auf der Gemarkung Nunkirchen und 9 auf der von Münchweiler.
Für 8 Erbhöfe wurden schmucke Siedlerhäuser in der Art des holländischen T-Hauses auf dem dazugehörigen Grundbesitz erbaut, während für 4 Erbhöfe Wohnung und Stauung in bereits vorhandenen älteren und zum Hof Münchweiler gehörigen Gebäuden nach gründlicher Renovierung geschaffen wurden. Aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung meldeten sich nun die Siedler und bezogen nach Unterzeichnung des Kaufvertrages ihr Besitztum.
Es waren:

  1. Görgen Johann, von Riveris, Landkreis Trier,
  2. Schäfer Reinhold, von Riegelsberg,
  3. Lutz Johann, von Vinyel, Kreis Siegburg,
  4. Lauk Hans, bereits Pächter auf Vorwerk Münchweiler,
  5. Fischer Wilhelm, von Weierweiler,
  6. Moos Josef, von Neuhaus bei Trier,
  7. Ollinger August, von Büdingen, Kreis Merzig,
  8. Wahlen Ferdinand, von Pölert, Kreis Trier-Land,
  9. Bienko Fritz, von Riegelsberg,
  10. Schmotz Nikolaus, von Fastrau, Kreis Trier-Land,
  11. Lauk senior, ebenfalls Pächter auf Vorwerk Münchweiler,
  12. Schulz Werner, von Nunkirchen.

Herr Ollinger übertrug nach 5 Jahren seinen Hof mit Genehmigung der Rheinischen Siedlungsgesellschaft an Herrn Hürter Nikolaus von Küttig, Kreis Mayen, und nach dem tragischen Tode von Herrn Fischer übernahm Herr Wahlen dessen Hof und übergab den seinigen an Herrn Meyers Gerhard von Hütterscheid, Kreis Bitburg, im Jahre 1940.
Der Restbesitz von etwa 800 Morgen verblieb der Herrschaftlichen Familie Zandt von Merl, die denselben in zwei Erbhöfe unter die beiden lebenden Stämme der Familie aufteilte.
Münchweiler hatte seif je eine eigene kommunale Verwaltung unter dem Vorsitz des ältesten männlichen Familienmitgliedes derer von Zandt. Der letzte dieser Herren war Freiherr Gottfried Zandt von Merl. Durch die Aufteilung in Erbhöfe wurde Münchweiler nun ein Dorf, bestehend aus 11 Erbhöfen. Die 3 Erbhöfe auf der Gemarkung Nunkirchen zählen nicht zu dem Dorfe Münchweiler, sondern zu Nunkirchen.
Aufgrund der Preußischen Gemeindeordnung wurde nun auch ein Gemeinderat gewählt mit einem Bürgermeister als Vorsitzenden. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass Freiherr Gottfried auch der erste Bürgermeister der jungen Dorfgemeinde wurde und es blieb bis zum Jahre 1945, wo er durch Herrn Reinhold Schäfer abgelöst wurde, der nun dieses Amt bis 1947 verwaltete und dann durch Herrn Nikolaus Hürter abgelöst wurde. Bei der Neuwahl des Gemeinderates im Jahre 1948 wurde dann Herr Johann Wahlen, Sohn von Ferdinand Wahlen, zum Bürgermeister gewählt, bei der Gemeinderatswahl im Jahre 1950 wiederum in diesem Amt bestätigt, so dass er bis heute der kommunale Leiter der jungen Gemeinde Münchweiler ist.
Mit noch 4 Gemeinderatsmitgliedern wird von ihm die junge Dorfgemeinde zielbewusst geführt und vor allen Dingen ein gutes Wegenetz geschaffen, wozu staatliche Mittel hereingeholt ‚und gerne bewilligt werden. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden, die die Ansiedlung industrieller Unternehmen zur Steigerung ihrer Steuereingänge fördern, hat es die Gemeinde Münchweiler sich zum Grundsatz gemacht, ein reines Bauerndorf zu bleiben und weist und wies schon Anträge von Industriellen auf Erwerb von Grundbesitz rundweg ab. Dieser Haltung liegt die wohlüberlegte Idee zugrunde, den Grundbesitz eines jeden ihrer Erbhofbauern ungeschmälert zu erhalten und so auch ihre Existenzfähigkeit nicht zu gefährden. Es ist ein Grundsatz, der vom bäuerlichen Standpunkt aus überlegt und berechtigt ist im Kampfe um die Berufsexistenz, und er hat auch in anderer Hinsicht den großen Vorteil, dass diesem Dörfchen die ländliche Ruhe gewahrt bleibt, eine friedliche, Nerven schonende Oase für die eigenen Bewohner, wie auch für solche, die das Getöse der Industrie einmal fliehen und eine Zeit der Ruhe und Entspannung genießen wollen. Unter diesem Gesichtspunkte hat das Dorf Münchweiler berechtigte Aussicht, mit der Zeit ein Anziehungspunkt für Fremde zu werden, wofür jetzt bereits Vorkehrungen getroffen sind durch Aufstellung mehrerer schöner Ruhebänke und Bereithaltung von Fremdenzimmern im Schlosse Münchweiler.
In mühevoller, zäher und fleißiger Arbeit haben die Siedler den übernommenen Landbesitz nach und nach wieder in ehemalig gutes Kulturland umgewandelt, so dass das jetzige 25-jährige Jubeljahr berechtigt zu einem zufriedenen, ja stolzen Rückblick auf das bis jetzt Geschaffene und einen zuversichtlichen, hoffnungsvollen Ausblick auf das Kommende und noch zu Erstrebende.

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Büschfeld, seine Burg und das Rittergeschlecht deren von Hagen und Motten

Büschfeld, an der rauschenden Prims eingebettet in ein enges, romantisches Tal, ist im letzten Jahrzehnt zu einem Industrieort aufgeblüht, und schon, vor etwa 60 Jahren durch die Eisenbahn dem Verkehr erschlossen, bekam es Zugang zu der Industrie der Saar, wohin fortan seine Männer und Jünglinge nach Arbeit strebten und mit gutem Verdienst den Wohlstand der Familien mehrten.
Vor 100 Jahren und noch mehr zurück war es nur ein kleines Bauerndorf, aber geschichtlich bedeutsam durch seine Burg und das Rittergeschlecht derer von Hagen zur Motten.
Schon vor über 1000 Jahren, nämlich 802, wird es in einer Schenkungsurkunde Karls des Großen an den Erzbischof von Trier unter dem Namen „Biscofelt“ als Grenz- und Eckpunkt des Landgebietes genannt, das mit diesem Jahre an das Erzbistum Trier fiel.
Aber schon vor 2000 Jahren mag dort bereits eine Niederlassung keltischer Familien bestanden haben, denn dort war die Furt einer wichtigen keltischen Fernverkehrsstraße durch die Prims, deren Pflasterung durch das Primsbett man bei der Primsregulierung vor etlichen Jahren freigelegt hatte. Nach Angaben des Heimatforschers M. Schäfer, Losheim, kam diese Straße von der Mosel, überquerte bei Merzig die Saar, verlief dann über Merchingen ins Haustadter Tal nach Reimsbach, von ;dort nach dem keltischen Edlingshof Geisweiler und dann durch Nunkirchen nach Büschfeld über die Prims und jenseits derselben die Schlucht hinauf nach Vogelsbüsch, wo sie in eine andere bedeutsame Keltenstraße einmündete, die, von Luxemburg kommend, über Mosel und Saar durch den Hochwald nach Tholey und weiter an den Rhein führte.
Vielleicht gerade dieser Straße wegen hatte der Erzbischof von Trier beschlossen, eine feste Burg an dem Primsübergang zu erbauen, um den Verkehr zu beherrschen und zu beschützen und auch zollgerecht zu erfassen. Die Burg sollte desgleichen wohl auch ein starker Eckpfeiler seines Besitztums gegen die Nachbarterritorien derer von Lothringen und Nassau-Saarbrücken sein.
Es war eine Talburg, auf fester Felsplatte erbaut, von einem Wassergraben, von der Prims gespeist, umflossen und nur über eine Zugbrücke zu erreichen. Nach Fertigstellung derselben wurde sie am 30. Juli 1322 dem Ritter von Chamblay und seiner Gattin Beatrix als Lehen übertragen, aber schon 1360 ging sie an das berühmte Adelsgeschlecht derer von Hagen zur Motten bei Lebach über, die nun ununterbrochen dort residierten bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Sie führten den Titel Burgvogt und besaßen wichtige Rechte zur Verwaltung des dortigen, nunmehr kurfürstlichen Besitzes über die Dörfer Büschfeld-Biel, Nunkirchen, Niederlosheim, Wahlen und auch Michelbach, insbesondere auch über die großen Waldgebiete in diesem Bering, in dem sie die Jagd- und Fischereirechte mit dem Kurfürsten gemeinsam teilten. Auch besaßen sie die Oberste Gerichtsbarkeit beim Hochgericht und bezogen die dabei anfallenden Gebühren und außerdem alljährlich die festgesetzten Abgaben, die aus zwei Hühnern von jedem Hausinhaber bestanden. Als Lehnsherren bezogen sie außerdem von jedem lehnspflichtigen Bauern noch sonstige, genau festgelegte Abgaben in Getreide, Eiern, Flachs und Geld und ließen sich durch das ganze Jahr hindurch Fronarbeiten verrichten. Die größte Abgabe war stets das „Besthaupt“ beim Übergang des Lehnshofes von Vater auf Sohn. Auch als Schirmherr der Pfarrkirche zu Nunkirchen bezogen sie einen Teil des zu leistenden „Zehnten“.
Neben der Burg stand die Burgmühle, die als „Bannmühle'“‚ von allen lehnspflichtigen Bauern mit Getreide zum Vermählen beliefert werden musste. Der Bannmüller hatte daraus seine Einnahmen, und als Lehnsmann des Burgherrn musste er diesem das Getreide umsonst vermählen unter der Bedingung feinster Mehllieferung und außerdem alljährlicher Ablieferung eines fetten Mühlenschweines von höchstmöglichem Gewicht, oder stattdessen 10 Thaler in Geld. Für eine Wiese, die zur Mühle gehörte, zahlte er jährlich eine Pacht von AI Gulden, und für eine andere 24 fl. (Floren Gulden).
Das Dorf Michelbach musste alljährlich an Martini 29 Fass Hafer, 1 Huhn und 6 Gänse auf die Burg nach Büschfeld liefern als Abgabe für die richterlichen Dienste des Vogtherrn, und die Überbringer erhielten bei der Abgabe als Anerkennung eine freie Mahlzeit.
Unter den Fronarbeiten; die dem. Burgherrn geleistet werden mussten, und die in der Abhandlung „Geschichte von .Nunkirchen“ ausführlich aufgezählt sind, sei hier noch hinzugefügt, dass die Bauern von Büschfeld und Biel alljährlich 2 Fuder Wein an die Mosel mit ihrem eigenen Gespann für die Herrschaft holen fahren mussten.
Das Verhältnis zwischen Herrschaft und Lehenspflichtigen war stets fürsorglich un(d väterlich, abgesehen ,von. dem Druck der Abgabe- und Fronpflicht, die besonders in Notzeiten und Missjahren hart empfunden wurde, aber die Herrschaft musste ja auch leben und hatte außer ihrer Familie ja auch für das Personal, Burgknechte und -mägde, zu sorgen, und der viele Hafer, der angeliefert werden musste, war für die Reitpferde des Herrn, und seiner Burgknappen bestimmt. .
Die Familie von Hagen war schon von ihrem Stammsitz zur Motten aus reich begütert und besaß in ihrer Nebenlinie von Büschfeld die freien Höfe von Münchweiler und Geisweiler sowie die Burg zu Weiskirchen mit Landbesitz als Trierisches Lehen. Durch Heirat eines Freifräuleins von Hagen gingen die Burg ‚zu Weiskirchen und der Hof zu Münchweiler als Mitgift an die Freiherrn von Zandt über, und später auch der Hof zu Geisweiler durch Kauf.
Im Jahre 1774 ließ Herr von Hagen seinem Dörfchen Büschfeld eine Kapelle auf der Anhöhe erbauen, wo sie heute noch, nach späterer mehrmaliger Erweiterung, steht. Auch das Altarbild der Kirche stammt aus der Büschfelder Burg, ein herrliches Originalgemälde in Öl von dem italienischen Maler der Bologneser Schule Guido Reni (1575-1642). Wie das Bild aus der Burg in die Kapelle kam, davon berichtet ein Brief des Freiherrn René von Zandt (Enkel der von Hagen) von Schloss Münchweiler, den er unter dem 18. Mai 1854 an den Pfarrer Portery von Nunkirchen schickte: „Das Muttergottesbild in Büschfeld hat Reichshofratspräsident Johann Hugo von Hagen, Ritter des goldenen Vlieses, gestorben zu Wien am 24. November 1791, seiner Schwester Freifrau von Zandt, Agnes Apollonia, Eli-sobetha, Antoinefte geb. von Hagen zur Motten zu Münchweiler geschenkt, und diese hat es später der Kapelle zu Büschfeid vermacht.“
Das Ende der Herrschaft derer von Hagen zu Büschfeld erfolgte durch den Tod des letzten Sprösslings dieser Adelsfamilie, des Herrn Carl Emmerich von Hagen, Oberchorbischof zu Trier, im Jahre 1779, Die Stammeslinie derer von Hagen zur Motten löste den. Burghaushalt zu Büschfeld auf und ließ das beste familieneigene Inventar nach Lebach und Münchweiler überführen, nach Münchweiler auch das herrliche Altarbild, so dass die Burg nun in etwa leer, unbemannt und unbewohnt dastand. Dem aber dort verbleibenden Bannmüller Johann Friedrich Schmank, der auch zugleich kurfürstlicher Burgförster war, wurde die Verwaltung über Burg und Landbesitz übertragen, und er registrierte die alljährlichen Abgaben der Bauern und überwachte die Fronarbeiten. Im Jahre 1791 starb auch der letzte Spross derer von Hagen zur Motten, Johann Hugo von Hagen, so dass das Lehen der Burg zu Büschfeld nunmehr verfallen war und an den Kurfürsten zu Trier zurückfiel. Da inzwischen die französische Revolution ausgebrochen war, ihre bedrohlichen Schatten auch schon in unser trierisches Land hineinfielen und Kirche und Adel, sich unsicher fühlten, vollzog der Kurfürst vorab keine Neubelehnung der Burg zu Büschfeld und bestätigte die Weiterverwaltung durch seinen Förster und Bannmüller Johann Friedrich Schmank. 1793 erfolgte dann der Einmarsch der französischen Revolutionsheere, durch die unter Mitwirkung der Bauern von Büschfeld, Biel und Nunkirchen die Burg restlos geplündert und dann zerstört wurde, während man die Mühle als notwendige Brotspenderin verschonte, sie jedoch unter Sequester stellte und Herrn Schmank als Betreuer darin beließ. Als nach den Freiheitskriegen im Jahre 1816 unser Land .in preußischen Besitz kam, erlangte Herr Schmank das Eigentumsrecht, und bis zum heutigen Tage sind seine Nachkommen immer noch Besitzer der Mühle zu Büschfeld.
Die zerstörte Burg war noch etwa 100 Jahre lang ein Wahrzeichen ehemaliger ritterlicher Herrlichkeit und ein Mahnzeichen irdischer Vergänglichkeit, zerfiel im Laufe der Jahrzehnte immer mehr und war schließlich nur noch ein Schutthaufen mit einigen aufragenden Mauern und Turmresten, wie ein Foto zeigt, das vor Beginn der Abräumungsarbeiten durch den Primsbahnbau im Jahre 1898 als letztes Andenken aufgenommen wurde. Einen Turm ließ man freilich noch stehen, jedoch musste auch er fallen, als im Jahre 1902 die Merzig-Büschfelder Eisenbahn gebaut wurde.
Als letzte Erinnerung an die Burg zu Büschfeld ist noch ein Stück des ehemaligen Wassergrabens zu sehen. Auch das Burgbrünnlein fließt noch immer wie ehedem kühl und klar aus dem Felsen, dient den Bewohnern der Mühle als Trink- und Kochwasser und den vorbeiziehenden Wanderern als erfrischende und erquickende Labung.

HagenzurMotten_kleinJohannes Naumann hat sich in seinem 2000 im Gollenstein Verlag erschienen Buch „Die Freiherrn von Hagen zur Motten“ unter anderem auch ausführlich mit deren Besitztümern der Freiherrn in Nunkirchen beschäftigt. Der Auszug aus seinem Buch gibt einen interessaten Einblick in die Entwicklung des Ortes, zeigt aber auch die Lebens- und Abhängigkeitsverhältnisse damaliger Zeit nach.

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Das freie Reichsdorf Michelbach

In dem sonnigen und fruchtbaren Talkessel, in dem heute das Dorf Michelbach liegt, stand schon vor 2000 Jahren der Großhof eines keltischen Edelmannes. Leibeigenes Dienstpersonal und auch Hörige wohnten zerstreut in Hütten rund um das stattliche Haus ihres Herrn,
Ais die Römer um das Jahr 50 v. Chr. von unserm Lande Besitz nahmen, blieben die altansässigen Kelten unbelästigt, ja, es knüpfte sich ein erträgliches, friedliches Verhältnis an, das in einer der nachfolgenden Generationen sogar zu einer ehelichen Verbindung zwischen .einem keltischen Edelfräulein und einem römischen Kaufmanns- oder Offizierssohne führte. Ein Grabstein, der diese keltisch-römische Verbindung bezeugt, den man im Jahre 1818 nördlich des Dorfes am Jungenwalde auf dem so genannten „Heidenfriedhof“ nebst Mauerresten und Tonscherben fand, trägt nämlich folgende Inschrift:

J. 0. N. CISSIATI MA. DEFUNCTI ET SIBI PO-PIRA – OOBEUNA VI. F.

Der Stein wurde an das Bonner Museum abgegeben und befindet sich noch heute dort selbst. Die Inschrift lautet vollständig ausgeschrieben folgenderweise:
Jovi optimo nostro! Cissiati matri defuncti et sibi Popira Cobruna viva fecit. Zu Deutsch: Unserm besten Jupiter! Popira Cobruna hat dieses Denkmal zu ihren Lebzeiten der Mutter des verstorbenen Cissiatus und für sich selbst errichtet.
Beim Einfall der Franken zur Zeit der Völkerwanderung floh die römischkeltische Familie mit. allem Personal und Hab und Gut vor den gefürchteten, barbarischen Germanen, und als diese nun durch die sonnendurchflutete Talmulde zogen, nahm eine fränkische Familie von den leer stehenden Gebäuden Besitz.
Bei der nach Eroberung unserer Heimat erfolgten Landverteilung begann man mit der Gründung von Dörfern durch die in Sippen zusammengebliebenen Franken auf den von den Kelten und Römern zurückgelassenen Fluren. So entstanden unsere Hochwalddörfer und bekamen ihre bis in die heutige Zeit bestehenden fränkisch-germanischen Namen. Der fränkische Fürst aber nahm den oben geschilderten sonnigen Talkessel als Krongut für sich in Besitz und erklärte den bereits dort wohnenden Stammesgenossen zu seinem Lehnsmann und Betreuer von Haus, Flur und Wald.
Die natürliche Vermehrung der Familie und eheliche Verbindung mit nachbarlich in der engeren und weiteren Heimat wohnenden Stammesgenossen machten die Gründung von neuen Haushalten, Wohnraum und Landbesitz notwendig, was ja durch Rodungen von Waldflächen mit Erlaubnis des Lehnsherrn möglich war. So entstand im Laufe der Jahrhunderte an dem Bächlein entlang ein Dörfchen, das nach dem Namen des Sippenältesten den Namen Michelbach erhielt.
Michelbach blieb bis ins Mittelalter eine Staatsdomäne, erlangte nach und nach viele Freiheiten und, durch staatsgeschichtliche und dynastische Umwälzungen begünstigt, schließlich das Recht eines freien Reichsdorfes, wodurch die Bewohner freie Eigentümer ihrer Höfe wurden. Sie standen unmittelbar unter dem Kaiser, was zur Folge hatte, dass das allgemeine deutsche Recht bei ihnen zur Anwendung kam.
Mit der Einführung des Christentums und der Schaffung von Pfarreien wurde Michelbach, weil es zur Gründung einer eigenen Pfarrei zu klein war, von Anfang an der Pfarrei Nunkirchen zugeteilt. Infolgedessen musste es auch den kirchlichen „Zehnten“ nach dort bezahlen, und zwar zu einem Drittel an den Pfarrer zu Nunkirchen, zu einem Drittel an den Schirmherrn, der anfänglich der Freiherr von Hagen und später der Freiherr von Zandt war, und zu einem Drittel an das Stift St. Simeon zu Trier als Nutznießer der bischöflichen Rechte. Der ganze „Zehnt“ betrug 30 Malter Korn und 15 Malter Hafer, so dass auf jedes Drittel 10 Malter Korn und 5 Malter Hafer kamen. Die staatliche Gerichtsbarkeit war ebenfalls geordnet und dem Stifte St. Simeon und der Abtei Tholey übertragen, wofür diesen entsprechende Abgaben entrichtet werden mussten. Michelbach bildete ein eigenes Hoch-, Mittel- und Grundgericht und konnte Strafen verhängen mit Seil, Stock, Galgen und Eisen. Zur Aufrichtung eines Galgens bedurfte es aber der Genehmigung des Landesherrn. Der für die ordnungsgemäße Verwaltung des Dorfes und standesamtliche Registrierung seiner Bewohner als Vogtherr eingesetzte Freiherr von Hagen hatte als solcher auch den Beisitz beim Hochgericht, jedoch ohne Jurisdiktion. Außer diesen drei Vorsitzenden des Hochgerichts halfen 7 Schöffen, von denen der erste den Titel Gerichts Meyer führte, das Recht weisen und sprechen. Von Michelbach gibt es noch mehrere „Weisthümer“ über Gerichtsverhandlungen, in denen auch die Namen der Schöffen aufgeführt sind. So war ein Johann Lang Gerichtsmeyer und ein Michael Micheli Schöffe, zwei Namen, die noch heute dort bestehen. Von diesem Johann Lang, der nach einer Urkunde vom Jahre 1739 eine Kapelle erbauen ließ, die der schmerzhaften Mutter geweiht wurde, kann man annehmen, dass er einer der angesehensten und wohlhabendsten Einwohner von Michelbach gewesen ist. Nach einem Schöffenweistum vom Jahre 1514 hatten die Äbte von St. Simeon und Tholey das Recht, binnen dem Banne an den Vormittagen zu jagen und zu fischen, der Junker Hagen aber sollte dies Recht an den Nachmittagen genießen.
Die Abgaben als „Zehnten.“ für die kirchliche Betreuung und auch die für die Gerichtsbarkeit und standesamtliche Verwaltung – Abgaben an einen Grundherrn und auch Frondienste an einen solchen brauchten sie ja als reichsfreie Bürger nicht zu leisten!— wurden stets in ihrer Gesamtheit auferlegt, und es war nun Aufgabe des Gerichtsmeyers, diese gerecht nach dem Besitzstand der Familien umzulegen, eine Aufgabe, die bestimmt viele Unliebsamkeiten bereitete und einen durchgreifenden, starken Mann erforderte.
Durch die französische Revolution verlor Michelbach seine Sonderrechte als freies Reichsdorf und wurde wie alle anderen Orte in die französische Verwaltung eingegliedert, und zwar kam es zur mairie de Weierweiler wie auch Nunkirchen. Nach dem Übergang in die preußische Verwaltung im Jahre 1816 wurde an dieser Einordnung nichts geändert, auch die alten Rechte nicht mehr zurückverliehen, so dass Michelbach heute eine zum Amte Weiskirchen gehörende Gemeinde mit den gleichen Rechten und Pflichten wie die anderen Gemeinden ist.

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Der Aussichtspunkt Ausschet und sein Dörfchen

Wuchtig erhebt sich der Bammersch bis zu einer Höhe von 381 Meter empor und bildet einen Riegel zwischen dem Primstal und der Nunkircher Mulde. Ein steil ansteigender Weg führt zu ihm hinauf nach dem Dörfchen Auschet, das sich oben gleich mit seinen 11 Häusern an den Südhang anschmiegt. Alltäglich kommen die dortigen Kinder herab nach Nunkirchen zur Schule und sonntags auch mit den Erwachsenen zur Kirche, oder auch schon wochentags zu ihren Einkäufen in unsern Geschäften.
Aber auch Nunkircher, meist in kleinerer Gesellschaft, steigen hinauf zum „Aussichtspunkt Auschet“, um von dort den herrlichen Rundblick zu genießen und dann in der Gaststätte ein Gläschen Bier zu trinken. Dort trifft man oft sonntags fröhliche Gesellschaft aus den umliegenden Dörfern, und auch schon Gäste von weither finden sich ein. Besonders im Frühjahr zur Baumblüte und im Sommer zur Kirschenreife herrscht oben ein verstärkter Verkehr, und in früherer Zeit kamen die Ausflügler an den Sonntagen der Kirschenzeit zu Hunderten hinauf, und es herrschte Hochbetrieb.
Der „Aussichtspunkt Auschet“ wird wegen seines einzig schönen Rundblickes vom Fremdenverkehrsverband weiter ausgebaut und erhält vorab eine große steinerne Kanzel mit Bronzeplatte, in der Richtungslinien eingeprägt sind, die nach den vielen Dörfern und den markanten Bergen rundum zeigen und sie zur Orientierung mit Namen benennen. Die Namengebung „Bammersch“ für diesen Berg hat einen kulturgeschichtlichen Hintergrund und weist zurück auf die im Mittelalter vom Kurfürsten von Trier erlassenen Verordnungen über die „Bannforsten“. Um die wilde Rodungslust der Bauern einzudämmen und in geordnete Bahnen zu lenken, wurden bestimmte Waldungen „gebannt“, d. h. es durfte darin nicht mehr gerodet und auch kein Holz mehr gehauen werden, ja, das Betreten derselben war unter Strafandrohung streng verboten, worüber die Burgvögte und Forstbeamten- zu wachen hatten. Auch der Wald unseres „Bammersch“ gehörte zu diesen „Bannbüschen“, und unter dieser Bezeichnung ist der ganze Berg bei der Anlegung der staatlichen Kataster um 1830 eingetragen worden, während der Volksmund bestimmt schon lange vorher sich die Bezeichnung „Bammersch“ angewöhnt hatte und dabei bis zum heutigen Tage blieb.
Über die Entstehung des Dörfchens „Auschet“ hat Herr Günter Heckmann ous Michelbach durch fleißiges Umhören bei den „Bammerschern“, insbesondere bei den Familien Britz und Holzer, Interessantes erfahren, was durch mündliche Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht glücklicherweise erhalten geblieben war und vielleicht auch durch dichterisches Beiwerk der Überlieferer weiterhin in gefällige Form gebracht wurde. Herr Heckmann überließ mir freundlicherweise seine Aufzeichnungen zur Veröffentlichung in diesem Buche; „Der erste Bewohner war ein aus Mandern jenseits des Hochwalds stammender Gutsbesitzer mit Namen Rohlinger. Als Wiedertäufer mochte ihm seine Heimat mit überwiegend katholischer Bevölkerung verleidet gewesen sein, weshalb er sich mit seiner Familie an diesem weltabgeschiedenen Ort niederließ. Mit einer großen Schafherde und einem Schäfer errichtete er schon vor dem Dreißigjährigen Krieg eine Schäferei in der Mulde, die heute noch die Grundbuchbezeichnung „Rohlinger Kaul“ hat. Auch die Gebäudlichkeiten nannte man bis vor 100 Jahren „RohIinger Hof“. Sein Sohn hat dann das Anwesen derart heruntergewirtschaftet und verschuldet, dass es unter den Hammer kam. Der nachfolgende Besitzer des Hofes war, nachdem er längere Zeit unbenutzt gestanden hatte, ein Limbacher mit Namen Lippert. Dieses Bauerngeschlecht starb nach mehreren Generationen aus. Von einem Peter Nikoley aus Limbach ist dann bekannt, dass er das Doppelhaus in den Jahren 1868 und 1879 – wie über den beiden Haustüren zu lesen steht – in seiner jetzigen Form erbauen ließ. Matthias Holzer aus Bardenbach, der Vater des jetzigen Besitzers, heiratete 1889 in den Hof ein, und im Jahre 1906 richtete er darin eine Gaststätte ein.
Nach der Familie Rohlinger siedelten sich schon sehr früh noch andere Familien hier oben an. Als Beweis dafür möge angeführt werden, dass bei Umbauarbeiten des Hauses Nikolaus Koch ein alter Eichenbalken freigelegt wurde, in den die Jahreszahl 1665 eingemeißelt war. Auch das Haus Matthias Merten soll ein hohes Alter haben. Die Namengebung ihres Dörfchens deuten die „Bammerscher“ folgenderweise: Mehrere Einwohner des Dorfes Limbach wurden, da sie sich gegen das Gesetz vergangen hatten, vom Hochgericht in den Bann getan. Sie durften sich nur in dem abgelegensten westlichen Winkel des Limbacher Waldes niederlassen und galten als die von der Dorfgemeinschaft „Ausgeschiedenen“, woraus sich der Name „Ausched“ nach und nach bildete. Auch noch eine andere Deutung wird angeführt: Der Schäfer Rohlinger und auch die nach ihm sich oben ansiedelnden Familien brauchten für ihre Ernährung und auch die ihres Viehes Landbesitz, woraufhin sie um Rodungsgenehmigung beim Grundherrn vorstellig wurden, die man auch entgegenkommenderweise erteilte und ein Stück des „Bannwaldes“ ausschied‘. Soweit die Darlegungen von Herrn Heckmann.
Noch eine dritte Möglichkeit der Namengebung, rein geographischer Art, könnte ins Feld geführt werden: Der gewaltige Berg scheidet zwei Auen voneinander, nämlich die Au der Prims und die Au der Nunkircher Mulde, wonach das obige Dörfchen, das ja nach beiden Auen hinabschauen kann, sich „Auscheid“ genannt haben mag, woraus durch Verkürzung „Auschet“ wurde, wie es auch ins Kataster eingetragen ist.
Das Dörfchen Auschet gehört zur Großgemeinde Limbach und war auch bis 1854 der Pfarrei Limbach zugeteilt. Auf Betreiben des Pfarrers von Limbach und im Einverständnis mit dem Pfarrer von Nunkirchen wurde das Bischöfliche Generalvikariat zu Trier gebeten, eine Umpfarrung der beiden Filialorte Vogelsbüsch, zu Nunkirchen gehörig, und Auschet, zu Limbach gehörig, vorzunehmen, dem auch sattgegeben wurde gemäß folgender Bischöflicher Verordnung; „An Herrn Pastor Portery, Hochwürden zu Nunkirchen, Kreis Merzig. Euer Hochwürden beauftragen wir hiermit, Sonntag, den 26. d Mts., in der Pfarrkirche zu Nunkirchen unter dem Hochamt zu proklamieren, dass ,seine Bischöflichen Gnaden die Einwohner von Auschet von der Pfarrei Limbach getrennt und der Pfarrei Nunkirchen zugeteilt, und dagegen die Einwohner von Vogelsbüsch von der Pfarrei Nunkirchen getrennt und der Pfarrei Limbach zugewiesen haben. Diese unsere Verfügung werden Sie demnächst mit der Notiz über die erfolgte Proklamation in das Pfarrlagerbuch eintragen und uns das hierüber aufgenommene Protokoll zusenden. Trier, den 17. Februar 1854. Das bischöfliche Generalvikariat.“ Das verlangte Protokoll wurde am 21. Februar 1854 nach Trier geschickt und von den 1852 gewählten und vereidigten Kirchenräten wie folgt unterschrieben: Jakob Spang aus Nunkirchen, Heinrich Schmitt aus Nunkirchen, Franz Josef Müller aus Michelbach und Johannes Nikolaus Latz jaus .Nunkirchen. Die Kinder von Auschet besuchten bis 1845 die Schule zu Limbaich, von 1845 bis 1889 die Schule zu Michelbach und ab 1889 bis heute die Schule zu Nunkirchen.
Eine markante Persönlichkeit unter den „Bammerscher“ Bewohnern war der „Bammerscher Hannes“. Zu meiner Kinderzeit war er schon ein hochbejahrter Mann und genoss als „Vorsteher“ seines Dörfchens im Gemeinderat Limbach und als solcher auch im Schulverband Nunkirchen beachtliche Anerkennung. Er war unverheiratet, betrieb eine kleine Gastwirtschaft und hatte auch in seiner Funktion als Vorsteher keine Zeit, aber auch keine Lust zur Landwirtschaft. Er war sehr klug, wovon er sehr eingenommen war, und seinen Gästen am Biertisch ein gesprächiger Wirt, So saß auch ich wiederholt mit meinen Kameraden bei ihm hinter einem Gläschen Bier, und da tat er in seinem Redefeuer einen Ausspruch, der mich beeindruckte und den ich bis heute noch im Gedächtnis habe: „Dir Jongen“, sagte er, „hätt Dir dat, wat eich muss met en et Graf höllen!“, womit er seinen Verstand meinte.

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Geschichte der Pfarrei Nunkirchen

Wie in der Dorfgeschichte bereits erwähnt, waren die ersten Bewohner unserer Heimat, die Kelten, noch Heiden. den. Die Druiden, ihre Priester, standen nicht nur im religiösen, sondern auch im politischen und bürgerlichen Leben in hohem Ansehen. In heiligen Hainen an heiligen Quellen wurden die Opferfeste gefeiert. Meistens opferte man Pferde, in kriegerischen Zeiten auch Gefangene als Dank an die Götter für den errungenen Sieg.
Mit der Unterwerfung durch die Römer begann eine Verschmelzung beider Religionen. Das rohe, blutige Opferwesen der Kelten wurde unter der Einwirkung des sanfteren römischen Kults gemildert. An Stelle des Opfersteins trat der Göttertempel, in dem die Gottheiten der beiden Völker durch Opfergaben und Räucherwerk geehrt wurden.
Aber auch dieser Glaube nahm ein Ende. Drei unerschrockene Glaubensboten, Eucharius, Valerius und Maternus, waren von Rom nach Trier gekommen und predigten den Glauben Jesu Christi. Albana, eine reiche Römerin, schenkte den frommen Männern ihre stattliche Villa zur Abhaltung des Gottesdienstes. Diese erste christliche Kirche stand an der Stelle der heutigen Matthiasbasilika.
Einen mächtigen Aufschwung erlangte die Kirche Triers, als durch Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena der Bau von Kirchen gefördert wurde und wertvolle Reliquien durch sie nach Trier kamen. Der prächtige Dom wurde aus dem Palaste der hl. Helena hergerichtet. Von Trier aus zogen Glaubensboten durchs Land, predigten mit Erfolg und gründeten viele Christengemeinden.
Als zur Zeit der Völkerwanderung die Franken unser Land besetzten, flohen die meisten Römer oder fielen im Kampfe. Auch viele Kelten traf dasselbe Schicksal. Die aber friedlich und unverzagt auf ihren Wohnstätten blieben, biederten sich mit den Eroberern an. Die Franken, die noch germanische Heiden waren, lernten von den zurückgebliebenen Kelten den christlichen Glauben kennen.
Bald kamen neue Glaubensboten aus Schottland: Bonifatius, Willibrord, Wendalin, Oranna. Sie fanden willige Ohren, und das christliche Samenkorn brachte hundertfältige Frucht. Klöster und Kirchen entstanden überall.
So entstand auch in damaliger Zeit die erste Kirche in Nunkirchen, und sie gab, wie eine Überlieferung erzählt, unserm Heimatorte seinen Namen. Aus dem Anfangssatze der Einweihungsrede des Dorfhunen: „Nun haben wir eine Kirche…“, soll der Name Nunkirchen entstanden sein, der ursprünglich vielleicht anders geheißen haben mag.
Die erste urkundliche Erwähnung einer Kirche in Nunkirchen findet sich in einer Verordnung des Trierer Bischofs Rupertus aus dem Jahre 918.
Im Jahre 1147 (richtig: zwischen  1140 und 1147. Das Datum 918 ist nicht nachweisbar, Anm. der Redaktion von nunkirchen.net) wird „Nunkircha“ (lateinische Schreibweise) in einer Verordnung des Erzbischofs Albero als Pfarrei aufgeführt, die nebst 74 andern Pfarreien verpflichtet wurde, alljährlich nach Mettlach zum Grabe des hl. Lutwinus zu wallfahrten. Auch „Losma“ (Losheim), „Waia“ (Wahlen), „Waderella“ (Wadrill) sind unter diesen Pfarreien aufgezählt. In einer Prozession marschierte man am frühesten Morgen ab, um zum Festgottesdienste in Mettlach zu sein und beim; Opfergange Wachskerzen und andere Gaben am Altare niederzulegen. Nach dem Amte empfing jeder Wallfahrer vom Kustos des Klosters ein kleines Brot und einen Becher Wein, und am Nachmittag marschierte man wieder geschlossen heimwärts, wo man dann gegen Abend anlangte.
Der Pfarrei Nunkirchen waren von Anfang an die kleineren Orte der Umgebung als Filiale beigegeben, nämlich Michelbach, Büschfeld, Biel und Vogelsbüsch. Vogelsbüsch wurde später gemäß bischöflicher Verordnung gegen Auschet ausgetauscht. Auch die selbständige Siedlung des Eisenwerks Münchweiler sowie Münchweiler selbst, die ursprünglich kirchlich von Losheim betreut wurden, kamen durch bischöfliche Anordnung 1791 zu Nunkirchen. Leider sind die kirchlichen Archive über die Entwicklung unserer Pfarrei und ihre Betreuung durch Priester in der frühesten Zeit sehr spärlich, vielleicht durch kriegerische Ereignisse verloren gegangen, so dass die Chronik darüber viele Lücken aufweist und sich hin und wieder auf Vermutungen und Annahmen stützt. So sollen zeitweise die Schlosskapläne von Büschfeld und auch Ordenspriester von Mettlach und Tholey den Pfarreidienst hier versehen haben..
Nach Schäfer, Losheim, war Urwahlen ehemals Großpfarrei, der Losheim, Reimsbach und Nunkirchen unterstellt waren und alljährlich am Markustag nach dort eine- geschlossene Pfarrprozession unter Pflichtbeteiligung aller Hausvorstände halten mussten.
Aus dem Jahre 1343 liegt eine Verordnung vor, nach der die Deutschordenskomturei Beckingen die Rechte besaß, den Pfarrer von Nunkirchen zu ernennen und das Patronatsrecht über unsere Pfarrei auszuüben. Dadurch waren sie auch berechtigt, einen Teil des „Zehnten“ einzukassieren.
Der „Zehnte“ war eine rein kirchliche Abgabe und diente zur Unterhaltung des Priesters, der Kirche und der höheren kirchlichen Verwaltung. Er war errechnet aus dem durchschnittlichen Ernteertrag der Fluren, genau festgelegt und musste nach der Ernte in die „Zehntscheune“ angefahren werden, wo die Verteilung staft fand. Davon erhielt ein 1/3 der Pfarrer, 1/3 der Patronatsherr und das letzte Drittel der Bischof oder ein von dem Bischof damit beschenkter Orden, nämlich St. Simeon, Trier. Das Nunkircher Liefersoll betrug 60 Malter Korn (1 Malter = 12 Scheffel, 1 Scheffel = 54 Liter) und 30 Malter Hafer, das Büschfelder 30 Malter Korn Und 15 Malter Hafer, das Michelbacher 30 Malter Korn und 15 Malter Hafer, das Bieler 21 Malter Korn und 9 Malter Hafer. Das Patronat über unsere Kirche war anfangs dem Freiherrn von Hagen und später den Freiherren von Münchweiler zugeteilt. Ihnen oblag die Instandhaltung der Kirche und bei Neu- oder Umbauten die Erstellung des Schiffes. Zur Errichtung und Unterhaltung des Turmes waren die Pfarrgenossen verpflichtet, und die Unterhaltung des Chores oblag dem Pfarrer. Außerdem besaßen alle Kirchen auch eine Landhufe (etwa 30 Morgen) als Wittum. Sie sollte für alle Fälle eine Sicherheit für die Lebenshaltung des Priesters und die Unterhaltung der Kirche bieten. Durch Stiftungen und Schenkungen der Gläubigen wurde dieser Landbesitz zeitweise vergrößert, zeitweise aber auch durch Veräußerungen in Zeiten der Not verkleinert. Noch heute besitzt unsere Kirche einen Wittum von etwa 66 Morgen. Vielfach bewirtschafteten die geistlichen Herren in früherer Zeit den Wittum selbst mit Knecht und Magd. In unserer Zeit wird der Wittum in regelmäßigen Abständen verpachtet.
H57_AltesPfarrhaus_kleinEine Fundgrube über die Geschehnisse und das Leben in unserer Pfarrei sind die von den Pfarrern geführten Lagerbücher, in die auch Visitationsberichte der Bischöfe eingetragen sind. So führt ein Visitationsbericht vom Jahre 1569 die Namen von zwei Kaplänen auf. Dieselben mögen Schlosskapläne von Büschfeld gewesen sein. Der Visitator von 1692 sprach sich anerkennend über die seelsorgerische Tätigkeit des damaligen Pfarrers aus. Ein von der Gemeinde gemachtes Gelübde aus dem Dreißigjährigen Krieg, eine Wallfahrt nach Beurig zu machen, verwandelte er in die Lieferung von 1/2 Maß Öl von jeder Familie für die Ewige Lampe. Von der Salierung einer Wochenmesse, welche auf ein der Gemeinde vermachtes Grundstück gestiftet war, von dessen Ertrag der Pfarrer honoriert werden sollte, sagt der Visitationsbericht, dass diese seit 40 Jahren nicht erfolgt sei. Das Pfarrhaus und das Pfarrschulhaus werden mehr als schlecht bezeichnet. Ganz besonders aber wird der Zustand des Kirchengebäudes beklagt. Daraufhin wurden 1730-32 Schiff und Chor der Kirche neu erbaut und die Einweihung am 3. September 1732 vollzogen. Die Notiz darüber im Lagerbach lautet: „Am3. September 1732 hat Fridericus Lotharius a Nalbach, Episcopus Emenensis et Suffraganeus Treverensis Ihre Kirche sub invocatione Sti. Sebastiani Martyris eingeweihet.“ Schon im Jahre 1675 wurde die Sankt-Sebastianus-Bruderschaft gegründet. Die Sankt-Sebastianus-Bruderschaft, die nach dem Dreißigjährigen Kriege fast in allen Pfarreien gegründet wurde, war eine Erneuerung des ehemaligen Heerbannes, aber jetzt unter Führung der Kirche, auch nicht mehr zu kriegerischen Zwecken, sondern lediglich zum Schütze der Religion und Kirche. Man trug wohl auch Waffen, übte sich im Schießen und feierte Schützenfeste.
Von 1675-1704 war Johannes Oppen als Pfarrer hier tätig, von 1704-1706 Matthias Heinen, von 1706-1712 Adam Fehr, von 1714-1721 Markus Zisch, Von letzterem ist eine ausführliche Eintragung über seinen tragischen Tod niedergeschrieben. Sie lautet: „Ihr Amtsvorgänger zu Nunkirchen, der totgeschossen wurde unter einem Holunderstrauche des Kirchhofes zu Nunkirchen, wo er mittags zu schlafen pflegte, hieß Markus Zisch. Er soll zugleich Wein verzapft haben und griff in der Kirche die zu häufigen Tanzbelustigungen an, was eine Wirtin in Nunkirchen veranlasste, ihrem Knecht einen neuen Hut zu versprechen, wenn dieser den Herrn Zisch totschießen würde. Dieser schoss nun wirklich diesen Herrn, als er auch wieder an seiner alten Stelle auf dem Kirchhofe schlief, tot und flüchtete nach Frankreich, welches damals in einen Krieg mit Österreich verwickelt war. Als dieser Knecht Herrn Zisch erschoss, soll die Wirtin, die ihn angestiftet hatte und zu jener Zeit auf Siegel_Michaely_Klauch_kleinder Höhe hinter dem hiesigen Pfarrgarten Hanf rupfte (also im Juli), gesagt haben, dass sie wüsste, was das für ein Schuss wäre, und es wäre gut, dass der Pfaff erschossen sei. Als der Knecht nun später einmal in einem französischen Regimente wieder durch Nunkirchen zog, fing er in der Nähe dieses Ortes an, seinem Obersten sein Verbrechen bekannt zu machen und ward nun in dem Gutwieswald nach Biel-Bardenbach gefangen und erschossen.“ Nunkirchen wurde wegen des Mordes an dem geistlichen Herrn mit Interdikt belegt. Der Nachfolger des Herrn Zisch war Peter Michaely von 1721-1771 (sein Siegel sehen Sie auf dem Foto rechts). Er war ein Kind unserer Pfarrei und stammte aus Michelbach. Von seiner 50-jährigen Tätigkeit sind viele Seiten im Lagerbuch beschrieben, und von seinen Werken sind noch etliche bis zum heutigen Tage erhalten. So hat er im Jahre 1741 den Torbogen vom Pfarrhaus-Vorgarten über den Oberdorfweg nach dem damaligen Friedhof und der Kirche bauen lassen. Er selbst und die Gemeinde trugen die Kosten je zur Hälfte . „Im April 1744“, schreibt Herr Michely im Lagerbuch „hab ich auf meine eigener Kosten eine Thüre in den Chor durch Meister Ernest Bresrohr von Eppelborn brechen lassen und selbiger wegen steinbrechen und Thüreinsetzen geben 8 Kopf stück und dem Schreiner 27 petermänner, dem Nagel Schmitt 11 y2 alb.“ Ferner „anno 1738 habe ich petrus Michaely pastor zu Nunkirchen H57_Torbogen_kleindie Mauer um das Pfarr-Hauß zu Bauen angefangen und den schöpf gebauet aus meinen eigenen Kosten.“‚ Die 200-jährige Gartenmauer ist im vergangenen Jahre wegen Einsturzgefahr durch eine neue ersetzt worden, aber der „Schopf“ ist stehengeblieben. Der „Bogen“ über die Oberdorfstraße als Verbindung zwischen Pfarrhaus und Kirche möge als Kulturdenkmal noch lange Zierde und Wahrzeichen unseres Dorfes sein. Von 1771-1787 war Sebastian Fischer Pfarrer hierselbst, und von 1788-1805 Johann Baptist Schaak, Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie, der es erreichte, dass im Jahre 1789 das Schiff der Pfarrkirche zu Nunkirchen durch den Freiherrn Hugo Carl von Zandt als Patron der Kirche verlängert wurde, geschmückt mit einem schönen Portal und einer 24-stufigen Treppe, unterbrochen von einem breiten Podest.
Die Kirche blieb genau 105 Jahre so stehen und wurde dann im Jahre 1894 zum Bau der jetzigen gotischen Kirche abgerissen wurde. Herr Schaak vermittelte auch aus seinem Elternhause ein Darlehen gegen Hypothek für den Freiherrn von Zandt nach der Französischen Revolution zur Zahlung der hohen Kontribution an den französischen Staat zur Rückerhaltung ihres Münchweiler Hofes, eine Summe, die durch Anwachsen der Zinsen schließlich den halben Hofwert darstellte durch Heirat des Herrn René von Zandt mit einer Tochter aus dem Hause Schaak gelöscht wurde. Von Herr Pfarrer Schaak selbst habe ich sein trauriges Erlebnis mit den französischen Revolutionssoldaten bereits in der Heimatgeschichte dargelegt. Nach Herrn Schaak war Herr Bernhard Ewen von 1805-1839 hiesiger Pfarrer, von 1839-1844 Peter Schuh und von 1844-1851 Josef Hardt. Von seinen Berichten im Lagerbuch sei folgender herausgegriffen: „Nach dem Berichte vieler alter Bürger, die ich beerdigt habe, ging es mit dem Pfarr-Kirchengute ebenso wie mit dem Gemeinde-Vermögen. Wenn nämlich während und nach den französischen Kriegsjahren bis in die Jahre 1824 die Gemeinde ein kleines Geldbedürfnis hatte, so verkaufte man bis zum bedeutenden Überschuss Eichenstämme aus der Gemeinde-Waldung, und der Überschuss wurde in dem so genannten Spangs-Hause von den Schöffen verzehrt. Ebenso veräußerte die Kirchenverwaltung von Nunkirchen in den Kriegsjahren unter und nach dem Pastor Schaak noch so oft ein Kirchen-Grundstück oder Wiese, als die Kirchengüter in Kontribution genommen wurden, und verzehrte leichtsinnig den Überschuss. Sie nahmen so oft eine Pfarr-Wiese in Anspruch, als der zeitliche Pastor mit Kriegs-Kontributionen belastet wurde. Der zeitliche Pastor gab hierin gern sein placet, weil er nicht selbst aus eigenen Mitteln zu zahlen brauchte, und die Sendschöffen benutzten diese Gelegenheit, um manchen guten Schmaus zu erhalten. Zuverlässig hat dieses erfahren aus dem Munde alter Männer. Hardt.“ Auf Herrn Hardt folgte von 1852-1872 Herr Matthias Portery und von 1872-1915 Herr Pastor Peter Fuchs. Unter ihm wurde im Jahre 1896 die heutige gotische Pfarrkirche erbaut, ein Werk, das seinem hervorragenden priesterlichen Streben und dem großen Opfergeiste seiner Pfarrkinder zu verdanken ist. Die bisherige alte Kirche war zu klein geworden für den aufblühenden Pfarrort und seine Filialen. Ihr baulicher Zustand mag auch vielleicht bedenklich gewesen sein. Der Plan der neuen Kirche wurde entworfen von dem Dombaumeister Wirtz von Trier. Ehe mit dem Abbruch der alten Kirche begonnen wurde, richtete man eine Notkirche ein in den Ökonomieräumen des Pfarrhauess im rechten Flügel. Dieselbe war zweietagig und bot in etwa hinreichend Platz. Die Herrichtung derselben kostete rund 15000 Mark. Nachdem man den Friedhof, der um die alte Kirche angelegt war, ausgegraben und die sterblichen Überreste der Toten auf dem neuen Friedhof in einem Massengrabe beigesetzt hatte, ging man an den Abbruch der alten und den Wiederaufbau der neuen Kirche. Im Herbst 1895 stand der Rohbau, und am Markustag 1896 erfolgte die Einweihung durch Weihbischof Schrod, Die Gesamtgestehungskosten der Kirche betrugen 117 478,62 Mark, freilich ohne innere komplette Ausstattung.
Auf Herrn Fuchs folgte von 1915-1928 Herr Eduard Leinen, und von 1928 bis 1941 Herr Nikolaus Himbert. Von 1941 bis heute ist nun Herr Aloysius Kreutzer hier tätig. Ein hervorragendes und bleibendes Werk von ihm ist das in den Jahren 1951/52 erbaute Altersheim. Auch beschaffte er unserer Kirche ein neues, vierstimmiges Glockengeläute.

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Der Heiligenborn im Großen Lückner

H75Odilienkapelle_aussen_kleinJedes Jahr an Pfingstmontag strömen von allen Richtungen Menschen zum Heiligenborn im Großen Lückner. Es ist der große Wallfahrtstag zur Kapelle der heiligen Ottilia, in deren nächster Nähe der Heiligenborn aus drei Rohren in das sandsteingefasste Becken plätschert. Wer zum ersten Mal diesen Ort besucht, ist erstaunt über das große Gewimmel von Menschen, die sich auf dem schmalen Waldwege hin und her schieben, sich vor den Verkaufsständen drängen, den Brunnen und die Kapelle umdrängen und auch an den Berghängen lagern.
In der Kapelle liest der Pfarrer von Wahlen gegen 10 Uhr eine heilige Messe, der Kirchenchor singt und die Musikkapelle spielt fromme Weisen und Lieder. Der Pfarrer besteigt die aus einem Holzgerüst gezimmerte Kanzel und predigt von der hl. Ottilia und weist auch hin auf den gläubigen Gebrauch des Wassers des Borns für kranke Augen. Nach dem Amt tritt er mit seinen Ministranten vor den Born zur zeremoniellen Segnung desselben. Nun drängen sich die Menschen heran, netzen sich die Augen mit dem kühlen Nass und füllen auch mitgebrachte Flaschen, um sie mit nach Hause zu nehmen. Es ist ein Treiben vom frühen Morgen bis zum späten Abend von Tausenden von Menschen, und das ambulante Gewerbe, das in seinen Ständen alles anbietet, was Auge, Mund und Herz begehrt, hat einen guten Geschäftstag. Arme Blinde sitzen am Wege und halten stumm den Hut auf, auch Krüppel verdienen sich mit ihren Liedchen auf der Ziehharmonika ihr Almosen. Hinter der Kapelle sind Kinder damit beschäftigt, aus Holzstückchen Kreuzchen zu basteln, und stecken sie in den Kapellennischen in den Boden in der Absicht und mit dem Wunsche, dass sie im kommenden Jahre ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekommen. Andere halten auch einmal Umschau, wo denn der Eingang zu der großen Kammer unter der Kapelle und dem Brunnen sei, wo die kleinen Kinderchen liegen, bis die Hebamme sie holen kommt, um sie den Müttern zu bringen.
Wenn auch während des Gottesdienstes einigermaßen Ruhe herrscht, still gebetet, mitgesungen oder der Predigt andächtig gelauscht wird, ist doch die übrige Zeit alles andere als ein Wallfahrtsbetrieb, wie man es an andern Gnadenorten gewohnt ist. Es ist mehr ein Waldfest, ein auf einen Tag festliegendes Ausflugsziel und Treffpunkt unserer Jugend, die mit Fahrrädern, Motorrädern, Autos oder Omnibussen herbeiströmt, ein oder zwei Stunden hier verbringt, um dann weiterzufahren nach Oppen-Reimsbach, wo am gleichen Tage ja Dorfkirmes ist. Selbstverständlich kommen auch viele fromme Beter, besonders ältere Frauen und Männer, deren gläubiger Sinn nicht verflacht ist wie bei unserer heutigen Jugend. Sie betreten die Kapelle, wo sie betend verweilen, und gehen auch zum Brunnen, wo sie sich die Augen waschen und eine Flasche füllen zum Mitnehmen nach Hause zum weiteren eigenen Gebrauche, oder um sie einem lieben kranken Freund oder Nachbarn zu übergeben.
Während, wie oben dargelegt, an Pfingstmontag ein Gewoge von Tausenden von Menschen ist, stehen Kapellchen und Brunnen an allen übrigen Tagen des Jahres beinahe verlassen da. Nur ab und zu kommen einige fromme Besucher, die ihr Leid zur heiligen Ottilia treibt, nicht nur aus den nächsten Dörfern, sondern auch aus den entfernt liegenden.
Welches ist nun die Geschichte des Heiligenborns und seiner Kapelle? Im Pfarrarchiv von Wahlen ist einiges darüber zu lesen: „Da die von der Fräulein Walpurgis von Hagen zu Buschfeld im 17. Jahrhundert gestiftete Kapelle in dem dieser Familie gehörigen Wald Lückner solcher Reparatur bedürftig ist, so hat der Kirchenrat der Pfarrei Wahlen in seiner heutigen Sitzung folgendes beschlossen: In Ergänzung, dass die bei dieser Kapelle befindliche Quelle seit undenklichen Zeiten in dem Ruf steht, heilenden Einfluss auf die Augen zu haben, ferner in Ergänzung, dass den heilenden Kräften der Quelle die dabei befindliche Kapelle ihre Entstehung zu verdanken hat, weiter in Erwägung, dass seit länger als 80 Jahren auf Pfingstmontag eine Prozession für die Pfarrgemeinde angeordnet ist, und es Pflicht des Kirchenvolkes ist, für die Erhaltung der Kapelle Sorge zu tragen…, soll der Kgl. Landrat Herr von Briesen gehorsamst ersucht werden, bei der Kgl. Regierung zu erwirken, dass dieser Wiederherstellung von seiten der Forstbehörde keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.“
Nachdem die angeforderte Genehmigung behördlicherseits erteilt war, begann der Pfarrer von Wahlen auch bald mit den Vorbereitungen zum Bauvorhaben. Der mit der Bauplanung beauftragte Architekt für den Kapellenbau errechnete einen Kostenvoranschlag von 400 Taler. Freiwillige Hand- und Spanndienste waren neben der Lieferung von Baumaterial, insbesondere Steinen und Holz, in die errechneten Baukosten nicht einbegriffen. Der für den Bau begeisterte Pfarrer erließ einen Aufruf nicht nur an seine Pfarrkinder, sondern auch an die der benachbarten Pfarreien von Nunkirchen, Losheim und Reimsbach, und ließ dortselbst eine Spendenliste auflegen. Auch die damals schon bestehende „Merziger Volkszeitung“ veröffentlichte den Aufruf des Pfarrers und rief zu Spenden auf. In seinem Aufrufe wies der Pfarrer auf die kulturgeschichtliche Bedeutung des Heiligenborns hin, dass er schon vor 2000 und mehr Jahren eine gläubige Andachtsund Opferstätte unserer Vorfahren gewesen sei, wie die christlichen Glaubensboten dann die heidnischen Kultplätze umwandelten und auf den Fundamenten der alten Bauten christliche Gotteshäuser errichteten, so dass die damaligen Menschen wohl ihre gläubige Gesinnung und Überzeugung ändern, aber ihren altgewohnten Gang zur heiligen Stätte mit vielen eingewurzelten und liebgewordenen religiösen Bräuchen, nun jedoch in christlicher Auffassung, beibehalten konnten. Der Heiligenborn sei nun auch in die christliche Zeit hinein geflossen wie bisher, und der Glaube an die augenheilende Kraft desselben sei erhalten geblieben bis zum heutigen Tage. Manches christliche Kapellchen oder vielleicht auch Einsiedlerklause möge hier schon gestanden haben und immer wieder aufgebaut worden sein, wenn das alte vielleicht baufällig oder vermodert daniederlag. Das letzte urkundlich nachgewiesene Kapellchen sei ja das von dem Freifräulein Walpurgis von Hagen zu Büschfeld im 17. Jahrhundert gestiftete Kapellchen gewesen, und das sei nun ebenfalls baufällig und müsse durch ein neues, massives Kirchlein ersetzt werden. Der warme Aufruf des Pfarrers hatte leider nicht den erhofften Erfolg, denn es wurden insgesamt nur 113 Taler und einige Silbergroschen“ gespendet, und zwar aus Wahlen, Nunkirchen, Losheim, Merzig, Michelbach, Münchweiler und Wallerfangen. Da nahm sich eine reiche und vornehme Madame C. Thiery aus Wallerfangen des Bauvorhabens an, Sie trug sich dem Pfarrer von Wahlen an, den Bau aus eigenen Mitteln und Hinzunahme der gezeichneten Spenden errichten zu lassen, was der Pfarrer auch hocherfreut bewilligte. Sie ließ von ihrem Architekten einen neuen Plan entwerfen, nach dem die Kapelle nun auch mit einem enorm höheren Kostenaufwand von 900 Talern im Jahre 1862 erbaut wurde. Das ganze Baumaterial wurde in Wallerfangen hergerichtet und per Achse zum Lückner gebracht. Diese Kapelle aus Buntsandstein, in gotischem Baustil erbaut, steht noch schön und wohlbehalten bis zum heutigen Tage und wird hoffentlich noch mehrere Geschlechter überdauern. Die Statue der hl. Ottilia entstammt der Beuroner Kunstschule. Sie ist in Lindenholz geschnitzt und stellt das Erstlingswerk einer jungen Künstlerin aus München dar. 1940 wurde sie von Pfarrer Moog aus Wahlen in der Zeit seiner Ausweisung in Sigmaringen bei Pater Maurus bestellt und im Jahre 1946 an Stelle der durch frevelhafte Hand zerstörten alten Statue aufgestellt und eingeweiht. Das während des zweiten Weltkrieges beschädigte Dach ließ Pfarrer Moog im Jahre 1948 erneuern. Bei diesen Reparaturarbeiten fand man auf dem Dachboden, im Laub versteckt, zwei Figuren, eine Muttergottesstatue aus dem 14. Jahrhundert und eine Anna-Selbstritt-Figur. Letztere ist gut erhalten und wird von einem Kunsthistoriker restauriert. Der Konservator Dr. Keller konnte an ihrer Gewandung die Kunstepoche feststellen, der sie angehört. Es ist anzunehmen, dass die Muttergottes zeitweilig in der Lücknerkapelle verehrt wurde. Auf Bestrebungen hin, die Ottilienkapelle in eine Verehrungsstätte der Muttergottes umzuwandeln, entschied das Generalvikariat. zu Trier im Jahre 1946, dass die Kapelle ein Ottilienheiligtum bleibt.
H75OdilienkapelleInnen_kleinWir haben also die hl. Ottilia als Schutzpatronin und Helferin in unserer Nähe und brauchen nicht die weite Reise zum Odilienberg ins Elsass zu machen, um sie zu verehren. Besonders unsere Kinder haben eine heilige Ehrfurcht vor ihr und drängen jedes Jahr an Pfingstmontag ihre Eltern zur Wallfahrt nach dort. Dann erlauben sie sich auch in ihrem gläubigen Sinn den Scherz, ein Kreuzchen zu stecken, denn sie glauben fest daran, dass unter der Kapelle in einer großen Kammer die kleinen Kinderchen in ihren Bettchen schlummern, bis die Hebamme sie holen kommt. Soviel Kreuzchen gesteckt werden, soviel neue Kinderchen werden vom lieben Gott in die leer gewordenen Bettchen gelegt. Der Heiligenborn ist auch ein beliebtes Ausflugsziel für Schulklassen. Im Jahre 1900, als ich noch ein Schulbube von 12 Jahren war, beschloss unser Pastor Fuchs von Nunkirchen aus Anlass des denkwürdigen Jahres der Jahrhundertwende und zugleich als Schulinspektor seiner Pfarrei, einen gemeinsamen Ausflug mit allen Klassen zu machen. Die Kinder sollten entscheiden, wohin der Ausflug gehen sollte. Da riefen fast alle: „Auf den Heiligenborn!’7 Der Wandertag wurde festgelegt, und bei sonnigem Wetter marschierten wir Kinder alle, nämlich nicht nur von Nunkirchen, sondern auch von Michelbach, Büschfeld und Biel, geführt von unsern Lehrpersonen und dem Herrn Pastor, mit belegten Broten, gekochten Eiern usw. in Ranzen und Taschen, mit Sang und Klang zum Lückner. Es war ein Zug von mehreren hundert Metern, denn wir mussten fein geordnet zu zweien marschieren. Auf dem Heiligenborn angekommen, wurde nach kurzem Gebet und einem frommen Lied ein fröhliches Pickknick gehalten, und zu unserer Freude sahen wir, dass der Herr Pastor schon im Voraustrupp zwei große Fässer Wein, freilich verdünnt mit Wasser, aber gesüßt mit Zucker, für uns hatte anfahren lassen. Ab und zu mussten wir uns in Reih und Glied aufstellen, und jeder bekam sein Gläschen Wein, und die ganz Schlauen schmuggelten sich, nachdem sie ihr Gläschen geleert hatten, wiederum weiter unterhalb ein, so dass es nicht ausblieb, dass eine ganze Reihe von ihnen einen gehörigen Schwips bekam. Unter fröhlichem Scherz und Spiel verbrachten wir einige Stunden und steckten auch hunderte von Kreuzchen, und auf dem Heimwege wurden unsere Gesänge, je mehr wir uns der Heimat näherten, immer lauter und ausgelassener, wobei sich die Beschwippsten ganz besonders auszeichneten. Einer von ihnen, mein guter Freund und Schulkamerad, war oder stellte sich nur so betrunken, dass er, zu Hause angekommen, sich erlaubte, es seinem Vater in ähnlichem Zustande nachzumachen, indem er in der Küche gröhlend und mit dem Stecken fuchtelnd alle Tassen, Teller und Schüsseln auf der „Kriebank“ zerschlug. Heute, im feingesitteten- Zeitalter, soll wohl derartiges nicht mehr geschehen, zumal das Porzellan ia auch nicht mehr auf der offenen „Kriebank“ steht, sondern schön abgeschlossen im Küchenschrank.
Welchen Ursprung die Wahlener Prozession an Pfingstmontag nach dem Heiligenborn hat, soll abschließend noch erzählt werden: Es war im Dreißigjährigen Kriege, das Jahr 1634. Die schwedischen und französischen Truppen waren auf ihrem Rückzuge vom Rhein nach Metz. Voll Wut darüber, aber auch aus Hunger beraubten und plünderten sie alle Dörfer, drangsalierten die Menschen und steckten ihre Häuser in Brand. Die aufsteigenden Rauch- und Feuersäulen und der rotglühende Nachthimmel zeigten die Marschrichtung der Feinde an. So kamen sie auch in unsere Heimat. Die Menschen flohen in die Wälder und hielten sich verborgen. Die Wahlener flohen mit ihrem Pfarrer nach dem Heiligenborn und beteten in der Kapelle um himmlischen Schutz. Auch machten sie das Gelübde, alljährlich eine Prozession nach hier zu machen, wenn sie gerettet würden. Sie wurden von den Schweden nicht entdeckt, und ihr nacktes Leben war gerettet, aber ihr Dörfchen war ausgeplündert und niedergebrannt. Trotzdem aber hielten sie ihr Versprechen, und so findet alljährlich an Pfingstmontag die Prozession unter Führung des Pfarrers zur Kapelle der hl. Ottilia und dem Heiligenborn statt.
Auch die fromme Sage um die hl. Ottilia und den Heiligenborn sei hier niedergeschrieben: Im 7. Jahrhundert lebten im Elsass der Herzog Eticho I. und seine fromme Gattin Bereswinda. Der liebe Gott schenkte ihnen ein Mägdelein. Darüber wurde der Herzog unwillig, und als er zudem noch sah, dass das Kind hässlich und blind war, kannte sein Zorn keine Grenzen mehr und das Kind musste vom Hofe entfernt werden. Zur Jungfrau herangewachsen, suchte sie Aufnahme bei ihren Eltern, Aber der Vater verstieß sie. Voll Trauer wanderte sie in Begleitung einer alten, treuen Magd jn die Welt, unaufhörlich Gott bittend, ihr das Augenlicht zu geben. Auf ihrer Wanderung kamen sie auch in den Lückner und fanden die Quelle, wo sie tranken und sich wuschen. Auch lagen Steinblöcke rundum, auf denen sie sitzen und zwischen denen sie schlafen konnten. Bald hatten sie mit Reisig ein Dach darüber gebaut und waren so geschützt gegen Regen und Kälte. Von den Früchten des Waldes stillten sie ihren Hunger. Auch das kühle Nass des Brünnleins erquickte sie, und Ottilia kühlte und wusch daran ihre von den Tränen brennenden Augen. Eines Nachts fühlte sie ein seltsames „Kribbeln“ in den Augen, und als der Tag anbrach, erschaute sie die herrliche Gotteswelt. Ihr Gesicht erstrahlte in himmlischer Schönheit. Voll Dank gegen den allgütigen Gott sanken sie auf die Knie nieder und beteten.
Der Herr des Geisweiler Hofes, ein fränkischer Edelmann, hielt alljährlich große Jagden ab, zu denen er auch einst den Herzog Eticho einlud. Auf seinem Pirschgang kam dieser auch zufällig zum Heiligenborn und sah und erkannte seine alte Magd. Von ihr erfuhr er die wunderbare Begebenheit und schloss seine Toçhter voll Freude und Liebe in seine Arme. Sie musste mit zur Mutter auf die heimatliche Burg. Nun wollen wir glücklich zusammenleben, sagte der Vater, und Gott Janken für die Gnade, die er dir und auch uns zuteil werden ließ. Sie aber sprach: „Wenn ihr wirklich Gott aus ganzem Herzen danken wollt, dann baut mir ein Kloster auf einem eurer Berge, wo ich Gott dienen möchte, solange ich lebe.“ Schweren Herzens erfüllte ihr der Vater diesen Wunsch. Und als es fertig war, zog sie ein mit ihrer treuen Magd, lud viele gleichgesinnte Jungfrauen zu sich ein und sie dienten Gott und übten Werke der Barmherzigkeit, solange sie lebten. Ottilia wurde von der Kirche selig und heilig gesprochen, und ihr Kloster steht heute noch auf jenem Berge in den Vogesen und heißt „Odilienberg“. Alljährlich ziehen an Pfingstmontag große Scharen von Pilgern dort hinauf, um sie zu verehren, so wie auch wir es tun im Lückner am Heiligenborn in ihrer Kapelle.

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Schulgeschichte von Nunkirchen

Schon zur Zeit der alten Kulturvölker waren die vornehmen und reichen Familien bestrebt, ihren Kindern durch geeignete Lehrer das lebenswichtige Wissen beibringen zu lassen. Im Mittelalter gab es auch in unsern deutschen Landen Kloster- und städtische Latein- und Bürgerschulen auf freiwilliger Basis, die hauptsächlich von Kindern strebsamer Eltern besucht wurden. Die übrigen Kinder, besonders die auf dem Lande, wuchsen ohne jegliche Schulbildung auf. Die Eltern schulten ihre Kinder selbst in Landwirtschaft, Viehzucht, Hauswirtschaft und Rechnen soweit, als es für den Umgang mit Geld und für den Handel notwendig war.
Nach und nach erkannte man aber doch die Notwendigkeit einer besseren Bildung -der Jugend überhaupt, und damit begannen auch die Anfänge der allgemeinen Volksschulbildung. Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck (1676-1711) verfügte für seine Diözese den Schulzwang durch die Verordnungen vom 16. Mai 1680, vom 25. März 1681 und vom 12. Dezember 1685. Die Hauptbestimmung der Verordnungen lautet, dass die Kinder vom 7. bis 11. Jahre zur Schule zu schicken sind und die Eltern das Schulgeld zu zahlen hätten, auch wenn sie in böswilliger Weise die Kinder nicht zur Schule schickten. Leiter der Schule sollte der Pfarrer, finanzieller Träger die Pfarrgemeinde und Lehrer ein kluger, fleißiger und sangeskundiger Jüngling aus ehrbarer Familie sein,
Mit diesen Verordnungen begann demnach auch für die Pfarrei Nunkirchen das Volksschulwesen, und die Kinder der ganzen Pfarrei, also nicht nur von Nunkirchen, sondern auch von Michelbach, Büschfeld, Biel und sogar von Vogelsbüsch waren zum Besuch der Pfarrschule in Nunkirchen verpflichtet. Ein geeignetes Haus wurde erworben und zur Schule eingerichtet. Schulunterricht fand aber nur während der Wintermonate statt, nämlich von Martini- bis Gertrudentag. Die Hauptunterrichtsfächer waren Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen. Gelesen wurde aus der Bibel und dem Katechismus, und gesungen wurden hauptsächlich Kirchenlieder und Choral. Der Lehrer führte den Titel Ludus Magister. Das Einkommen des Lehrers bestand- aus Geld und Naturallieferungen, hauptsächlich Getreide, das auf die einzelnen Familien umgelegt war. Außer seinem Schuldienst besorgte der Lehrer auch den Küster- und Chordienst in der Kirche und stand auch als Pfarrschreiber dem Pfarrer zur Seite. Auch beim Hochgericht fungierte er vielfach als Schreiber und führte als solcher den Titel Notarius. Durch diese Nebentätigkeit hatte er nicht nur eine angesehene Stellung, sondern auch ein beachtliches Nebeneinkommen.
Bereits um 1700 lassen die Eintragungen in unsern Pfarrbüchern erkennen, dass der Lehrer als Pfarrschreiber fungierte. Er unterzeichnete neben dem Pfarrer und den acht Kirchenschöffen. Nach einer für den im Jahre 1704 verstorbenen Pastor Johann Oppen eingetragenen Messstiftung „soll der Schulmeister als Küster für seine Mühewaltung 3 Albus (3 Weiß- oder Silberpfennige) erhalten“. Von 1713 ab werden in den Pfarrbüchern während des 18. Jahrhunderts 5 Lehrer genannt, und ihre Eintragungen darin legen Zeugnis dafür ab, dass sie sowohl in Schrift als auch in Rechtschreibung gewandt waren. Die Schöffen konnten um das Jahr 1723 noch nicht schreiben, denn sie setzten unter die Schriftstücke noch ihre „Handzeichen“‚ (runenartige Striche und Haken), denn ihre Jugendzeit lag ja noch vor 1700, wo noch keine Schulpflicht bestand. Aber in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten erscheinen richtige, namentliche Unterschriften als Ergebnis der Schulbildung im 18. Jahrhundert. Schon im Jahre 1730 unterzeichnen von den acht Schöffen zwei mit ihrer Unterschrift, wovon eine sogar von flotter Handschrift zeugt. Im Jahre 1776 ist eine Urkunde von allen Schöffen namentlich unterschrieben.
H57_AlteSchule_kleinAls nach den Freiheitskriegen 1813/14 unsere Heimat unter preußische Verwaltung kam, wurden die Pfarrschulen aufgelöst und das Schulwesen staatlich geordnet, die volle und strenge Schulpflicht eingeführt und ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen eingesetzt. Auch wurde ein gemeindeeigenes, neues und massives Schulhaus im „Schulecken“ gebaut (Foto links). Es umfasste 2 Säle und 2 Dienstwohnungen. Auch in Büschfeld wurde zu gleicher Zeit eine eigene Schule erbaut, in die auch die Kinder von Biel gehen mussten, während in die Schule zu Nunkirchen die Kinder von Michelbach und Münchweiler zu kommen hatten. Erst im Jahre 1846 erbaute Michelbach eine eigene Schule und erhielt als Ablösung für seinen Anteil an der hiesigen Schule, 400 Taler. Die Kinder von Münchweiler und seit 1889 auch die Kinder von Auschet, infolge der Umpfarrung von Vogelsbüsch nach Limbach und Auschet nach Nunkirchen, besuchen bis heute unsere Schule in Nunkirchen.
Da die Schülerzahl im Jahre 1874 auf 117 Knaben und 134 Mädchen angewachsen war und ein weiteres Steigen durch die nach dem glorreichen Kriege von 1870/71 aufblühende Wirtschaft vorauszusehen war, beschloss man den Bau eines neuen Schulhauses in der Oberdorfstraße mit einem Saal und einer Dienstwohnung. Nach Fertigstellung des Baues wurde das Schulsystem 3-klassig, und zwar eine gemischte Unterklasse vom 1. bis 4. Schuljahr, eine, obere Knabenklasse vom 5. bis 8. und eine obere Mädchenklasse, ebenfalls vom 5. bis 8. Schuljahr. Die Mädchenklasse bezog die neue Schule im Oberdorf, die dadurch den Namen Mädchenschule erhielt.
Als im Jahre 1901 die Schülerzahl auf 296 angewachsen war, musste eine vierte Klasse eingerichtet werden, wozu allerdings ein Saal fehlte. Da die Schülerzahl von Jahr zu Jahr auffallend stieg, beschloss man im Jahre 1903, eine neue, 4-klassige Schule zu bauen. In der Bungertstraße erwarb man von der Witwe Basenach ein Grundstück und zahlte für die Quadratrute 14 Mark, insgesamt rund 4000 Mark. Am 20. Oktober 1907, mit Beginn des Winterhalbjahres, wurde die neue Schüfe bezogen und wegen der inzwischen angestiegenen Kinderzahl auf 329 ein 5-klassiges System eingerichtet, da ja 5 Säle vorhanden waren, weil die Mädchenschule weiter in Benutzung blieb. Das alte Schulgebäude im Schulecken wurde außer Dienst gesetzt und an den Schmiedemeister Dewes verkauft. Im Laufe der kommenden Jahre stieg die Kinderzahl ständig, so dass im Jahre 1913 bei 380 Kindern die 6. Klasse und im: Jahre 1921 bei 425 Kindern die 7. Klasse eingerichtet wurde. Da nur 5 Säle vorhanden waren, musste Wechselunterricht eingerichtet werden. Der Leiter der Schule erlangte nach Ablegung einer besonderen Prüfung nun den Titel „Rektor“, während vordem von Beginn der 3. bis 6. Klasse der Titel „Hauptlehrer“ war.
Nach und nach machte sich aber wieder ein Sinken der Kinderzahl bemerkbar, so dass 1925 die 7. Klasse und 1930 die 6. Klasse wieder abgebaut wurden. Von 1931 bis 1955 blieb das System nun 5klassig und wurde nunmehr sogar wiederum abgebaut auf 4 Klassen. Da während des Weltkrieges 1939/45 die Mädchenschule anderweitig benutzt und nach Beendigung des Krieges Wohnungen für ausgebombte und wohnungssuchende Familien darin eingerichtet wurden, mussten 5 Klassen in 4 Sälen unterrichtet werden. Durch die groß geplante Aufbauaktion der saarländischen Regierung, insbesondere auch für den Schulbau, beschloss man im Jahre 1952 den Anbau eines Flügels an das vorhandene Schulgebäude in der Bungertstraße. Durch diesen Anbau wurden 4 neue Schulsäle, ein Lehrmittel- und ein .Lehrerzimmer, ferner im Keller ein öffentliches Volksbad mit Wannen- und Brausebädern geschaffen und alle Schulräume, mit Ausnahme der Dienstwohnungen, mit Dampfheizung ausgestattet. In dem nach Osten liegenden Schulsaal im Erdgeschoß des alten Flügels der Schule wurden ferner die sanitären Räumlichkeiten für die Kinder geschaffen. Da desgleichen noch ein alter Saal als Werk- und Bastelwerkstätte eingerichtet wurde, verbleiben noch 6 Lehrsäle, die vorläufig reichen und der wieder anwachsenden Schülerzahl hinreichend dienen können. Da durch den Anbau des Flügels und die Schaffung eines größeren Turn- und Spielplatzes für die Kinder die Dienstgärten der Lehrpersonen teils ganz, teils übergroß weichen mussten, hat man vorsorglich neues Gelände in Fortsetzung des Grundstückes von Herrn Gastwirt Johann Lauer angekauft, um dort neue, schöne Dienstgärten für die Lehrpersonen und auch einen Lehr- und Schaugarten für die Kinder anzulegen.
Der erste in den hiesigen Pfarrbüchern eingetragene Lehrer und Küster ist Johann Färber, der sich am 8. November 1712 mit Katharina Groß aus Nunkirchen verheiratete. In den Jahren von 1723 bis 1736 sind Stiftungen eingetragen durch Lehrer Michael Waltrich. Zwischendurch wurde am 9. März 1730 eine Eintragung gemacht durch den Lehrer Carolus Guntram, der wahrscheinlich aushelfend oder vertretungsweise hier tätig war. Vom Januar 1739 ab sind Messstiftungen durch den Lehrer Petrus Molitor eingetragen. Seine Eltern, Johannes Müller und Katharina Geis, wohnten in Bilsdorf, WO er 1707 geboren wurde. Er latinisierte seinen Namen, wie es in jener Zeit vielfach üblich war. Bis zum Jahre 1754 war Molitor Lehrer von Nunkirchen, öffentlicher Notar und Hochgerichtsschreiber des Hochgerichtes Nunkirchen, Wahlen und Niederlosheim. Er hat ins Pfarrbuch auch Eintragungen in lateinischer Sprache gemacht. Seiner Handschrift setzte er stets den Amtstitel als Notar und Hochgerichtsschreiber bei. Es muss darum angenommen werden, dass er höhere Schulbildung besaß. Sein Nachfolger im Lehramte war Johann Matthias Weyand, Sohn von Bartholomäus Weyand und Maria Hyenbegel aus Nunkirchen. Von 1750 bis 1754 war Weyand Hilfslehrer unter Lehrer Molitor, und als dieser 1754 aus dem Schuldienste ausschied, wurde er hauptamtlicher Lehrer von Nunkirchen und wirkte ununterbrochen als solcher bis 1802. Von 1797 ab hatte er seinen Sohn Friedrich Weyand als Hilfslehrer bei sich tätig, der dann von 1802 ab den Dienst allein übernahm. Vater und Sohn werden in Visitationsberichten als sehr tüchtige Lehrer gerühmt und besonders das musikalische Talent hervorgehoben. Auch ihre schöne Handschrift in den Pfarrbüchern ist bestechend. Nachfolgendes Schreiben des Josef Schneider von Nunkirchen und Maire der Mairie von Weierweiler gibt Aufschluss über die Persönlichkeit des Lehrers Friedrich Weyand und die damaligen Schulverhältnisse:

„Den 30. Messidor X. Jahres. Der Mdire von Weierweiler.
An den Unterrichtsjury des Bezirks Birkenfeld.
Umb Ihnen auf Ihr Schreiben vom 1. Messidor zu antworten, habe ich die Ehre, Ihnen zu berichten, dass in hiesiger Mairie drei Pfarr & Lehrer sind, nämlich zu Nunkirchen, Confeld und Weiskirchen. Der Lehrer von Nunkirchen nennt sich Friedrich Weyand, sein Wohnort ist Nunkirchen; zu der Pfarrei gehören Michelbach und Büschfeld-Bühl, welche zwei letztere Ortschaften ihre Kinder aber nicht in die Schule Nunkirchen schicken, sondern sich alljährlich Winters einen ungeprüften herumirrenden Menschen um eine gewiß wohlfeile Summe nebst der Nahrung, die sie ihm tourweise geben, „andingen“, wodurch der Unterricht der Jugend schlecht gegeben, ganz vernachlässigt wird. Ebenso verhält es sich mit Mitlosheim, welches nach Losheim in die Pfarrei gehört und sich ebenfalls Winters einen obenbemeldetem Menschen zum Lehrer ihrer Jugend sucht. Der bemeldete Friedrich Weyand, Lehrer zu Nunkirchen, ist bei dem Unterrichts-Jury zu Birkenfeld sowohl als schon bei der vorigen Verfassung in der sogenannten Normalschule zu Koblenz geprüft und fähig befunden worden. Sein moralisches Betragen ist ohne Tadel und lobenswürdig, auch besitzt er die. vollkommene Zufriedenheit seiner Gemeinde und verdient das Zeugnis einer guten, stillen und tugendhaften Ausführung. Sein Gehalt ist schwach, denn er erhält nur von jedem Lehrling, deren 60-70 da sind, einen Frank 4 Centimes zu Lohn nebst dem ihm bei Winterszeit zur Einheizung des Schulgebäudes nötigen Brandholz. Ich füge noch hinweisend hiermit die wichtige Bemerkung bei, dass ich für dienlich hielte, wenn die Gemeinde zur Winterzeit besondere Lehrer halten wolle, sich diese Lehrer vor dem Maire stellen müßten und demselben ein Zeugnis des Unterrichts-Jury vorzuzeigen, vermöge welchem der Candidat die Approbation von diesem hätte, ehe er den Dienst in dieser oder jener Gemeinde antreten könne. Ich bitte mir hierüber von Ihnen Ihr Gutachten und die nötigen Nachrichten um ferner gutscheinende Maßregeln zu ergreifen.“‚
gez. Josef Schneider, Maire.“

Ein anderes Schreiben des Josef Schneider, Maire zu Weierweiler, betrifft die Schulaufsicht:

„Nunkirchen, den 15. Ventose 13.
Da eine besondere Aufsicht des Schulwesens in der Mairie Weierweiler notwendig ist, damit Schullehrer und Schulkinder, erstere zum Lehren, letztere zum Lernen immer mehr aufgemuntert werden. Also wird Herr Bernhard Zeisen, Vikarius zu Confeld, da die Herrn von Pastors zu Nunkirchen, Weiskirchen und Confeld mit den Pfarrgeschäften viel zu tun haben und schon bei Jahren sind, hiermit ersucht, diese Aufsicht in den Hauptschulen zu Nunkirchen, Weiskirchen und Confeld, auch in den Nebenschulen der Mairie zu übernehmen und öfters in diesen Schulen zu wiederholen.
gez. Josef Schneider, Maire“

(Entnommen aus den Akten der Bürgermeisterei und den Abschriften von Herrn Lehrer Dewes.)

Noch eine Notiz aus den Aufzeichnungen des Herrn Dewes über die Verwaltung der Schulen im vorigen Jahrhundert:

„Am 16. Dezember 1841 wurde eine Neueinteilung des Kreises in vier Schulinspektionsbezirke genehmigt, bei denen es bis zum Jahre 1874 blieb. Nunkirchen gehörte zur 4. Inspektion Confeld. Die Inspektionen wurden von den Pfarrern der betreffenden Inspektion verwaltet. So war Pfarrer Portery von Nunkirchen der Verwalter der 4. Inspektion Confeld.“‚

Nach Friedrich Weyand wirkte Herr Nikolaus Fett, geboren zu Münchweiler-Hüttenwerk bei Nunkirchen, von 1832 bis 1866 als Lehrer hierselbst. Er fand seine Lehrerausbildung im Lehrerseminar zu St. Matthias in Trier. Er war der erste seminaristisch ausgebildete Lehrer unserer Schule in Nunkirchen. Auf ihn folgte Herr Jakob Gnad, geboren zu Platten, Kreis Wittlich, ausgebildet am Lehrerseminar zu Brühl und zuerst Lehrer in Michelbach von 1849 bis 1866, und dann von 1806 bis 1891 hier in Nunkirchen. Er baute ein eigenes Wohnhaus in der Bungertstraße, das nach ihm von seiner Tochter Juliane und heute von seinem Enkel Johann Weyand bewohnt wird. Juliane Gnad war auch 10 Jahre mit ihrem Vater als Lehrerin tätig an der Schule zu Nunkirchen, heiratete dann aber Herrn Michel Weyand und trat aus dem Schuldienste aus. Sie ist die Stamm-Mutter der Familien Johann Weyand, Andreas Weyand, Karl Weyand und Nikolaus Demmer-Weyand. Auf Herrn Gnad folgte im hiesigen Schuldienste Herr Joh. August Clüsseroth aus Trittenheim/Mosel von 1891 bis 1895, dann Herr Michel Bernhard Adams von 1895 bis 1913, dann Herr Nikolaus L’hoste von 1913 bis 1922, dann Alfons Derichs von 1922 bis 1926, dann Josef Speicher von 1926 bis 1930, dann Matthias Müller, ein geborener Nunkircher und Schreiber dieser Zeilen, von 1931 bis 1953, und dann Fritz Glutting von 1953 bis jetzt.
Andere Lehrpersonen, die durch die lange Zeit ihrer hiesigen-Wirksamkeit und durch besondere Leistungen sich für unsern Ort verdient und unvergesslich gemacht haben, waren: Katharina Schäfer von Weiskirchen, von 1875 bis 1906; Susanna Kaspar von Lockweiler, von 1911 bis 1931; Matthias Kornelius von Clüsserath/Mosel, von 1897 bis 1904; Anna Jager von Losheim, von 1906 bis 1920; Cäcilia Kammer von Völklingen, von 1912 bis 1923; Harns Thieser von Saarhölzbach, von 918 bis 1948; Albert Arnes von Trier, von 1921 bis 1949; Petronella Lück von Saarburg, von 1928 bis 1955; Heinrich Thomé von Michelbach, von 1948 bis 1952; Therese Artz von Kostenbach, von 1950 bis 1952.
Augenblicklich sind an unserer Schule tätig: Fritz Glutting von Elversberg, von 1953 ab; Philipp Sauerwein von Wasserliesch, von 1952 ab; Annemie Pauwels von Köln a. Rh. (Mutter von Nunkirchen), von 1949 ab; Wilhelm Plengorth von Merzig, von 1956 ab.

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Die Gottbillsche Hütte

Bis vor 100 Jahren waren fast alle Eisenwerke unserer Saarheimat noch kleine oder mittlere Betriebe und fanden sich meistens dort, wo die drei wichtigsten Grundbedingungen gegeben waren, nämlich das Vorkommen von Erz, die Zubringung von Holzkohlen und eine zuverlässige Wasserkraft zum Antrieb der Wasserräder für das Gebläse und Hammerwerk. Da in unserer Heimat diese Bedingungen gegeben waren, sind in früherer Zeit hier mehrere Eisenwerke in Betrieb gewesen, nämlich in Bettingen, Nunkirchen und Münchweiler. Erz gab es im Hochwald an vielen Stellen, die unerschöpflichen Wälder lieferten Holzkohlen, und die Hochwaldbäche waren stark genug, die Wasserräder zu treiben.
Conrad Lehmon, Hüttenmeister auf dem Eisenwerk zu Bettingen, veranlasste seinen Schwager, den Ratsherrn Carl Gottbill von Trier, hier in Nunkirchen ein Eisenwerk zu gründen. Dazu musste die gewerbliche Genehmigung und auch das Schürfrecht von Eisenerz vom Kurfürsten von Trier bewilligt werden, denn er war der Grundherr unseres Landes. Dieselbe wurde auch erteilt, wie nachfolgende Urkunde vom 1. April 1724 darlegt:

H57_Gottbill_kleinExtractus Protocolli d. d.
Ehrenbreitstein Ersten Aprilis 1724
Von wegen p. und auf die von Kellnern zu Saarburg hierüber erstattete relation wird Carl Gottbild von Neunkirchen hiermit gnädigst erlaubt, dass derselb zu bereitung neuen Eisensteins oder des erhaltenden alten Eisens eine neue Schmelz zu Neunkirchen im Amt Saarburg auf seinem eigenthümlichen grund und boden ohne manniglichs schaden errichten und aufbauen, dieselbe seinem besten Vortheil nach gebrauchen, und in fortwehrendem guten stand unterhalten, darbeneben auch auf denen in selbigem zehnderey District erfindlichen Eisenstein fleißig nachsuchen und fördern, durch die darmit eröffnende gruben niemanden beschädigen, solche also, auch wohl Verwahren laßen, dass darinnen kein Vieh Verunglücken möge, demnächst solle obgen. Gottbild dieser beiden Concessionen halber und zwarn wegen des Eisenhammers für den darzu gebrauchenden wasserlauf alle Jahrs 10 rtlr Currenter Landmüntz von dem ergrabenden neuen Eisenstein aber denen ChurfürstL regalien gemäß den zehnden Theil getreulich ausliefern, die Schlacken und Ertzwaschen unter des Kellnern und des Churfürstlichen forstbedienten beständiger Obsicht also verbringen und einrichten, damit hierdurch denen fischen und fischbächen der Endszumahlen kein hinderniß noch schade dardurch zugefügt oder verursacht werde, im übrigen solle gemelt. Gottbild und nach ihm alle die Jenige, welche von dieser Concession einigen Nutzen zu erschöpfen verhoffen wollen, der im Ertzstift Trier hergebrachten Bergordnung genau nachleben, alle andere unter aufsuchende Eisenstein ufstoßende oder an Tag kommende mineralien wie diese Nahmen haben mögen ohnverweilt dem Chürfürstl. Kellnern zu Saarburg anzeigen, den Eisenstein auch niemahlen abführen oder verschmelzen, es seye denn derselb unter bestelter pflichtenmäßige obsicht /: wofür Jetzo gen. Kellner getreuest sorgen und alle monath einmahl al dem erfolg und ausbeut anhir berichten solle :/ abgemeßen und der zehnde häufen zu nutzen der Hof Cammer aufgeschrieben worden, welchen dem laufenden werth nach der beständer Gottbild bezahlen-, das Jenige Eisen aber, welches nächst gen. Ihre ChurfürstL Hoheit zu ihren eigenen gebauen oder arbeith im Amt Saarburg zu brauchen Vonnöthen hätten per waag Neun alb unter dem gemeinen preis überlaßen und anschaffen mithin schlüßlich Vor alle bedingnußen und Versprochene prostationes in Jetzt gesagtem Amt Vor zwey hundert rtlr angenohme liegende Suhficienti burgschaft leisten-, hingegen gemäß dem zur Kellerey Saarburg abzugebenden schriftlichen revers niemahlen im Ertzstift Trier zu solchem foergwerk oder Eisenschmeltzen einiges bau brand oder Kohlholz suchen, noch gewärtigen soll, alß welches des leyder zu Vol eingerißenen Hotlz-Mangels halber dem beständeren hiermit ausdrücklich Verbotten und abgeschlagen wird. Urkund p. Ehrenbreitstein 31. Marty 1724.“

WappenGottbill_Klauck_kleinNach Eingang der erteilten Genehmigung ging man nun sofort ans Werk. Herr Carl Gottbill und sein Schwager Lehmon, der in Büschfeld wohnte, suchten zunächst das geeignete Gelände, das sie schon vorher ins Auge gefasst hatten, zu erwerben. Es lag am Dorfrande von Nunkirchen, jenseits des Baches an der Straße, die von Nunkirchen über Münchweiler nach Losheim-Merzig führte und einem Zinsbauern gehörte, der dem Herrn von Zandt zu Weiskirchen-Münchweiler als Lehensmann unterstand. Unter Zusicherung der Einbeziehung seiner Wohn- und Wirtschaftsgebäude in den Werksbetrieb und Übernahme seiner Person und der Mitglieder seiner Familie und deren noch kommenden Nachkommen, willigte er ein, und der Freiherr Emmerich Karl Josef Zandt von Merl und Herr Carl Gottbill, Ratsherr und Kaufmann zu Trier, tätigten den Verkauf des Bauernhofes auf notarieller Basis zu einem großzügigen Kaufpreis für den Freiherrn und seinen Bauern und zugleich noch mit dem Versprechen, dass Herr Gottbill und sein Schwager Lehmon das auch in Münchweiler zu gründen beabsichtigte Eisenwerk in nachbarlicher Freundschaft beraten und unterstützen werden.
Nun konnte man an den Bau des Werkes gehen, und Herr Lehmon als erfahrener Hüttenmann legte den Grundriss für die einzelnen Bauten an in Anlehnung an die Erfahrungen, die er vom Bettinger Eisenwerk besaß. Es musste das Hüftenhaus gebaut werden zur Aufnahme der großen Schmelzöfen, des Frischfeuers, der Gießerei und des Hammerwerkes. Dann musste je eine Halle gebaut werden zur Lagerung der Erze und Holzkohlen. Ein Mühlenteich musste ausgeschachtet werden von über 1 km Länge, der vom Hösbach bis zum Werk führte, für den Antrieb des Wasserrades, das das Gebläse zu den Schmelzöfen und das Stampfwerk zur Zerkleinerung der Erze betreiben sollte. Zudem wurde neben dem Teich auch eine Erzwäsche angelegt, denn nur mit reinem, von Sand und Ton. befreitem Erz wollte man den Schmelzofen füllen. Es war ein rühriges Arbeiten auf dem ganzen Werksgelände, und viele Nunkircher Meister und Burschen waren monatelang hier beschäftigt, und man mag sich wohl gefragt haben, woher der Herr Gottbill das viele Geld habe, um so etwas, was in Nunkirchen noch nie dagewesen, hierhin zu bauen. Nun, Herr Gottbill wird das Geld dazu gehabt haben, denn er war ja Kaufmann und Ratsherr der Stadt Trier. Herr Gottbill ließ* sich auch ein stattliches Wohnhaus bauen im damals für vornehme Häuser üblichen Barockstil, ferner ein Direktionsgebäude im gleichen Stil.
Nach Fertigstellung der ganzen Werksanlage setzte dann mit großer Spannung und Hoffnung die Fabrikation mit einer Belegschaft von 16 Mann unter Leitung von Hüttenmeister Lehmon und dem Werksdirektor Herrn Gottbill ein. Die Halde lag gefüllt von Hochwalderz aus Greimerath, Weiskirchen und Oberlöstern, und auch Holzkohle war in reicher Menge vorhanden, für deren Nachschub Nunkircher Köhler aus den heimischen Wäldern vertraglich sorgten. Die beiden Schmelzöfen wurden nun schichtweise mit Holzkohle und Erz gefüllt und angezündet. Das Gebläse setzte ein und entfachte die Holzkohle zu höchster Glut. Nach vielen Stunden konnte endlich der erste Abstich des geschmolzenen, glühenden Eisens gemacht werden. In einer gemauerten Rinne ließ man es in einen ebenfalls gemauerten Kessel laufen, unter dem ein starkes Holzkohlenfeuer brannte, so dass das flüssige Eisen darin weiter brodeln konnte und unter ständiger Zuführung von frischer Luft in die Eisenmasse den noch darin, befindlichen Kohlenstoff zur Verbrennung bringen und mit ihm‘ als Kohlensäure dann durch fortgesetzte Blasenbildungen in die Luft entweichen sollte. Diese Prozedur nannte mnan das „Frischen“ und den Kessel mit dem Feuer das „Frischfeuer“. Auf diese Weise erhielt man das schmiedbare Eisen, das im Hammerwerk nun zu Stabeisen und Rundeisen für die Schmiede gehämmert oder auch in Blöcken ins Eisenwerk nach Dillingen transportiert wurde, wo es im Walzwerk zu großen Blechtafeln ausgewalzt wurde.
Der zweite Schmelzofen diente dem Gießereibetrieb. Das geschmolzene Eisen ließ man in vorbereitete Sandformen laufen, und nach dem Erkalten waren diese Erzeugnisse in etwa schon verkaufsfertig. So stellte man runde und längliche; Koch- und Brattöpfe in allen Größen und Formen her, auch Bratpfannen in allen, Größen, Henkelkessel, Schöpfbollen, Öllampen, Feuerböcke, und vor allem auch Takenplatten. In diesem Betrieb hatten vor allem die Former eine kunstvolle Arbeit zu leisten, und hier vor allem zur Herstellung der Takenplatten-. Das schöne Bildwerk, das die Takenplatte schmücken sollte, musste zunächst in einer gleichgroßen Tonplatte geformt werden. Wenn sie nun fertig war, wurde sie in feuchte Sandplatten, die in flachen Kästen vorbereitet rund um den ‚Schmelzofen standen; vorsichtig aufgedrückt und ebenso vorsichtig wieder herausgehoben. Nun war in dieser Sandplatte das figürliche Bild der Tonplatte eingedrückt zu sehen, die Gießer füllten dieselbe nun mit glühendem Eisen, und nach dem Erkalten war die Takenplatte fertig. Die Tonplatte musste immer feucht gehalten werden, damit sie bei der Hantierung nicht zerbrach, und man machte von ihr eine ganze Serie von. Platten, wobei es immer auf gut Glück ankam, denn manchmal zerbrach die Platte unversehens, und dann war es mit der Serie zu Ende. Der Former hatte inzwischen schon wieder eine neue Platte in Arbeit und meistens mit einem andern schönen Bildwerk aus der Bibel, der Heiligenlegende, einer ritterlichen Szene, oder auch stilisierte Blumen mit Linienverzierungen;. Gerade wegen der Zerbrechlichkeit der Tonformen sind die Serien der Takenplatten unterschiedlich in ihrer Zahl geworden, vielleicht 20, vielleicht nur 10 oder sogar noch weniger. Außer dem Bildwerk bekamen die Formen auch eine Beschriftung, und zwar Herstellerfirma, Ort und Jahr der Herstellung, also: Carl Gottbill, Nunckirchen – 1729. Auffallend ist die Schreibweise unseres Heimatortes mit einem „c“ vor dem „k“ auf allen Takenplatten des Gottbillschen Werkes. Während unser Ort in damaliger Zeit, ja im ganzen Mittelalter, amtlich, also in Urkunden und Weisthümern, Neunkirchen heißt, hat Carl Gotfbill auf seinen Platten den Ort Nunckirchen genannt, vielleicht zum Unterschied von Neunkirchen an der Blies, wo auch bereits ein Eisenwerk Takenplatten herstellte, dann aber wohl auch, weil der Ort in den hiesigen Pfarrbüchern als „Brims-Nunkirchen“ eingetragen ist. Warum er noch ein „c“ vor das „k“ geschoben hat, ist vielleicht so zu erklären, dass er die mundartliche Sprechweise dabei ausnützte, bei der man ja tatsächlich bei langsamer Sprechweise ein „c“ hört. In damaliger Zeit hatte jedes Haus seine Takenplatte als Wärmespender der Wohnstube von dem Küchenfeuer aus, und die Takenbank in der Takennische der Wohnstube war das wärmste Plätzchen, das Oma und Opa besonders liebten, denn sie waren ja schon so „takelig“. Die im vergangenen Jahrhundert erfundenen Zimmeröfen und Küchenherde verdrängten diese Platten nach und nach, bei Umbauten alter Häuser wurden sie herausgeschmissen und als Abdeckplatten bei Klär- und Jauchegruben vielfach weiterbenufzt, andere wurden dem Schrotthändler abgegeben, einige wenige aber auch vorsorglich für eventuelle spätere Zwecke auf Seite gestellt, und diese sind in unserer Zeit nun Wieder zu einer gewissen Bedeutung gekommen, denn sie haben Sammlerwert erlangt, werden überall aufgespürt, schön zurechtgewichst und als Zier- und Erinnerungsstück an alte Zeit in Museen, öffentlichen Lokalen, Hausfluren und Verwaltungsräumen aufgehängt. So haben Nunkircher Takenplatten ein Ehrenplätzchen im Saarlandmuseum, im Hause des Herrn Emil Müller in Nunkirchen, im Hofhaus-Hotel Antz zu Weiskirchen und sogar in Bad Bertrich an der Mosel. Das Foto, das diesem Artikel überstellt ist, stellt die Takenplatte des Herrn Emil Müller zu Nunkirchen, und die Schlussplatte die des Herrn Antz zu Weiskirchen dar.
Wie schon eingangs erwähnt, wurde das Eisenerz hauptsächlich vom Hochwald herangeschafft. Auch versuchte man in hiesiger Gemarkung Erz zu schürfen, so auf der Wahlener Flur, am „Eisenberg“, in der „Hecke“, jedoch ohne viel Erfolg. Das meiste und beste Erz kam von Greirnerath und Oberlöstern. Greimerather Erzbauern brachten mit ihren Pferdefuhrwerken das Erz nach Münchweiler, nach Nunkirchen; oder auch nach der Schmelz bei Bettingen. Bei den Hin- und Rückfahrten machten sie Rast in ihrem Stammlokal. Ein solches war in Nunkirchen das Gasthaus Spang, wo stets ein guter Betrieb war. Ein besonderer Gaststall für die Pferde und ein großräumiger Hof für die Wagen war dort vorhanden. Die Kleidung dieser Erzbauern war einheitlich und bestand aus einem grobleinenen blauen Kittel, grauer Tirteyhose und einem kleinen runden Filzhut. Jeder hatte einen leinenen Brotbeutel anhängen, in dem sich Brot, geräuchertes Fleisch und Butter befanden. Auch Kalk- und Kohlenfuhren kamen von der Saar durch unsern Ort, machten beim Spangschen Gasthause Rast, denn dort traf man stets gute Gesellschaft und konnte das Neueste vom Weltgeschehen vernehmen. Nach kräftigem Imbiss und gutem Trunk ging die Fahrt dann weiter.
Um dem regen Fuhrwerksverkehr in damaliger Zeit entgegenzukommen, insbesondere auch um eine gute Verbindung zwischen dem Saarkohlengebiet und dem Mosellande herzustellen, baute man in den Jahren nach 1840 die Provinzialstraße Saarbrücken-Lebach-Nunkirchen-Weiskrichen-Zerf-Trier. Man hoffte auch, durch diese Straße der blühenden Eisenindustrie am Hochwalde einen aufstrebenden Dienst zu erweisen. H57_Bahnhof_kleinJa, als mit Erfindung der Dampflokomotive der Eisenbahnbau um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts mächtig einsetzte, wurde auch der Bau einer Eisenbahn von Trier bis Saarbrücken wiederum über den Hochwald vorgesehen, in etwa parallel der Provinzialstraße. Die Vermessungs- und Planungsarbeiten waren schon durchgeführt, und in der Freude, dass nun durch Nunkirchen eine Eisenbahn laufen sollte, nannte der Bierbrauer Jakob Spang sein mit der Brauerei verbundenes Gasthaus „Gasthaus zum Bahnhof“ (unser Foto rechts zeigt den späteren Bahnhof in der Kleinbahnstraße). Der geplante Bau der Hochwaldeisenbahn wurde aber schließlich doch nicht durchgeführt, da die Geländeschwierigkeiten zu groß waren, und man beschloss, die Bahnlinie durch das Saarland zu legen. Als um die gleiche Zeit auch die Gewinnung von Koks aus der Steinkohle erfunden wurde und seine Verwendung in den Erzschmelzöfen anstelle der Holzkohle einsetzte, außerdem das „Frischen“ des geschmolzenen Eisens durch das „Bessemer“- und später das „Thomas“-Verfahren verbessert vvurden, wodurch die Verhüttung der lothringischen Minette endgültig ermöglicht wurde, blühten die Eisenwerke im Saartale mächtig auf, während die hier am Hochwalde durch die ungünstige Verkehrslage allmählich zum Erliegen kamen. Die rollenden Güterzüge der Saarbahn brachten Erze und Kohlen in Massen und zu billigeren Tarifen als die Pferdefuhrwerke. Im Jahre 1862 stellte das Gottbillsche Eisenwerk seinen Betrieb in Nunkirchen ein, und die Familie verzog nach Mariahütte, wo sie ebenfalls ein Eisenwerk besaß, das wegen der noch bedeutenden Erzvorkommen in unmittelbarer Nähe des Werkes weiterbetrieben wurde und bis turn heutigen Tage besteht und als die weithin bekannten „Goma“-Werke, d.h. Gottbill-Mariahütte-Werke, eine Belegschaft von etwa 800 Arbeitern hat. Eine Tochter der Familie Göttbill verzog damals nicht mit nach Mariahütte, nämlich die Maria Philippine, da sie mit dem ebenfalls aus einer begüterten Familie stammenden Nik. Weyand aus Nunkirchen vermählt war. Dass die Familie Gottbill eine achtbare Familie von echt christlicher Haltung war, bezeugen Eintragungen in unseren Pfarrbüchern. So ist darin zu lesen:

1736 Karl Gottbill zum Kirchenschöffen ernannt.
1751 machte Karl Gottbill eine Stiftung für seinen ledig verstorbenen Bruder Franz Gottbill.
1774 machte Karl Gottbill für sich und seine Gemahlin Johanna Mann und die Verstorbenen der Familie Gottbill eine Stiftung.
1818 Am 1. März sind in Nunkirchen 9 Lesemessen gestiftet worden für die Verstorbenen der Familie Gottbill, und zwar:

  1. am 6. Januar für den Herrn Johann Nepomuk Gottbill, Prälat und Abt im Kloster zu Mettlach,
  2. am 16. April für Elisabeth Gottbill vom Hüttenwerk,
  3. am 29. Mai für Johanna Gottbill vom Hüttenwerk,
  4. am 25. August für Ludowika Bauer, Enkelin von Philippine Gottbill,
  5. am 21. September „für Nikolaus Gottbill vom Hüttenwerk,
  6. am 30 Oktober für Claudius Nikolaus Bauer, ebenfalls Enkel von Philippine Gottbill,
  7. am 13. November für Johann Baptist Gottbill vom Hüttenwerk,
  8. am 18. November für Heinrich Wilhelms vom Hüttenwerk, vielleicht ein Direktor des Werkes,
  9. am 25. November für Karl Gottbill von Trier.

Das Ehepaar Nikolaus Weyand und Maria Philippine Gottbill hatte 13 Kinder, von denen das älteste, Anna Maria, sich 1828 mit Johann Meyers aus Niederlosheim vermählte, das zweite, Elisabeth, im Jahre 1834 mit Jakob Spang aus Nunkirchen, das achte, Katharina, mit einem Matthias Schneider von Weierweiler, das elfte, Susanna, mit Jakob Schneider aus Weierweiler, und das dreizehnte, Margareta, mit Matthias Kraus aus Nunkirchen. Für sich und die jüngeren Kinder bauten Nikolaus Weyand und Maria Philippine Gottbill in nächster Nähe der Kirche im Jahre 1836 ein Wohnhaus im Stile eines ländlichen Bauernhauses. Es Ist noch bis heute in seinem ursprünglichen Zustande erhalten und wurde ererbt von der jüngsten Tochter Margoreta, die ja mit Matthias Kraus verheiratet war. Auf dem Türstein sind die Insignien der Erbauer deutlich zu lesen: N.W. + M.P.G, 1830.
Von den Werksgebäuden, die beim Wegzuge der Familie Gottbill verkauft wurden, stehen heute noch das Direktionsgebäude, das zur Hälfte in seiner ursprünglichen Schönheit erhalten ist und von der Familie Michely bewohnt wird, ferner die „Weyandsmühle“, die aber erst nach dem Wegzuge der Gottbillschen Familie in Ausnutzung der vorhandenen Wasserkraft und des Wasserrades von dem Käufer zur Mühle eingerichtet worden ist. Auch das Haus Ternig, neuerdings umgebaut, ein ehemaliges Bauernhaus und wahrscheinlich Wohnsitz des erwähnten Zinsbauern, war dem Werk zugehörig. Das ehemalige Wohnhaus der Familie Gottbill, das in gleichem Stil wie das Direktionsgebäude gebaut war, auch mit den großen Draillenfenstern, aber nur einetagig, dafür aber mit längerer Fassade, stand noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts, wurde dann aber von dem Inhaber abgerissen und zu einem neuzeitlichen Bauernhaus umgebaut und wird heute bewohnt von seinen Nachkommen Josef und Leo Hoffmann.
Eine dauernde Erinnerung an das ehemalige Gottbillsche Eisenwerk wird aber die Bezeichnung dieses Ortsteils von Nunkirchen, nämlich „Gottbills Hütte“, bleiben. Diese Bezeichnung findet man auch auf allen heimatlichen Landkarten, und auf der Katasterkarte der Gemarkung Nunkirchen, die diesem Buch ja auch beigefügt ist, sind die Gebäulichkeiten des Werkes genau eingezeichnet. Es wäre zu wünschen, wenn die Straße durch diesen Ortsteil, die in aller Munde „Hütte“ heißt, auch fernerhin diesen Namen behält und in kulturgeschichtlicher Vollständigkeit „Gottbills Hütte“ heißen muss.

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Das Eisenwerk zu Münchweiler

EisenwerkMuenchweiler_smallAuf einer alten, vergilbten Zeichnung, die im großen Gartensaale des Schlosses Münchweiler hängt, sieht man die Anlage des ehemaligen Eisenwerkes zu Münchweiler. Die heutige Große Allee mit ihren alten, teils morschen Bäumen ist auf dieser Zeichnung noch jung, kaum einige Jahre gepflanzt. Auf dem Gelände vor dem Eingang zur Allee sind einige Gebäude eingezeichnet, die die damalige Eisenhütte darstellen sollen. In einem Wassergraben, der aus dem Weiher kommt, laufen vier Wasserräder, die das Hammerwerk und das Gebläse in Betrieb setzen. Ein großes, quadratisches Gebäude birgt in sich die beiden Schmelzöfen und die beiden Frischfeuer. Auch der Großhammer wird darin untergebracht gewesen sein. In zwei großen Schuppen liegen die angefahrenen Erze und Holzkohlen. Ein prächtiges Gebäude mit einem großen Garten war das Direktionsgebäude und zugleich Wohnung des Direktors. Links der Allee ist ein Gebäudekomplex mit 8 Türen. Dort werden die Wohnungen für 8 Arbeiterfamilien gewesen sein. Auch eine kleine Kirche ist eingezeichnet, die aber aus dem 17. Jahrhundert, also schon lange vor der Anlegung des Eisenwerkes dort gestanden haben soll. Wahrscheinlich wurde sie aus irgend einem Anlass in frommer Gesinnung dort an der wichtigen Verkehrsstraße Büschfeld-Nunkirchen-Losheim, Abzweigung Herrenhof Münchweiler, von der Herrenfamilie derer von Hagen errichtet und hielt unter dem Schutz dieses Kirchleins auch den Platz für die Anlage des Eisenwerkes für geeignet (Trierische Landeszeitung vom 11. Januar 1903 unter Bezug auf Archiv Nr. 262). Das Kirchlein wie auch die Familien des Eisenwerkes wurden kirchlich betreut von der Pfarrei Losheim, ob 1791 jedoch nach Nunkirchen umgepfarrt.
Nach vorhandenen Urkunden (Saaratlas, Karte 28a) wurde das Werk um 1725 gegründet, also um die gleiche Zeit wie auch das Nunkircher Eisenwerk. Herr Emmerich Karl Josef Zandt von Merl und seine Gemahlin Anna Maria Elisabeth von Britzke sind als die Gründer genannt. Die Takenplatten, die in dem Werk gegossen wurden, von denen noch mehrere sehr schöne erhalten sind, wie z.B. im Hofhaus Antz zu Weiskirchen, tragen die Aufschrift „Minnigweiller 1738“. Unter der Aufschrift befinden sich die Wappen derer von Zandt mit den drei aufspringenden Löwen und derer von Britzke mit dem sechseckigen Stern, über den beiden zueinander stehenden Wappen befindet sich die Freiherrnkrone. Außer den Takenplatten stellte das Werk auch gusseiserne Zimmeröfen her, die durch einen Feuerungskanal von der Küche oder vom Flur aus mit Holz geschürt wurden. Ein solcher sehr großer und schöner Ofen aus der damaligen Produktionszeit befindet sich heute noch im großen Gartensaal des Schlosses und dient noch ständig der Beheizung dieses Saales. Auch goss man wie im Werk zu Nunkirchen eiserne Töpfe, die gezähnte „Hahl“ und die Hängekessel dazu, die Feuerböcke zum Aufsetzen der Bratpfannen, die Bratpfannen selbst, Schürhaken usw. Aus dem Guss- oder Flusseisen wurde in zwei Frischfeuern auch Schmiedeeisen hergestellt, das im Großhammerwerk zu Stabeisen aller Art gehämmert und geschmiedet wurde.
In der französischen Revolutionszeit kam das Werk zum Erliegen, und nach derselben fehlten der Besitzerfamilie die Mittel, um es wieder in Schwung zu bringen. Vielmehr verkaufte sie im Jahre 1819 das Werk mit dem dazugehörigen Gelände an das Dillinger Eisenwerk (Kaufakt unter Nr. 59 im Archiv). Nun kam es bald wieder in Schwung und beschäftigte im Jahre 1843 16 Eisenschmelzer und insgesamt 58 Arbeiter. In diesem Jahre lieferte es außer dem Bedarf der Hochwaldbewohner noch 270 Zentner Stabeisen für das Blechwalzwerk in Dillingen. Tüchtige Eisenschmelzer kamen von weit her und fanden hier lohnende Dauerbeschäftigung. So kam von Züsch die Familie Schneiderlöchner, eine französische Emigranten- und Eisenschmelzerfamilie und von Kastei Johann Ornau aus einer Köhlerfamilie, genannt von seinen Mitarbeitern der „Hanna“. Während die Söhne der Familie Schneiderlöchner sich als Eisenschmelzer betätigten, war der „Hanna“ der Betreuer der Holzkohlen. Er fertigte auch die „Respeln“ (Schindelkörbe) an, mit denen die Holzkohlen aus dem Schuppen getragen und in den Schmelzofen geschüttet wurden.MuenchweilerSchloss_KarteKlauck_klein
Leider kam das Münchweiler Eisenwerk (ein Lageplan sehen Sie auf der Abbildung rechts), ähnlich wie das Nunkircher, das Bettinger und noch viele andere hier am Hochwald, infolge der ungünstigen Verkehrslage und der modernen Umstellung der ganzen Eisenproduktion zum Erliegen. So wurde das Werk im Jahre 1868 stillgelegt und das ganze Gelände mit den Gebäuden und den nichttransportablen Einrichtungen an die ursprünglichen Besitzer von Zandt verkauft (Archiv Nr. 9). In genanntem Vertrage wurde auch festgelegt, dass die ganze Belegschaft des Werkes in das Dillinger Eisenwerk übernommen werde und eine Garantie für eine dortige Beschäftigung bis ins 5.Geschlecht ausbedungen, Der letzte Direktor des Werkes war ein Herr Fellrath aus Lothringen. Nach der Auflösung des Werkes verzog er in das Industriegebiet seiner Heimat. Gerne hätte seine Gattin die Hausgehilfin und Köchin Katharina Thielen aus Losheim mitgenommen, aber diese konnte sich nicht dafür entscheiden. Herr Fellrath vermittelte ihr noch, ehe er wegzog, eine Heirat mit Johann Ornau. Diese beiden und auch die Familie Schneiderlöchner entschlossen sich, nicht mit nach Dillingen zu verziehen. Nachdem nun alle Familien weggezogen waren und der Baron von Zandt der Familie Ornau ein Wohnhaus in Nunkirchen im Oberdorf (heute noch von den Nachkommen bewohnt) übergeben hatte (die Familie Schneiderlöchner hafte ihr eigenes Haus auf eigenem Besitztum), verkaufte er, mit Ausnahme der beiden Schuppen, sämtliche Gebäulichkeiten des Werkes auf Abbruch und ließ dann das Gelände einebnen. Der Weiher allerdings blieb zur Fischzucht erhalten und war noch bis vor etwa 30 Jahren dauernd mit Wasser gefüllt.

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Die Engels- und die Teufelsbrücke

Die Eisenhüttenleute verdienten einen für damalige Zeit sehr guten Lohn, waren zudem noch freie Leute und brauchten weder Abgaben zu zahlen noch Frondienste zu leisten. Sie hatten immer Geld in der Tasche und brachten in der Regel sonntags ein lustiges Leben in die Gastwirtschaften zu Nunkirchen. Eines Sonntags blieb einer von ihnen im Gasthaus Spang in guter Gesellschaft bis in die späte Nacht hängen und ging endlich in fröhlicher Stimmung und manches ausgelassene Liedchen vor sich hin singend heimwärts. Als er vor die letzte Brücke kam, kaum 200 Meter vor seinem Häuschen, stutzte er und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf eine schwärze Gestalt, die auf der Steinbrüstung der Brücke saß und ihn mit glühenden Augen anstarrte. Zögernd ging er etwas näher, aber da machte er entsetzt kehrt, lief davon und schrie: „Der Teufel, der Teufel!“, und mit einem Satz saß ihm der leibhaftige Teufel im Nacken und drückte ihn fast zu Boden. In seinem Schrecken wurde der Mann so nüchtern, als hätte er nur reines Wasser getrunken, und schrie hilfesuchend nach dem Himmel, alle Heiligen anrufend. Keuchend und unter der Last fast niedergedrückt kam er in die Nähe der ersten Brücke, und darauf saß ein holder Jüngling, der die Arme liebevoll nach ihm ausstreckte. Plötzlich wurde ihm leichter, auf den Schultern fühlte er sich wieder frei und dankbar schritt er auf den Jüngling zu, der ihm zulächelte und dann plötzlich verschwand. „Das war mein Schutzengel!“, sagte er und blickte dankbar nach dem Himmel. Was sollte er nun machen? Wiederum vorzugehen, getraute er sich nicht. Scheu machte er einen weiten Bogen durch Cannaisfloß. am Schallenberg entlang, und kam endlich bei seinem Häuschen an. Als er anderntags seinen Arbeitskameraden die Geschichte erzählte, lachten sie ihn aus Und wollten es nicht glauben. Er war aber von der Wahrheit des Erlebnisses überzeugt, und als er einige Tage später am hellen Tage über die Brücke ging, blickte er scheu nach der Stelle, wo der Schwarze gesessen hatte. Und was sah er da? In den Stein war eine Gesäßmulde eingedrückt, und daneben war eine weitere Vertiefung wie ein Pferdefuß. Da sagte er laut vor sich hin: „Jetzt sieht man ja, dass es der Teufel war! Hier hat er gesessen, und da hatte er seinen Pferdefuß hingesetzt! Und der Jüngling, der mich gerettet hatte, das war mein Schutzengel!“ Er erzählte sein Erlebnis nun jedem, und die, die die Eindrücke auf der Brücke gesehen hatten, glaubten es ihm. Seitdem hieß diese Brücke nun Teufelsbrücke und die andere Engelsbrücke, und so heißen sie noch bis zum heutigen Tage. Mit großer Scheu gingen seitdem die Kinder über diese Teufelsbrücke und zeigten mit dem Finger auf die Sitzmulde des Teufels und auf den Eindruck des Pferdefußes. – Mit der Verbreiterung von Straße und Brücke vor etwa 25 Jahren musste die alte Steinbrüstung, mit den Teufelskennzeichen entfernt und eine neue Betonbrüstung aufgebaut werden, aber der Name der Brücke bleibt, wer weiß wie lange!

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Der alte „Hanna“ prophezeit!

Der „Hanna“ vom Eisenwerk, Johann Ornau hieß er mit seinem amtlichen Namen, war in seinen alten Tagen ein „Hellseher“ und prophezeite vieles von der Zukunft. So was gab’s ja zu allen Zeiten und gibt es auch noch heute. Er war 1791 in Kastei geboren und lebte bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Nunkirchen. Er konnte weder lesen noch schreiben, und doch prophezeite er in seinem Nunkircher Platt in feierlicher und warnender Stimme von den kommenden Autos, Flugzeugen, Radios, Bomben, den „Gelben“ und dem großen Krieg, der die ganze Menschheit vernichtet. Hört, wie er das sagte:
„Wann kommen de Ween ohne Perd!“, „wann de feirigden Viegel fleihen dorch de Loft!“, „wenn de läsel en Bethlehem schräit und de ganz Welt et hiert!“, „wann de feirigden Kuggeln feilen vom Himmel!“, „wann die Gäelen kommen met de biäschdigen Hooren!“ – „Da laaff wat der kinnt o verstoppt auch em Rammefels, oder macht auch Lecher in de Berg o grawwelt eren, oder dout e paar nau Schou an on hängt noch e Paar off de Bockel o laaft, o laaft!“
„Et gefft e Kreig, do misst der all sterwen! Do waast genog off äner Fuhr fier die Menschen, die noch am Leäwen bleiwen!“
Es hat sich bis jetzt alles erfüllt bis auf die beiden letzten Prophezeiungen. Ob sie sich auch noch erfüllen werden? Wer weiß, wer weiß? Wir wollen es nicht hoffen!

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Der geologische Aufbau unserer Heimat

Unser breites Wiesental, so sehr es auch im ersten Maiengrün unser Auge erfreut und in der Heu- und Grummeternte von geschäftigen Menschen wimmelt, auch im Herbst von grasenden Rindern und lustigen Hütebuben bevölkert ist, liegt in den übrigen Monaten des Jahres gemieden und verlassen da. Kein schöner Spazierweg, weder in der Längs- noch in der Querrichtung, führt hindurch, und nur in einem weit ausholenden Rundweg kann man es umgehen und ab und zu seinen Blick darüber schweifen lassen. Unser Wiesental ist zu nass und sein Boden zu weich, so dass die Anlage von festen, trockenen Wegen wohl niemals unternommen wurde. Als bei Meliorationsarbeiten tiefe Gräben zum Verlegen der Drainagerohre ausgestochen wurden, konnte man sehen, dass eine schwammige Torfschicht bis ein Meter tief reicht und darunter eine weißgraue, steife Ton- und Letteschicht folgte, in deren Tiefe man nur noch so weit hinab stach, dass man die Rohre verlegen und ihnen einiges Gefälle für den Wasserabfluss geben konnte.
In der Sandgrube an der Hochwaldstraße kurz vor dem Sportplatz sieht man im Stich drei verschiedene Erdschichten. Zuoberst ist eine Lehmschicht bis etwa ein Meter Tiefe, darunter folgt eine Kiesschicht von etwa zwei Meter Dicke und darunter eine Sandschicht ohne Ende, wer weiß wie tief hinab in die Erde.
Spaziert man zu den „Weihern“ und von dort rechts oder links in die Fluren bis zu den Wahlener Bergen, dann sieht man nur Sand und immer nur Sand, und selbst die Wahlener Berge sind aus diesem Sand und Sandstein gebildet.
Steigt man dagegen den Bammersch hinauf oder spaziert man an der Nussheck vorbei nach Büschfeld, dann hat man ein ganz anderes Gestein und andern Boden vor sich. Es ist der Melaphyr, aus dem der ganze Bammersch und die Primsberge bestehen. Und in diesen Melaphyr des Bammersch eingebettet gibts im „Wingert“ auch noch den Nunkjrcher „Achat“, einen Halbedelstein, der sich in einem meterdicken Flöz von „Meschels“ bis Geisweiler Hof erstreckt und von den Idar-Obersteiner Schleifereien sehr geschätzt ist.
Und nun wollen wir den Geologen fragen, wie unsere Heimat zu diesen verschiedenen Bodenformationen gekommen ist. Er weiß uns folgendes zu erzählen: Unsere Erde, ein Planet unserer Sonne, löste sich vor Milliarden von Jahren von ihr ab, und als sie in einem langsamen Prozess von Milliarden von Jahren in ihrem äußeren Mantel erkaltete, verdichteten sich auch die Wasserdünste über ihr, fielen als Regen nieder und bildeten ein einziges wogendes Meer, das den ganzen Erdball umbrauste. Die Kraft des Wassers zermürbte das Gestein der obersten Erdschichten und schaffte eine Sand- und Schlammschicht von Kilometertiefe. Im Innern der Erde glühten und brodelten die Erdsubstanzen immer noch weiter, ihre Hitze drang bis zu den obersten Schichten immer noch durch, ja es entstanden durch die sich bildenden Gase Druckstellen mit Millionen von Atmosphären, die die Erdkruste an vielen Stellen hoch emporhoben oder sogar durchbrachen, so dass untere Erdschichten in gewaltigen Massen empor geschleüdert .wurden, andererseits aber auch wieder Gebiete in die entstandenen Hohlräume absackten. Durch diese Vorgänge bekam unsere Erde ihre Gebirge und Mulden, in welch letztere die Wasser zusammenflössen und die Meere bildeten.
Das Oberflächenbild unserer Heimat ist auf die gleiche Weise entstanden. Die Sandfluren unseres Bannes sind ein Werk der Meeresfluten, die einst hier wogten und tobten. Das Hochwaldgebirge ist eine gewaltige Erhebung und Aufstauung von Erd- und Gesteinsmassen, die anfänglich eine Höhe der heutigen Alpen hatten, während die Primsberge vulkanischen Ursprungs sind, indem die glühenden Massen des Erdinnern nach oben gedrückt wurden, jedoch nicht als Lava zum Ausfluss kamen, sondern die Erdkruste zu gewaltigen Kegeln und Bergrücken emporhoben, dann in ihr stecken blieb und erkaltete, eine zusammengebackene Masse bildend, die nach Abschwemmung der oberen Erdschichten nach Millionen von Jahren nun sichtbar zutage liegt und von den Geologen als Melaphyr bezeichnet wird.
Unser Tal wurde damals ein tiefer See, der bis hoch an den Hang des Bammersch reichte, da das Wasser durch die aufgetürmten Primsberge keinen Abfluss fand und sich im Laufe von Jahrmillionen einen Durchbruch schaffen musste und bis heute noch in dieser Arbeit tätig, ist. Es mag noch Tausende von Jahren dauern, bis der Durchbruch bei Überlosheim so tief liegt, dass unser Bach einen flotteren Lauf bekommt und dadurch unser Wiesental auch leichter entwässert und trockener wird.
In jener alten Zeit, also vor Millionen Von Jahren, war am Bammersch eine breite, lange Erdspalte, die sich mit dem Wasser des bis dahin und darüber reichenden Sees füllte, und dieses Wasser brachte feine, rötlichgelbe Tonteilchen und Quarzkörnchen mit, die sich auf dem Boden der Spalte ansetzten, nach und nach schichtweise sich überlagerten, so dass im Laufe von Millionen von Jahren ein Steinflöz aufwuchs, das einmalig in seiner Art ist und im Volksmunde Nunkircher Achat, von den Obersteiner Schleifern Nunkircher Jaspis und von den Geologen Lapis Lazuli genannt wird. Er ist nicht durchscheinend wie Achat, Topas oder Amethyst, und deshalb auch nur ein Halbedelstein, hat aber wie kein anderer Stein seiner Art die Eigenschaft, Farbe anzunehmen. Hellgrün gefärbt, geschliffen und in Gold oder Silber gefasst, stellt er einen Schmuck dar, der ihn auch durch das Geklitzer der Quarzkörnchen besonders begehrt macht. Schon vor zwei- und dreitausend Jahren war unser Jaspis bekannt und wurde von den mittelmeerländischen Kaufleuten gerne in Zahlung genommen. Es ist deshalb auch leicht erklärlich; dass am Fuße des Bammersch, im Bungert, schon in jener Zeit ein ansehnliches Landhaus stand, das seine Wohlhabenheit dem Verkaufe der Jaspissteine verdankte, und noch heute sind die Bewohner des Hauses, wo das ehemalige keltische oder römische Landhaus stand, Besitzer des „Wingert“, in dem sich die Jaspisgruben befinden.
Es ist uns nun also bekannt, woher die Sandmassen, das Melaphyrgestein und der Jaspis stammen. Wie kommen nun aber die Kies- und die Lehmschicht über die Sandschicht? Das geschah ebenfalls vor Millionen von Jahren. Es war in der Karbonzeit, d. h. in der Zeit, in der die Kohlen entstanden. Auf der ganzen nördlichen Halbkugel herrschte damals ein tropisches Klima. Hunderttausende, ja vielleicht Millionen von Jahren wechselten schwüle, heiße Tage mit Tagen schwerer Gewitter ab, die gewaltige Regenmassen auf die Erde niederprasseln ließen. Das Gestein der alpenhohen Hochwaldberge bröckelte ab und wurde von den Wassermassen mitgerissen, teils zerrieben, teils aber auch durch das fortgesetzte Rollen rund geschliffen, bis és endlich in unserer Talmulde ankam, liegenblieb und sich aufhäufte, weil es hier ja wegen des großen Sees nicht mehr weiterging. So bildete sich hier eine etwa zwei Meter dicke Kiesschicht, teils fein zerrieben, teils aber auch grobkörnig. Später brachte das Wasser auch Ton- und Lehmmassen vom Hochwald mit, und da diese leichter waren als das Gestein, nahm das Wasser sie mit bis unten hin, wo sie dann zu Boden sanken, das Tal ausfüllend und den Kies überlagernd, an manchen Stellen bis zu zwei und drei Meter Höhe. So ward in jener Zeit unser ganzes Wiesental von dieser Ton- und Lehmschicht bedeckt, und da diese Schicht schlecht wasserdurchlässig ist und das Tal noch nicht genug Gefälle hat, bildeten sich Sümpfe, in denen Moose und Sumpfgräser im Laufe der Jahrtausende die heute meterdicke Torfschicht bildeten.
Manchmal hört man von einem Dorfgenossen die Behauptung, unter unserm Heimatboden gäbe es auch Kohlenflöze. Das ist leider nicht der Fall, wie durch Bohrversuche festgestellt wurde. Kohlenflöze lagern nur da tief in der Erde, wo vorzeiten Urwälder mit Riesenbäumen durch Erdbeben plötzlich in die Tiefe versanken, mit Wasser und Erdmassen abgedeckt wurden und sich dann unter Luftabschluss zu Kohlen bildeten. Dieser Vorgang hat sich im Saarbrücker Raum vielmals wiederholt. Die dortige Urwaldlandschaft, in der Längsrichtung von St. Wendel bis Forbach und in der [Querrichtung von St. Ingbert bis Heusweiler, sank plötzlich in die Tiefe. Wasser füllte die Mulde, und Schlamm, Sand und Geröll füllte sie im Laufe von Jahrtausenden wieder auf, das Wasser floss ab und es wuchs wieder, begünstigt durch ein damals tropisches Klima, ein mächtiger Urwald heran, bis auch ihn das Schicksal ereilte, plötzlich in die Tiefe abzusacken, abgecheckt zu werden und zu einem neuen Flöz zu verkohlen. So sind im Zeitraum von Hunderttausenden von Jahren eine ganze Anzahl von Kohlenflözen entstanden, bis schließlich die Erdsenkungen sich nicht mehr wiederholten.
Gewiss sind auch in unserer Heimat in damaliger Zeit, begünstigt durch das tropisch warme Klima, riesige Urwälder gewachsen. Aber bei uns senkte sich die Erde nicht, so dass die Riesenbäume schließlich umfielen, morsch und faul vom Regen abgeschwemmt wurden oder dem nachwachsenden Gehölz als nahrhafter Humus dienten.
Während wir hier am Hochwald uns mühen, durch Ackerbau und Holzwirtschaft der Erde in ihren obersten Schichten ihre Reichtümer zu entlocken, fahren doch viele unserer Männer und Jünglinge ins Kohlengebiet, die schwarzen Schätze zu heben und mit gutem Verdienst den heimatlichen Wohlstand zu steigern.

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Die kommunale Verwaltung von früher Zeit bis heute

Da die Kelten selbst keine Literatur hinterließen und auch das, was römische und griechische Schriftsteller schrieben, sehr spärlich ist, fußt das Wissen über die Bewohner unserer Heimat zu jener Zeit fast ganz auf Cäsars „Bellum Gallicum“. Danach herrschte unter dem Volke der Kelten eine Art Kastenwesen, bei dem die Druiden als Priester und die Adeligen als Großgrundbesitzer sich über die Masse der Bauern hoch emporhoben. Die Priesterwürde blieb in der Familie des Sippenältesten erblich, und außer der religiösen Betreuung oblag ihnen auch die Betätigung als Richter und Friedensstifter, sowie Eingriff in die Politik, wenn es um Krieg oder Frieden ging. Durch ständiges Anwachsen der Sippe und Aufsplitterung in Niederlassungen wurde ihr Bereich mitunter sehr ausgedehnt. Zu religiösen Feiern versammelten sie die ganze Sippe, und mit viel Zeremoniell wurde die Opferhandlung am Opferstein begangen.
Die Edelinge oder Adeligen, von Gottes Gnaden in diesen Stand hinein geboren oder durch ruhmreiche, kriegerische Taten dazu berufen, saßen auf großen Höfen, von vielen dienstbaren ‚Bauern umhegt, besaßen die oberste Gerichtsbarkeit über mehrere Sippen und waren ihre Anführer in kriegerischen Auseinandersetzungen. In diesen Funktionen erschöpfte sich hauptsächlich die Führung der beiden oberen Kastenschichten über ,das Volk der Bauern, Diese waren im Grunde freie Menschen, frei von jeglicher Abgabe, Besitzer von Haus und Hof und Feld und Wiese, und besaßen das gemeinsame Jagd- und Fischrecht in den sippeneigenen Wäldern und Gewässern, Die kommunale Verwaltung stellte nur geringe Probleme und wurde im gegenseitigen Einvernehmen von Fall zu Fall geregelt.
Auch das Volk der Franken, das nach den Keifen hier Wohnsitz nahm, hatte eine ziemlich gleiche Gesellschaftsordnung und Verwaltungsmodalität, bis das Lehnswesen im Mittelalter eine, wenn auch nur geringfügige, Änderung brachte. Die kurfürstlichen Amtmänner und Burgvögte legten Schatzungs- und Steuerlisten an. Auch wurden Abgabe- und Fronregister, Geburts- und Sterberegister, und von der Kirche Tauf- und Heiratsregister geführt. Der Verwaltungsapparat begann somit zu laufen. Sorglich wurden die Zehntlisten aufgestellt und die Ablieferungen überwacht. Für jeden Hochgerichtsbezirk war ein Hochgerichtsmeyer und 7—15 Schöffen berufen-. Sie wiesen das Recht und fällten das Urteil, verhängten die Strafen und verfügten die Konfiskationen. Der Dorfmeyer oder Schultheiß war verantwortlich für die Durchführung der grundherrlichen Verordnungen, die Instandhaltung der Wege und Brücken, die Ablieferung des „Zehnten“ und die Umlegung von Kontributionen. Heben dem Hochgerichts- und Grundgerichtsbezirk trat so schon die Zivilgemeinde in Erscheinung, die auch für Dorfgestaltung/Flurverteilung und Rodung dem Grundherrn gegenüber verantwortlich war. So hatte sich eine Teilung im Verwaltungssektor herausgebildet, indem sich die Vögte vornehmlich um das Gerichtswesen zu kümmern hatten, während die zivilen Angelegenheiten, wenn auch überwacht, in der Selbstverwaltung der Gemeinden lagen. Die französische Revolution fegte die feudale Zeit hinweg und brachte -die demokratische Staatsform, die in einer staatlichen „Verfassung“ in vielen Paragraphen auch die kommunale Verwaltung regelte. Die Gemeindevertretung wurde von den Bürgern gewählt und bestand aus dem maire (Meyer) und échevins (Schöffen). Mehrere Orte bildeten eine maiirie, und mehrere mairien einen Kanton. So gehörte Nunkirchen zur mairie de Weierweiler und zum Kanton Wadern.
Der erste maire der mairie de Weierweiler war Josef Schneider, .Gerbereibesitzer zu Nunkirchen, und auf ihn folgte Matth. Spang, Gastwirt zu Nunkirchen. Als nach den Freiheitskriegen 1813-14 unser Land dem preußischen Staate zugeteilt wurde, wurde das französische Gemeindeverwaltungssystem noch vorläufig beibehalten, doch erfolgte schon 1816 die Einrichtung der Bürgermeisterämter und die Ernennung eines Amtsbürgermeisters. Die mairie de Weierweiler wurde umgedeutscht in Bürgermeisterei Weierweiler. Der Amtsbürgermeister hafte seinen Verwaltungssitz jedoch nicht in Weierweiler, sondern in seinem Wohnhause, wo er beheimatet war. So war also der Amtssitz anfänglich in Nunkirchen, weil Schneider und Spang ja Nunkircher Bürger waren. Nach Spang wurde Herr Carl Hugo, Freiherr von Zandt zum Amtsbürgermeister berufen, so dass die amtsbürgermeisterlichen Dienstgeschäfte nunmehr auf Schloss Münchweiler getätigt wurden. Nach Herrn Carl Hugo von Zandt wurde ein geschulter Verwaltungsbeamter namens Keller zum Amtsbürgermeister berufen. Da er nicht in der hiesigen Bürgermeisterei beheimatet war, musste er eine Mietwohnung suchen, die neben seinen Wohnbedürfnissen zwei Verwaltungsräume enthalten musste. Er hatte, wie in der Chronik zu lesen ist, große Schwierigkeiten, eine solche Wohnung zu finden, denn die Hausbesitzer fürchteten das „Gelafs“ und „Gedrecks“, das durch die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters von Seiten des Publikums dem Hause widerfahren und ihn in seiner (gewohnten Ruhe stören könnte. Besonders in Weiskirchen, wo der Amtsbürgermeister absolut seinen Wohnsitz einrichten wollte, sträubte man sich, ihm eine Wohnung zur Verfügung zu stellen und. verwies ihn nach Nunkirchen, wo bessere Wohnmöglichkeiten seien und ohnedem ja auch früher schon der Wohnsitz des Amtsbürgermeisters gewesen sei. Herr Keller verzichtete wegen dieser Wohnungsstreitigkeiten schließlich auf sein Amt, und zu seinem Nachfolger wurde Herr René von Zandt zum Amtsbürgermeister berufen, der die Amtsgeschäfte in Schloss Münchweiler tätigte bis zum Jahre 1862. Mit diesem Jahre wurde wieder ein geschulter Verwaltungsbeamter namens Jakob Marx berufen, dem man den Bau eines besonderen Verwaltungsgebäudes mit Dienstwohnung in Weiskirchen, bewilligte, somit seinen ständigen Wohn- und Amtssitz in Weiskirchen nahm und damit auch die Umbenennung seines Verwaltungsbezirkes in Amtsbürgermeisterei Weiskirchen durchsetzte.
Nachstehend sollen nun einige bemerkenswerte Gemeinderatssitzungen gebracht werden, deren Abschrift aus den amtlichen Beschlussbüchern mir in entgegenkommender. Weise gestattet wurde, und zwar:

  1. Verhandlung über die Einführung des ersten Gemeinderates nach der Einführung der preußischen Gemeindeordnung vom 23. Juli 1845,
  2. Organisation einer Bürgerwache der Gemeinde bei Ausbruch der Revolution im Jahre 1848,
  3. Festsetzung des Bürgereinkaufsgeldes vom 14. November 1849,
  4. Umlegung der beiden Viehmärkte in Nunkirchen 1895.

1. Verhandlung über die Einführung des Gemeinraths.
Verhandelt zu Weiskirchen am 13. August 1846.
Anwesend waren:

a) der Landrath Fuchs als Einführungs-Commissar,
b) der Bürgermeister Keller,
c) die Mitglieder des Gemeinderaths.

Der unterzeichnete Landrath als Commissar des Kreises Merzig zur Einführung der Gemeinde-Ordnung vom 23. Juli 1845 eröffnete in der mittels Currende vom 30. v. M. berufenen Versammlung, dass gemäß Verhandlung vom 28. März 1. J. die Meistbeerbten

  1. Peter Franz Spang,
  2. Franz Schmank,
  3. Johann Spang jr.,
  4. Peter Kraus,
  5. Nikolaus Latz,
  6. Jakob Spang

für die Jahre 1846 bis 1851 zu Gemeindeverordneten erwählt und am 28. April durch den Einführungs-Commissar bestätigt, demnach Mitglieder des Gemeinderaths von Nunkirchen sind, und dass ferner die Meistbeerbten

  1. Carl Graeser,
  2. Jakob Schnur,
  3. Heinrich Schmitt

als Stellvertreter der Gemeindeverordneten in gleicher Weise erwählt und bestätigt sind. Als für die Jahre 1846 bis 1851 ernannten Gemeindevorsteher wurde der Herr Jakob Spang vorgestellt und leistete sofort in die Hände des Commissars folgenden Eid:
Ich Jakob Spang schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass, nachdem ich zum Vorsteher der Gemeinde Nunkirchen bestellt worden, Seiner Königlichen Majestät von Preußen-, meinem Allergnädigsten Herrn ich unterthänig, treu und gehorsam sein und alle mir vermöge meines Amts obliegende Pflichten nach meinem besten Wissen und Gewissen genau erfüllen will, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium.
Der als Stellvertreter des Vorstehers ernannte Herr Peter Kraus wurde ebenfalls der Versammlung vorgestellt und sofort mittels Handschlag in Pflicht genommen. Hierauf erklärte der Commissar den Gemeinderath von Nunkirchen im Vertrauen auf eine würdige und gewissenhafte Gemeinde-Vertretung für eingeführt.

2. Wahl von zwei Abgeordneten zur Bürgermeisterei-Versammlung betreffend:

Der Gemeinderath schritt auf Veranlassung des Einführungs-Commissars nach § 110 der Gemeindeordnung zur Wahl von zwei Abgeordneten zur Bürgermeistereiversammlung. Der Bürgermeister Keller führte dabei nach § 63 der Gemeinde-Ordnung den Vorsitz unter Beistand der zu Sorutatoren bestimmten Franz Schmank und Peter Franz Spang. Die Eröffnung der Stimmzettel ergab, dass Peter Kraus und Peter Franz Spang mit Stimmenmehrheit zu Abgeordneten gewählt sind, und es bestätigte der anwesende Landrath sofort diese Wahl.

3. Festsetzung der Dienstunkosten für den Gemeinde-Vorsteher.

Unter Vorsitz des Einführungs-Commissars und nachdem der Gemeinde-Vorsteher sich aus der Versammlung zurückgezogen hatte, nahm der Gemeinderath nach § 75 der Gemeinde-Ordnung in Erwägung, welche Entschädigung für Dienstunkosten dem Vorsteher zu gewähren sei und beantragte die Bewilligung von fünf Thalern jährlich.
Jakob Spang, Nikolaus Latz, Peter Kraus, Johann Spang, Fr. Schmank, Peter Franz Spang, Heinrich Schmitt, Jakob Schnur, Carl Graeser, Keller.

 

2. Verhandelt zu Nunkirchen den 3. April 1848. Betreffend: Die Organisation einer Bürgerwache der Gemeinde Nunkirchen.
Der vollständige Gemeinde Rath von Nunkirchen, welcher aus gewählten Verordneten zusammengesetzt ist und wozu außerdem nach Nr. 46 der Gemeinde Ordnung weiter keine meistbegüterten Grund Eigenthümer gehören, besteht aus 6 Mitgliedern.
Gegenwärtig waren:

A. Für den abwesenden Bürgermeister der Beigeordnete Peter Schwarz von Weiskirchen.

B. Die Mitglieder des Gemeinde Raths:

  1. Jakob Spang, Gemeinde Vorsteher,
  2. Peter Kraus, Gemeinde Verordneter,
  3. Franz Schmank, Gemeinde Verordneter,
  4. Peter Franz Spang, Gemeinde Verordneter.

C. Die Notablen:

  1. Heinrich Schmitt, Ackerer,
  2. Mathias Müller, Ackerer,
  3. Mathias Ohm, Ackerer,
  4. Mathias Spang, Ackerer,
  5. Philipp Meier, Ackerer,
  6. Johann Meier, Ackerer
  7. Johann Kraus, Ackerer,
  8. Johann Haian, Ackèrer,
  9. alle zu Nunkirchen wohnhaft

Unter dem Vorsitz des in Abwesenheit des Bürgermeisters als gesetzlicher Vertreter figurierenden Bürgermeisterei Beigeordneten versammelte sich heute der Gemeinde Rath von Nunkirchen infolge der Verfügung des Königl. Herrn Landraths zu Merzig vom 31. März Nr. 1471 um über die Erhaltung der Ruhe und Ordnung so wie zur Sicherstellung der Personen und des Eigenthums sich zu beraten. Da in der jetzt so sehr bewegten Zeit die Ruhe und Ordnung in der Gemeinde so wie Personen und Eigenthum in Gefahr stehen, so beschließt der Gemeinde Rath, dass eine Bürgerwehr, bestehend aus allen, das Vertrauen der Gemeinde genießenden Einwohner, welche 20 und noch nicht über 50 Jahre alt sein müssen, gebildet werden soll.
Von abends 9 bis morgens 5 Uhr sollen der Nachtwächter mit 4 zur Bürgerwehr gehörigen Personen, welche der Reihe nach herangezogen werden müssen, jede Nacht den Ort durchziehen müssen und durch ein Zeichen mit der Glocke alle außerordentliche Ereignisse wie z. B. Einfälle von Räuberbanden pp. den Einwohnern anzeigen.
Zur Verteidigung bei allenfaltigen Angriffen von außen durch Räuberbanden pp. und zur Bewaffnung der Wache trägt der Gemeinde Rath an, dass aus einem der zunächst gelegenen Königl. Landwehr Zeughäuser vom Staate unentgeldlich fünfzig Gewehre und zwanzig Schleppsäbel gestellt werden sollen.
Für die in Empfang zu nehmenden Waffen leistet die Gemeinde hiermit Garantie und verpflichtet sich, die etwa denselben zustoßenden Schäden angemessenst zu vergüten und die abhanden gekommenen taxmäßig aus der Gemeindekasse zu zahlen.
Auch trägt der Gemeinde Rath darauf an, dass zugleich 2500 scharfe Patronen mit Zündhütcher alles auf die Gewehre passend aus dem nächsten Pulvermagazin gegen angemessene Preise der Gemeinde abgegeben werden sollen.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben:
J. Spang, Peter Kraus, Nikolaus Latz, M. Müller, Fr. Schmank, Peter Franz Spang, Heinrich Schmitt, Math, öhm, Mathias Spang, Joh. Kraus, Philipp Meier, Johann Meier, Joh. Hasan. Für den abwesenden Bürgermeister: Der Beigeordnete Peter Schwarz.

3. Verhandelt zu Nunkirchen den 14. November 1849.
Auf Antrag mehrerer Mitglieder versammelte sich heute der Gemeinde Rath von Nunkirchen unter dem Vorsitze des unterzeichneten Bürgermeisters, um sich in Betreff der Regulierung des Bürger Einkaufsgeldes zu berathen.
In Erwägung, dass nach dem das Bürgereinkaufsgeld feststehenden Beschluße des Schaffenraths der Bürgermeisterei Weierweiler vom 28. August 1840 genehmigten Königl. Regierung vom 10. Sept. darauf der Sohn gegen die Tochter bevorzugt ist, indem ersterer nur 3 Thaler während letztere 20 Thaler an Bürgereinkaufsgeld wie die ganz Fremden zahlen muss.
In Erwägung, dass eine Bevorzugung nicht gestattet werden kann und darf, die Gemeinde-Nutzungen sich auch seif dem Jahre 1840 nicht vermehrt grade im Gegentheil vermindert haben.
Aus diesem Grunde beschließt der Gemeinde Rath einstimmig, dass der vorerwähnte Schöffenrathsbeschluß vom 28. August 1840 aufgehoben werden soll und setzt das zu zahlende Einkaufsgeld wie folgt fest:

  1. Wenn Mann und Frau zu den Eingeborenen der Gemeinde gehören: 3 Thaler.
  2. Wenn der Mann oder die Frau zu den Eingeborenen gehört, sowie von unverheirateten selbständigen Personen, welche zu den Eingeborenen gehören: 4 Thaler.
  3. Von unverheirateten selbständigen Personen, welche nicht zu den Eingeborenen gehören, sowie wo beide Theile fremd sind: 8 Thaler.

Zugleich wurde bestimmt, dass, wenn ein zu Nunkirchen geborenes Individuum seinen Wohnsitz an einem andern Ort genommen hat und später wieder nach Nunkirchen einzieht, er mit seinen Angehörigen als fremd betrachtet werden soll, und wenn er wieder Gemeinde Nutzen beziehen will, den vollen Satz mit 8 Thaler entrichten muss. Ebenso soll es sich auch mit denjenigen verhalten, welche das Einkaufsgeld schon einmal bezahlt haben, später die Gemeinde verlassen und dann nochmals in die Gemeinde zurückkehren.
J. Spang, P. Kraus, J. Kraus, Spang, Fr. Schmank, G. Graeser.
Der Bürgermeister: René v. Zandt.

4. Verlegung der Viehmärkte von Montags auf einen anderen Wochentag.
Nunkirchen, den 7. Sept. 1895.
Vorschriftsmäßig vorgeladen erschien heute der Gemeinderat von Nunkirchen und beschloß wie folgt:

  1. Die in Nunkirchen bestehenden Viehmärkte sollen fernerhin abgehalten werden wie folgt:
  2. Der im Februar festgesetzte Markt soll fernerhin am 4. Dienstag in der Fastenzeit gehalten werden.
  3. Der im Juni festgesetzte Viehmarkt soll am 3. Dienstag nach Pfingsten abgehalten werden.

Schmitt, Wernp, Kraus, Klein, Oehm, Demmer, Weiß.

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Amtsbürgermeister der Bürgermeisterei Weiskirchen von 1794 bis heute.

  1. Josef Schneider, Gerbereibesitzer zu Nunkirchen, von 1794 bis 1804,
  2. Matthias Spang, Ackerer und Gastwirt zu Nunkirchen von 1804 bis 1816,
  3. Hugo Carl Baron von Zandt zu Münchweiler, von 1816 bis 1845,
  4. Keller, von 1845 bis 1848,
  5. René Baron von Zandt zu Münchweiler, von 1848 bis 1862,
  6. Jakob Marx, von 1862 bis 1898,
  7. Wedewer, von 1898 bis 1903,
  8. Kirsch, von 1903 bis 1909,
  9. Theisen, von 1909 bis 1920,
  10. Schütz, Scheiden und Hoffmanns als stellvertretende Bürgermeister von 1920 bis 1923,
  11. Wilhelmy, von 1923 bis 1933,
  12. Pagel, von 1933 bis 1945,
  13. Josef Deku, von 1945 bis 1946,
  14. Alfons Feid, von 1946 bis 1948,
  15. Luitwin Weber, von 1948 bis 1951,
  16. Anton Schweizer, vom 1.4.1953 bis heute.


Gemeindevorsteher in Nunkirchen seit Einführung der preußischen Gemeindeordnung

  1. Jakob Spang, von 1846 bis 1851,
  2. Peter Kraus, von 1851 bis 1861,
  3. Heinrich Schmitt, von 1861 bis 1866,
  4. Josef Demmer, von 1866 bis 1892,
  5. Johann Kraus, von 1892 bis 1894,
  6. Peter Schmitt, von 1894 bis 1910,
  7. Nikolaus Kraus, von 1910 bis 193Ó,
  8. Matthias Wolter, von 1936 bis 1945,
  9. Karius, Weyand Nikolaus, von 1945 bis 1946,
  10. Weyand Johann, von 1946 bis 1947,
  11. Biewer Nikolaus, von 1947 bis 1956,
  12. Zimmer Josef, von 1956 bis heute.

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Der Gemeindebann von Nunkirchen und Münchweiler

Der Gemeindebann von Nunkirchen hat eine Gesamtgröße von 1021,33 ha = 10,2133 qkm. Er teilt sich auf in 311,91 ha Ackerland, 265 ha Wald, wovon 123,85 ha Gemeindewald sind, 298,83 ha Wiesen und Weiden, 22,58 ha Gärten und 123,01 ha Hofraum, Wege, Bachläufe und Ödland. Der Gemeindebann von Münchweiler hat eine Gesamtgröße von 317,92 ha = 3,1792 qkm. Davon sind 106,15 ha Ackerland, 109 ha Wald, 78,56 ha Wiesen und Weiden, 4,07 ha Gärten und Obstanlagen und 20,14 ha Hof flächen, Wegeland, Gewässer und Ödland.

 

H57_GemarkungNunkirchen_kleinDeutung der Flurnamen
Die Flurbezeichnungen spiegeln größtenteils ein Stück Kulturgeschichte wider, teils sind sie aber auch Fantasiebezeichnungen unserer Vorfahren oder Anlehnungen an Erlebnisse mit Tieren. Die Deutung von vielen ist leicht und klar, bei einigen jedoch schwierig und unsicher.
Nunkircher Flurnamen

Briel. Dieser Name ist keltischen Ursprungs und lautete in jener Zeit brual, althochdeutsch bruil, und ist gleichbedeutend mit dem heutigen Wort Bruch. Ein Briel war in früherer Zeit ein in Hof- und Dorfnähe gelegenes feuchtes und mit Gebüsch bewachsenes Gelände, das zu weiter nichts diente als zum Tummelplatz für Jungvieh, wie Kälber und Schweine. Zu dem Zweck war der Briel meist auch eingezäunt, damit die Jungtiere keine Hut benötigten. Auf den Landgütern Karls des Großen gab es solche Briele, die meistens als Tummel- und Suhlplatz für Jungschweine dienten. In der Bezeichnung „Brühling“ für ein halbwüchsiges Schwein, das sich, im Sommer mager gefüttert, viel im Freien tummelt und im Herbst zur Mast kommt, ist noch die ursprüngliche Bedeutung in die Jetztzeit hinübergerettet. Nach und nach verloren die Briele ihre einstige Bedeutung, indem man sie in Wiesen umwandelte. Heute sind Briele meist fruchtbare Wässerwiesen, die mehrmals gemäht werden können, und liegen in nächster Nähe des Dorfes oder eines Gehöftes, entsprechend ihrer früheren Bestimmung. Fast jedes Dorf oder Gehöft hat seinen Briel.

Schachen. Auch diese Flurbezeichnung gibt es in vielen Dörfern. Ein Schachen ist ebenfalls ein nasses Gelände, das sich weder für Ackerbau noch für Wiesenbau gut eignete und darum meist von selbst gewachsenem Gebüsch bestanden war. Er diente ebenfalls als Weide für die Rinderherde oder auch für Schweine, weshalb der Schachen auch nicht ins Hufenland der Bauern einbezogen wurde und im Gemeindebesitz für die Allgemeinheit verblieb.

Bungert. Diese Bezeichnung ist eine Abkürzung von Baumgarten. Mit einem Bungert meint man eine Wiese hinter dem Hause, die mit Obstbäumen bestanden ist. In unserm Ortsteil „Im Bungert“ hatte wohl seit alter Zeit jedes Haus eine solche Obstwiese wegen der ausgezeichneten Lage und Bodenbeschaffenheit, und darum gab man wegen all der „Bungerten“ dem Ortsteil diesen schönen Namen.
Flürchen. Was wir heute „Flürchen“ nennen, war bis vor etwa 200 Jahren Wald bis zur Gutwiese. Das Reststück dieses Waldes reicht ja heute noch bis an die Wiese. Als das Dorf begann, sich auf der andern Seite des Baches auszudehnen, stellte man Anträge an die Gemeinde um Bauplätze an dem Wege, der durch den Gutwieswald führte, dem man auch stattgab wegen der guten Baulage. Je nach Bedarf wurde von Zeit zu Zeit ein Stück des Waldes abgeholzt und beiderseits des Weges an Liebhaber als Baugelände abgegeben. Vor etwa 30 Jahren geschah die letzte derartige Baulandgewinnung an dieser Straße, und viele neue Häuser sind daran erstanden. Noch ein letzter Rest dieses ehemaligen Waldes ist stehen geblieben und wird auch wohl erhalten bleiben, weil er sich als Bauland kaum noch eignet. Als man vor etwa 200 Jahren mit dieser Baulandgewinnung begann und dabei eine schöne, neue kleine Flur entstand, hatte man auch gleich den Namen dafür und nannte diesen Ortsteil „Flürchen“.

Selling. Dieses Dingwort ist abgeleitet von dem Tätigkeitswort sellern. Es ist ein altfränkisches Wort. Sellerbach ist ebenfalls von ihm abgeleitet. Wenn die kleinen Kinder Brei oder Suppe essen, dann „sellern“ sie meistens, und darum bindet man ihnen ein „Sellerläppchen“ vor. Unser Sellerbach ist auch so ein kleines Bächlein, das durch das Wiesengelände nur so dahinsellert, und darum hat man auch die Wiese daran „Sellerwies“ und den bebauten Wohnkomplex dortselbst „Selling“ genannt.
Wolfsgrube. In dieser Flur waren an mehreren Stellen tiefe Fanggruben für die Wölfe angelegt, die nachts, vom Lückner kommend, dem Dorfe zustrebten. Die Grube war mit Reisig abgedeckt, worauf ein Stück Fleisch lag, das den Wolf anlocken sollte. Wenn er dann gierig auf den Köder loslief, sackte er in die Grube hinab, war gefangen und wurde nächsten Tags mit Steinen beworfen oder mit Lanzen gestochen, bis er tot war.

Reichentälchen. Diese Flur ist wohl mit eine der ältesten unseres Bannes und wurde schon von den Kelten bebaut. Die Franken nahmen sie gleich unter den Pflug und bepflanzten diese Gewann gemäß ihrer Dreifelderwirtschaft. Auch wurde sie aufgeteilt unter die Hufenbauern, die ja wohl als die reichsten galten, weshalb man die Flur das Tälchen der Reichen, also „Reichentälchen“ nannte.

Newer. In der englischen Sprache gibt es das gleiche Wort „never“ und heißt auf deutsch „niemals, durchaus nicht“. In unserer Mundart – das Englische ist ja in vielen Wörtern eine Ableitung unserer Mundart — gebrauchen wir dieses Wort auch im gleichen Sinne, wenn wir das Gegenteil von ja im Wortwechsel heftig zum Ausdruck bringen wollen. Für ja sagen wir dann „äwer“ und für nein sagen wir „newer“, und so hört man zwei Streitende, besonders auch Kinder, hastig sich gegeneinander betonend und mehrmals wiederholend zurufen: „äwer!“ – „newer! – „äwer!“ – „newer!“. Ein Teil der Flur „auf Newer“ heißt „auf der Scheuerplatz“. Ob dort wohl die „Zehntscheune“ stand? Man weiß es nicht. Wenn ja, dann ist die Benennung der Flur „Newer“ zu verstehen, denn die Leute brachten sicher den „Zehnten“ nicht gerne, und bei Missernten werden sie wohl trotzig gesagt haben: „Newer gen ich dat!“

Meschels. Das ist eine Verkürzung von Mischholz, dessen es auf dieser Flur vor der Rodung wohl viel gegeben haben mag; insbesondere Nusshecken, Hainbuchhecken, Schwarzdorn usw., deren es ja heute noch im „Nussheckelchen“ gibt.
Bammersch. Im Mittelalter war dort wie auch im Lückner und im Hochwald ein „gebannter Busch“, auch „Bannbüsch“ genannt, der nicht gerodet, ja noch nicht einmal betreten werden durfte. Er war ein gehegtes Jagdrevier des Kurfürstlichen Grundherrn, dem alle Waldungen- von Karls des Großen Zeiten her gehörten. Der Kurfürstliche Vogtherr, Freiherr von Hagen, wusste ihn wie auch den Lückner, sorgsam bewachen und behüten, hatte selbst aber auch das Recht, darin zu jagen.

Cannaisfloß. Im Kataster steht „Karneußfloß“. Die Katastereintragungen sind erst etwas über 100 Jahre alt und richteten sich nach der mundartlichen Bezeichnung der Fluren, bemühten sich aber zu einer möglichst hochdeutschen Schreibweise des mundartlich gesprochenen Wortes. Hier ist die Verhochdeutschung missglückt, denn im Volksmund heißt das Bächlein und Tälchen „Cannaisfloss“. Im Französischen gibt es das Wort „cannaie“ und heißt auf deutsch „Röhricht“. Da in diesem Tälchen seit je ein großer Fischweiher war und auch heute noch ist, worin die adeligen Herren und ctuch ab und zu der Kurfürst fischten, wie im „Weisthumb“ von 1587 die gegenseitigen Rechte ja dargelegt waren, und diese Herren in der Unterhaltung sich gerne der flüssigen und klangschönen französischen Sprache bedienten, die sie alle ihrer Stellung wegen schon können mussten, nannten sie den Weiher in diesem Tälchen „Cannaisfloss“, weil dortselbst wohl viel Schilfrohr beiderseits des Bächleins hinauf wuchs. „Cannaisfloss“ heißt also nichts anderes als „Schilfrohrfloß“ oder „Röhrichtfloß“.

 

Münchweiler Flurnamen

Hirzenacker. Hirz ist die mundartliche Bezeichnung für Hirsch im Mittelalter. Hirzenacker ist also der Hirschacker und Hirzenwald der Hirschwald.
Bockswald. Mit Bock ist der Rehbock gemeint. Es ist also der Wald, wo die Hochsitze angebracht waren, um die Böcke zu erlegen. Bocksfeld war, wohin das Rehwild gerne zur Äsung ging.

Rammerwies. Die Wiese ist nach dem „Rammerfels“ benannt und dieser nach dem Schafsbock, dem Widder, die früher vielleicht auf der Weide gerne auf den Felsen herumturnten, wie ja auch die Ziegen.

Neu Nunkirch. So mag sich das Dörfchen auf der Münchweiler Eisenschmelze wohl i m Scherz genannt haben.
Auf alt Münchweiler. Hier stand ursprünglich der Münchweiler Herrenhof, vielleicht zerstört im Dreißigjährigen Krieg und nicht mehr aufgebaut, bis dann 1752 das Schloss gebaut wurde.

Teufelsbruch. Dieser Flurteil hat seinen Namen nach der „Teufelsbrücke“. In ihr sollen auch oft „Teufelsfeuerchen“ beobachtet worden sein.
Spetswald. Der Wald hat von dem Specht wohl seinen Namen, denn er kommt als Grün-, Bunt- und Schwarzspecht in unsern Hochwaldbeständen sehr häufig vor.

Wir sehen, dass viele Fluren nach Tieren benannt sind, woraus wir entnehmen können, dass die adeligen Herren mit Leib und Seele Jäger waren und nach den jagdbaren Tieren auch ihre Fluren benannten.

Familienregister

Das von Matthias Müller zusammengetragene Familienregister halten wir in einer PDF-Version für Sie bereit.

Heimatsagen

Die Glockensage von Nunkirchen
Von Maria Lillig

Lasst mich die Harfe schwingen
zu einem Heimatsang,
durchrauscht von Kriegsfanfaren,
durchweht von Glockenklang!
Um Rettung fleh’n die Glocken
vor wilder Schwedenwut.
Tollkühnheit weckt ihr Rufen
und trotz’gen Männermut.
Nunkirchen, dir soll’s klingen,
dir sei mein Lied geweiht!
Es soll dir Kunde bringen
aus längst vergangner Zeit!
Ob auch das Heer der Feinde
schon rasselt in der Fern,
ob auch die Schweden dräuen
mit Lanz und Morgenstern.
Vom Hochwald flog wie Sturmwind
durchs Land der Schreckensschrei:
Die Schweden nah’n, die Schweden,
der Himmel steh uns bei!
Zwölf Tapfre wagen kühnlich
sich aus dem Waldversteck,
und nehmen aus dem Turme
zur Nacht die Glocken weg.
Die wüste Soldateska erpresst
und raubt und brennt!
Verloren ist, wer leugnet,
verloren, wer bekennt
Im Hackenbach vergruben
sie den geweihten Schatz.
Unkenntlich bis zur Stunde
blieb der erwählte Platz.
Drum rettet in die Wälder,
was noch zu retten ist,
bevor der Schwed sein Banner
in unserm Dorfe hisst!
Denn jene zwölf, die tapfer
vollbracht das Wagestück,
die kehrten nimmer wieder
zum Waldversteck zurück.
Und Todesangst im Herzen,
im Auge Fieberglut,
eilt jeder sich zu bergen
hinaus mit Hab und Gut.
Die traf der Grimm des Feindes
nach ihrer kühnen Tat.
Sie wählten mutges Sterben
statt schmählichem Verrat.
Verlassen steht das Dörflein,
ein scheu gemiedner Ort,
kein Schall von Menschenschritten,
kein Klang von Menschenwort.
Und oft, wenn’s schneit und frieret,
blüht tief im Hackenbach
glutrot ein einsam Röslein,
das keiner jemals brach.
Verblutet sind die Helden
ob ihrer heil’gen Treu.
Das Schwedenheer zog weiter,
die Heimat, sie war frei.
Das ist dem Blut entsprossen,
das Schwedenhand vergoss,
das um der Heimat Frieden
für ihre Kinder floss.
Noch heute ruh’n die Glocken
im kühlen Heimatgrund,
tun einmal nur im Jahre
ihr heimlich Dasein kund.
Doch blüht die rote Rose
vergeblich Jahr für Jahr:
Vergessen sind die Glocken
im Volk für immerdar.
Wenn am Fronleichnamstage
der Herr Triumphzug hält,
mischt sich ihr leis Frohlocken
ins Jubeln aller Welt.
Der Schlüssel ist’s zum Schatze,
den Treue einst versteckt,
den bis zum heut’gen Tage
kein Sonntagskind entdeckt.
Da horch, im Kirchturm leise
sich eine Stimme regt,
die auf gewalt’gen Schwingen
der Sturm zum Walde trägt.

H57_Glockensage_kleinAuch Fritz Glutting hat sich der Glockensage angenommen
und sie als Prosa-Text in seinem Heimatbuch von 1992
veröffentlicht. Die neu erzählte Geschichte können Sie hier nachlesen. 

H57_GlockensageText_kleinFerner fand sich der Text auch einmal in einem Lesebuch.
Den Ausschnitt können Sie sich hier in Ruhe anschauen.

 

 

 

Das Schwedenkreuz
An der Straße nach Michelbach stand ein kleines Steinkreuz, genannt das Schwedenkreuz. Durch den Bau der Heeresstraße zu Beginn des letzten Krieges durch den militärischen Arbeitsdienst wurde es entfernt, weil es die Einfahrt in die Straße behinderte. Es wurde auch nicht an einen andern Platz versetzt, sondern einfach beseitigt.Mit diesem Kreuz hatte es folgende Bewandtnis:
Während des Dreißigjährigen Krieges, und zwar im Winter 1634/35, zogen schwedische und französische Truppen, geschlagen durch die kaiserlichen Heere des Generals Gallas, durch unsere Heimat, um in Frankreich Schutz und Hilfe zu finden. Unerwartet, noch ehe die Bewohner eine Ahnung davon hatten, kam ein berittener Vortrupp in unser Dorf, um Quartiere zu machen und die Bewohner zur Bereithaltung von Lebensmitteln aufzurufen. Der Anführer der Truppe war korrekt, aber viele seiner Soldaten wilde Burschen, die die erschreckten Bewohner drangsalierten und beraubten. Einer von ihnen drang sogar in die Kirche, indem er dem Küster, der sie eben zugeschlossen hatte, die Schlüssel entriss. Es gelüstete ihn nach den goldenen Schätzen in Sakristei und Tabernakel. Aus dem Kelch schleuderte er die hl. Hostien achtlos auf den Boden und steckte ihn und auch die Monstranz in einen mitgebrachten Sack. Die Tat blieb aber nicht geheim. Beim Weiterritt der Truppe auf der Michelbacher Höhe erfuhr es der Truppführer. Sofort ließ er halten und befahl den Burschen zu sich, Nachdem er seine Beute ausgepackt hatte, fand ein Standgericht über ihn statt. Der Truppführer rief mit empörter Stimme: „Habe ich nicht streng befohlen, auf unserm Rückzuge die Kirchen in Ruhe zu lassen? Sollen wir auch noch den Herrgott zu unserm Feinde haben? Der Ungehorsam muss mit dem Tode bestraft werden! Ergreift ihn und bindet ihn an diese Linde. Jeder versetze ihm aus Verachtung einen Fußtritt, egal wohin! Eine Kugel ist für ihn zu schade! Legt ihm den Strick um den Hals und hängt ihn auf, dass er verende!“. So geschah es. Der Trupp zog weiter. Mitleidige. Nunkircher, unter ihnen auch der Küster, erkannten ihn als den Kirchenräuber und waren ergriffen über Gottes schnelles Strafgericht. Sie schnitten ihn los, beerdigten ihn an derselben Stelle und setzten ein Birkenkreuz auf sein Grab. Die Kunde davon verbreitete sich schnell überall, und man nannte das Kreuz „Schwedenkreuz“. Das Holzkreuz wurde mehrmals erneuert, bis man schließlich ein kleines Steinkreuz dort errichtete. Bei Dunkelheit gingen die Menschen scheu und eilig daran vorbei, weil die Mär umging, die Seele dieses Kirchenräubers fände keine Ruhe und hause in der Umgebung dieses Kreuzes unerlöst, ruhelos und vergrämt über ihren schändlichen Gottesraub bis zum Jüngsten Tage.

Das Franzenkreuz
Im Jahre 1793 lag eine österreichische Armee in unsern Hochwalddörfern in Quartier, denn es war Krieg gegen das revolutionäre Frankreich, das seine Königin Marie Antoinette, eine österreichische Prinzessin, mit der ganzen königlichen Familie auf dem Schafott hingerichtet hatte.
Ein junger österreichischer Soldat aus Wien war bei der Gret im Bungert einquartiert. Er hatte es gut, denn die Gret war ihm wie eine Mutter. Er ließ sich gerne alles Liebe geschehen, und die Gret erzählte ihm manch lustige Geschichte aus ihrem Leben. Trotzdem saß der Junge oft ernst und traurig vor dem Hause auf der Bank und backte sehnsuchtsvoll nach Osten, der Richtung seiner Heimat. Er hatte Heimweh nach feinen Eltern, seiner lieben Heimatstadt Wien und vielleicht nach einem lieben Mädel, dem er beim Abschied die .Treue versprochen.
Die Gret hatte ein scharfes Auge und ein mitfühlendes Herz für den Kummer ihres Soldaten. Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und sprach: „Mein Junge, ich merke es, du hast mal wieder Heimweh. Aber gedulde dich noch; der Krieg geíht ja auch wieder zu Ende.“ Dem Jungen kamen die Tränen in die Augen; wortlos stand er auf und ging in seine Schlafkammer. Die Gret schüttelte traurig den Kopf und wusste nicht, was sie anfangen sollte.
Eignes abends saßen sie wieder auf der Bank, und die Gret erzählte ihm lustige Schnurren. Da ergriff er ihre Hand, drückte sie und sprach: „Liebe, gute Frau, ich danke Ihnen für alles Gute, was Sie mir getan, Leben Sie wohl!“ Damit stand er auf und ging in seine Kammer. Kopfschüttelnd ging auch die Gret ins Haus und zur Ruh.
Am nächsten Morgen war die Kammer ihres Soldaten leer. Am späten Nachmittag wurde er von zwei Soldaten gebracht, die erzählten, dass der Kamerad in der Nacht auf der Flucht geschnappt worden sei und vom Hauptmann einen strengen Verweis erhalten habe. Sie baten die Gret, dem Jungen doch gut zuzusprechen, dass ihm die Heimwehgedanken vergingen. Ja, die Gret tat, was sie konnte, und es ging auch einige Zeit gut.
Aber wieder war eines Morgens die Kammer leer. Der Junge hatte einen zweiten Fluchtversuch unternommen, jedoch wiederum ohne Erfolg. Er wurde geschnappt und in Arrest gesteckt. Alles Bitten der Gret und auch die Fürsprache des Pfarrers beim Hauptmann waren umsonst. Ein Kriegsgericht trat zusammen und sprach das Todesurteil wegen Fahnenflucht. Der Junge wurde im Bungert 200 Meter oberhalb des Hauses der Gret von einem Exekutionskommando erschossen und an Ort und Stelle begraben.
Sein Grab wurde von der Gret gepflegt, so lange sie lebte. Nach dem Kriege kamen die Angehörigen aus Wien, um das Grab ihres lieben Toten zu besuchen. Sie stifteten ein großes eisernes Kreuz, das noch bis zum heutigen Tage steht. Man nennt es „Franzenkreuz“, weil der Acker, worauf das Grab sich befindet, der Familie Franzen gehörte.

Franzenkreuz_FritzGlutting

Fritz Glutting hat die Geschichte 1997 in einem Artikel für die Saarbrücker Zeitung in den historischen Kontext gesetzt. Er beschreibt die Flucht des österreichischen Soldaten, der nun auch einen Namen, nämlich Peter Thies erhält, wesentlich detaillierter als Matthias Müller in seinem Heimatbuch von 1957. Ob sich die Geschichte allerdings tatsächlich so zugetragen hat, ist bis heute nicht nachzuweisen.

 

Der Mann, der die Augen auf dem Teller liegen hat
H57_Augen_kleinVor Zeiten machte ein Wilderer dem Förster des Freiherrn von Hagen zu Büschfeld viel zu schaffen. Nicht nur bei Nacht, oft auch bei Tage knallte es einmal hier, einmal dort in den herrschaftlichen Wäldern. Endlich hatte er ihn doch verwischt. In 50 Meter Entfernung sah er ihn, wie er gerade ein Reh ausweidete. Vorsichtig schlich er sich näher, die Büchse schussbereit vorhaltend. Doch da bemerkte ihn der Spitzbube. Wie der Blitz ergriff er seinen Stutzen und schoss ihm die volle Ladung einer Schrotpatrone ins Gesicht, noch ehe der Jäger sich entschloss zu schießen. Der Getroffene stürzte zu Boden und blutete aus unzähligen Wunden, Als er die Augen öffnen wollte, war dunkle Nacht um ihn. Mit Schrecken merkte er, dass ihm die Augen erloschen, dass er erblindet war. Da rief er laut um Hilfe. Der Spitzbube hatte sich davongemacht, und es dauerte lange, bis Leute kamen, die dem Verwundeten halfen und ihn nach Hause brachten.
Der Übeltäter konnte nicht gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden, obwohl der Förster ihn mit Namen nennen konnte. Der ist nämlich flüchtig geworden und hauste fortan unstet in den Wäldern. Sein böses Gewissen trieb ihn wiederholt an die Stätte seiner Gräueltat, aber fassen konnte man ihn nicht, denn er war gleich wieder verschwunden.
Viele Jahre danach traf es sich, dass Leute einem Manne begegneten, der die Augen auf einem Teller liegen hatte und erbarmungsvoll jammerte und stöhnte. Da sagte man: Das ist der Wilderer! Jetzt hat er seine Strafe, indem er selber blind ist und die eigenen Augen auf einem Teller vor sich hertragen muss. Entsetzt liefen die Leute davon, wenn sie ihm im Walde begegneten. Auch ist er schon oft nachts beim „Weißenkreuz“ gesehen worden. Zur Sühne für seine Untat muss er ruhelos in unsern Wäldern irren, wer weiß wie lange, bis Gott seine arme Seele erlöst und ihn von dem Fluche befreit.

Der Hannejuscht
Vor einigen hundert Jahren hat er gelebt, der stolze Hannejuscht mit den feurigen Schwarzaugen, mit dem kecken Jägerhütlein auf dem dunklen Gelock. Wenn er durch Nunkirchens Gassen schritt, eine ragende, schulterbreite Hünengestalt, dann flogen der Mägdlein Blicke ihm nach, dann pochte manch junges Herz in raschen Schlägen. Aber Hannejuscht sah nicht nach den zärtlich lockenden Augen, wusste nichts von heimlichem Herzweh mancher Schönen. Die er liebte, das war die einzige, die ihm keine schmachtenden Blicke nachsandte, das war eine kinderreine, arglose Jungfrau, und eben darum liebte er sie.
Und Agnes, so hieß das Mädchen, wusste nichts davon. Doch Hannejuscht traute seiner Liebe Allgewalt, und er war entschlossen, ihr bei günstiger Gelegenheit seine Liebe zu gestehen. Und die Stunde kam. Jagend durchstrich er eines Tages Nunkirchens Wälder, von seinem Rüdenpaar begleitet. Da – schon schimmert die Wiese durch den lichter werdenden Wald –, kaum hundert Schritte von ihm entfernt kniet ein blondes Mägdelein auf moosigem Waldboden und sammelt dürre Reiser zur Bürde. Hannejuscht steht und schaut, und seine Hunde stehen reglos neben ihm, von seinem Blick gebannt. Jetzt wendet das Mägdlein den Blondkopf ein wenig zur Seite, und der Bursche schaut erglühend in seiner Agnes reines Gesicht. Sie ahnt nicht, dass Hannejuschts Feueraugen auf ihr ruhen. Dem Burschen aber wird heiß und schwül, und seine Glieder zittern vor Erregung. Jetzt ist die Stunde gekommen, die er Tag um Tag, Woche um Woche gesucht hat. Jetzt wird er der Geliebten sein Herz enthüllen. Er schreitet auf die Kniende zu, langsam, leise, wie man sich etwas Heiligem nähert, und dabei pocht ihm das Herz in Fieberschlägen. Noch wenige Schritte trennen ihn von ihr, da vermag sein Mund nicht mehr zu schweigen, da jauchzt er in überschwellendem Glück in den lauschenden Wald hinein: „Agnes, mein Lieb!“
Jäh richtet sich die zu Tod erschrockene Jungfrau auf und blickt entsetzt in die flammenden, verlangenden Augen des hünenhaften Burschen vor ihr. „Agnes, mein Lieb!“ ruft dieser noch einmal und reckt die Arme nach ihr aus. Solch wilder Liebe ist die stille Agnes noch nie begegnet. Ihr graut vor der Lohe, die ihr da entgegenschlägt, und mit einem Schrei voll Furcht und Entrüstung eilt sie wie ein gehetztes Reh davon.
Hannejuscht steht versteint. All sein Glück flieht mit ihr dahin. Es ist zum Wahnsinnigwerden. Er greift sich an die Stirn. Er greift nach der Büchse und schießt – und trifft das dahineilende Mädchen. Hannejuscht, wilder Hannejuscht, was hast du getan? Leichenblass lehnt er am Stamm einer alten Eiche. Wankend nähert er sich seinem Opfer, das, auf feuchtem Waldmoose ausgestreckt, mit dem Tode ringt. „Agnes, mein Lieb!“ stöhnt Hannejuscht und kniet neben ihr nieder. „Agnes, was habe ich dir getan?“ klagt er mit gebrochener Stimme, „dir, die ich so lieb habe, so unsagbar lieb!“ Und die sterbende Jungfrau weiß jetzt, dass sie von dem wilden Burschen nichts zu fürchten hat, weiß, dass ein Unglücklicher neben ihr kniet. Sie lächelt ein schönes, verklärtes Lächeln, reicht ihm ihre sterbende, matte Hand und haucht: „Ich danke dir für deine Liebe, Hannejuscht! Wenn ich im Himmel bin, will ich dich nicht vergessen.“
Zart und scheu fasst seine Rechte nach der blumenzarten Mädchenhand, und dann bricht er in trostlose Tränen aus. Und da reift ein Entschluss in seiner männlichen Seele; „Agnes, du stirbst von meiner Hand getroffen, ich will auch sterben; mein Tod sei Sühne für den Deinen!“ Sie hört’s nicht mehr, sie liegt in feierlicher Ruhe, im Schweigen des Todes. Engel Gottes haben ihre jungfräuliche Seele schon empor getragen zu den ewigen Gefilden,
Hannejuscht erhebt sich und schreitet von dannen, aufrecht und stark. Sein Weg führt zur Buße, zur Sühne, zum Tod. Er meldet sich beim Gerichtsmeier und gesteht seine Schuld. Das Hochgericht tritt zusammen unter dem Freiherrn von Zandt und den sieben Schöffen. Das Urteil lautet auf Tod durch den Strang. Auf dem Galgenberg hat Hannejuscht seine Schuld gesühnt. Mit Gott versöhnt, ist er im Angesicht des Volkes als ein Ausgestoßener, ein Verbrecher, gestorben.
Das ist die Mär vom Hannejuscht, dessen Geist im Volksglauben heute noch in der Hannjuschtenheck und im Gutwieswald umgeht. In früheren Jahren wollten ihn gar viele des Nachts beim Viehhüten gesehen haben. Er sei, so erzählten sie, mit einem langen Mantel bekleidet und führe zwei aneinander gekoppelte Hunde mit sich. Und ein Mädchen, so geht die Sage, das ihn einmal verspottet habe, sei von unsichtbarer Hand derb geohrfeigt worden. Der jungen Spötterin ist recht geschehen; denn ein Mensch wie Hannejuscht, der zwar gefehlt hat in Schwäche und Leidenschaft, aber gesühnt hat wie ein Held, verdient keinen Spott.

H57_HannejuschtHintergrund_kleinFritz Glutting hat sich in seinem Heimatbuch von 1992
mit den Hintergründen der Geschichte des „Hannejuscht“
beschäftigt. Seine Recherchen können Sie hier einsehen.

 

 

Der Teufel im Oberdorf
Vor Zeiten, als die Straße Saarbrücken-Trier noch nicht gebaut war, ging die Hauptstraße unseres Ortes durch das Oberdorf. Damals gab es an dieser Straße auch ein gut gehendes Gasthaus. Noch mehr als heute fanden sich dort bereits sonnabends die Burschen und Bauern beim Kartenspiel, bei Bier und Branntwein ein. Dabei ging es recht oft hoch und laut her.
So saßen einst auch drei verbissene Spieler noch spät in der Nacht mit erhitzten Köpfen am Kartentisch und warfen mit Flüchen und Verwünschungen die bunten Bilder ins Spiel. Die Wirtin saß schlafend und schnarchend auf der Takenbank, da sie die drei weder durch gute noch durch harte Worte los wurde.
Eben kündete die alte Wanduhr mit zwölf Schlägen die Mitternachtsstunde an. Da sprach der eine der drei, der einen Haufen Geld als Gewinn vor sich liegen hatte, dass es Zeit zum Aufbruch sei. Damit kam er bei den beiden andern aber schlecht an. Sie schrien: „Wer Spielverderber ist, den soll der Teufel auf der Stelle holen!“ Kaum waren diese Worte gesprochen, da war der Böse auch schon da in der Gestalt eines mächtigen Hundes und legte sich knurrend und lauernd unter den Kartentisch. Die Männer waren starr vor Schrecken, und keiner wagte, sich vom Tisch zu erheben und das Spiel abzubrechen. Die Stunden vergingen, die Kartenblätter flitzten, und die Pfennige und Groschen rollten von einem zum andern.
Da polterte jemand durch den Hausflur, die Wirtsstube wurde aufgerissen, und herein trat die Frau des einen Spielers. Zornig will sie dem Alten „heimleuchten“, doch ein lautes, gellendes Aufschreien erstickt ihren Wutausbruch, denn sie hat das unheimliche Tier unter dem Tisch erblickt, dessen Nüstern und Augen glühen und Funken durch das düstere Zimmer sprühen. Von dem lauten Schrei ist auch die Wirtin erwacht und sieht das Ungeheuer unter dem Tisch. Die drei Männer, triefend vor Angstschweiß, wagen sich nicht zu erheben und werfen nur verstohlene Blicke auf die beiden Frauen.
Da kommt einer der beiden Frauen ein rettender Gedanke: „Ich gehe den Pastor rufen!“, und sie eilt davon. Nach geraumer Zeit kommt sie zurück mit dem geistlichen Herrn. Sie trägt den Weihwasserkessel, und er ein dickes Buch. Sofort wird es unter dem Tisch lebendig. Der Böse fängt an zu bellen und zu heulen, und mit dem Schweife schlägt er wider den Tisch, dass die Karten zu Boden wirbeln. Und als der Priester das Weihwasser gegen ihn sprengte, gebärdete er sich wie toll, aber er entschwand nicht, sondern kratzte die Karten zusammen unter den Tisch. Mutig trat der Priester näher, und der Teufel wich scheu zurück. Schnell hob der Priester die Karten auf und warf sie ins Herdfeuer der Küche. Nun war die Macht des Bösen gebrochen, er verschwand durch die Mauer, hinterließ aber einen Gestank von Feuer und Schwefel.
Die drei Männer blickten voll Dank auf ihren Seelsorger und gingen niedergeschlagen nach Hause. Sie waren kuriert, und niemand sah sie mehr ein Kartenspiel anrühren. Noch lange zeigte man in der Gaststube das Loch, durch das der Teufel entwich, und später, als es zugemauert war, immer noch die Stelle, wo es gewesen ist.

Die wilde Braut
Zur Römerzeit stand in Wahlen die Villa eines reichen und vornehmen Römers mit Namen Fluvius. Wüste Trinkgelage waren seine Hauptfreude. Dieses ausschweifende Leben missfiel der Tochter des Römers, die viele heimliche Tränen darüber vergoss.
Aus dem nahen römischen Lager besuchten die Offiziere oft ihren Freund Fluvius, besonders ein Hauptmann Fabius. Diesem hatte der Römer seine Tochter zur Gemahlin versprochen. Aber Julia, so hieß das Mädchen, liebte einen jungen Offizier, von dem der Vater jedoch nichts wissen wollte und seine Zustimmung zur Heirat verweigerte. Nach langem, inständigem Bitten erklärte er schließlich, wenn auch mit Widerwillen: „Wenn Marzellus, den du liebst, Hauptmann wird, soll dein Wunsch erfüllt werden.“ Einige Zeit später wurde Marzellus nach Trier berufen und zum Hauptmann befördert.
Als Fabius merkte, dass er vergeblich um Julia warb, erinnerte er Fluvius an sein Versprechen. Beide fassten nun den Entschluss, Marzellus aus dem Wege zu räumen. Sie stifteten Leute an, die ihn auf dem Rückwege von Trier meuchlings ermordeten.
Fabius glaubte jetzt am Ziele seiner Wünsche zu sein. Doch, als statt des Geliebten die Kunde von seinem Tode kam, bewahrte Julia erst recht ihm die Treue. Jedes Bitten und Drohen des Vaters war vergeblich, sie reichte dem Fabius nicht die Hand. Darüber erzürnt, verstieß der Vater sie und verwies sie aus dem Hause.
Unter dem Banne des väterlichen Fluches, den geliebten toten Bräutigam suchend und die Menschen als Mörder hassend, irrte sie fortan unruhevoll in den Wäldern der Wahlener Berge, und man erzählt, dass sie noch heute weinend und jammernd dort umhergehe. Verschiedentlich ist sie schon gesehen worden, wie sie am Bache ihre Tränen aus dem Gesichte wusch. Einem Manne, der des Nachts allein auf der Oppener Straße durch den Lückner ging, sprang sie auf den Rücken und ließ sich tragen bis zum Ausgang des Waldes. Eines Sonntagmorgens sahen einige Nunkircher Männer sie am Fuße des Schallenberges am Bache sitzend, wo sie ihre Haare wusch. Sobald die Nunkircher Glocken zur Messe läuteten, sei sie aufgestanden und zurück in den Wald geeilt.
Obwohl man Mitleid mit dem armen, verstoßenen Mädchen haben sollte, nennt man sie dennoch „die wilde Braut“, hat Angst vor ihr und vermeidet es möglichst, nachts allein durch den Lückner zu gehen.

Sitten und Bräuche
Wenn ich hierunter Sitten und Bräuche niederschreibe, dann denke ich an die Zeit der Jahrhundertwende, also vor 50-60 Jahren. Es war die Zeit, in der unsere Kirche gebaut wurde, die gute, alte Zeit, wo die Pfennige noch geehrt und die Taler sorglich gemehrt wurden, wo die alten Bauern noch im blauen Kittel und mit der schwarzen Seidenkappe sonntäglich zur Kirche gingen, die Frauen aber einen weiten wollenen Rock, ein enges Leibchen, um den Hals ein seidenes Tüchlein und um den Kopf die wollene, warme „Kapuze“ trugen. Die Burschen und auch junge Männer gingen sonntags im „Tirtessen“ Anzug, hatten um den Hals hohe, steif gebügelte Leinenkragen>, „Vatermörder“ genannt, und die Mädchen gingen in Kleidern aus Kattun. Bunte Kleider gab es damals nicht, weder rote, noch grüne, noch gelbe, sondern nur Kleider in ruhigen Farben, in schwarz, braun oder grau. Es war eine gemütliche Zeit, denn auf den Straßen rasten noch keine Autos, keine Motorräder, ja noch nicht einmal Fahrräder, und in den Lüften brausten noch keine Düsenjäger, brummten noch keine Bomber. Wohl flog schon mal ein dicker Luftballon still und ruhig über die Landschaft dahin. Welch ein Wandel hat sich in diesen vergangenen 60 Jahren vollzogen in der Technik, in der Kleidung, ja in der ganzen Lebensführung! Die Menschen sind heute modernisiert, leben in einem hohen Lebensstandard und haben manchen Brauch aus früherer Zeit von sich abgestreift. Nur einiges hat sich noch erhalten, es war zu tief verwurzelt, anderes ist hinweggewischt und vergessen und Neues an seine Stelle getreten. Wenn ich nun die Sitten und Bräuche aus jener Zeit, die ich als Kind und junger Bursche selbst erlebte, niederschreibe, dann mögen die Leser von heute selbst beurteilen und feststellen, was sich in die jetzige Zeit hinübergerettet und was vergessen wurde.

Die Kreuzlein am Heiligenborn. Hinter der Ottilienkapelle sind zwei Nischen, wo die Kinder am Pfingstmontag, wenn sie mit ihren Eltern zum Heiligenborn gingen, ein Kreuzchen steckten, damit sie im kommenden Jahre ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekämen. Auch jungen Ehepaaren steckte man ein Kreuzchen und sagte ihnen dann bei der ersten Begegnung: „Ich habe Euch ein Kreuzchen gesteckt!“

Geburt und Taufe eines Kindes. Die neugeborenen Kinder brachten ihren Geschwistern stets „Zuckerbohnen“ mit, wodurch die Freude gesteigert wurde. Am darauf folgenden Sonntag fand die Taufe in der Kirche statt. Die Got steckte dem Patt ein Sträußchen an den linken Rockaufschlag und sich selbst eins ins Haar. War der Patt noch ledig, so wurde er von seinen Kameraden scherzhalber mit einem Strohwisch an beiden Backen gerieben, damit sie bei dem Taufakt schön rot sein sollten. Nach der Taufe bekamen Pastor und Küster ein Trinkgeld .und eine Zuckertüte. Vor der Kirche wartete schon die ganze Dorf Jugend auf das Erscheinen der Paten. Sobald sie aus der Kirche heraustraten, rief die ganze Gesellschaft in einem fort: „Zuckerpatt, Zuckergot!“, und ‚die beiden öffneten nun ihre Tüten und warfen Hände voll Zucker über die Kinder hinweg, und blitzschnell bückte sich die ganze Gesellschaft und pickte die Zuckerbohnen auf. Patt und Got benutzten eiligst die Gelegenheit und machten sich davon, aber schon bald hatte die Meute sie eingeholt und schrie von neuem: „Zuckerpatt, Zuckergot!“, und wieder um mussten Hände voll Zucker gestreut werden, um sich von der Kinderschar loszulösen. Wenn Pate und Gote „knauserisch“ waren und nur kleine Pfötchen voll Zuckerbohnen warfen, riefen die Kinder spöttisch, aufdringlich und wild: „Strohpatt, Strohgot!“ Es war eine wahre Tortur für Pate und Gote, bis sie endlich im Heim des Täuflings ankamen, und auch die Hebamme, die das Kindchen trug musste sich mit viel Geschick durch das Knäuel der Kinder hindurchschaffen, um es unversehrt der wartenden Mutter ins Bett zu legen. Die Geschwister standen schon auf der Haustüre und hielten Patt und Got die Hände hin, und auch sie bekamen sie gefüllt mit dem letzten Rest aus den Tüten. Für die Hebamme war noch ein besonderes Tütchen reserviert, das sie nun auch nebst einem Trinkgeld erhielt. Nun ging’s an den Tisch, und mit Kuchen und gutem Kaffee wurde die „Kindtauf“ gefeiert, zu der auch Verwandte und Nachbarn eingeladen waren, über die Strapazen des Heimwegs von der Kirche wurde viel gescherzt und gelacht, und beim Gläschen Wein nach dem Kaffee manche lustige Taufgeschichte erzählt. Got und Pate saßen als Paar nebeneinander, und wenn sie beide noch ledig waren, spann sich mit diesem, Tage nicht selten eine Liebschaft zwischen den beiden an, die nach ein oder zwei Jahren zur Lebensgemeinschaft in der Ehe führte. Wenn der kleine Täufling ein Jahr alt war, schenkten Pate und Gote ihm ein Kleidchen, an jedem Neujahrstage brachten beide auch je einen Neujahrskranz und an Ostern die Ostereier. Kinderreiche Familien, und deren gab es in damaliger Zeit meisten teils, bekamen so an Neujahr Berge von Kränzen und einen Korb voll Eier. Aber die Eltern mussten ja auch selbst wieder Kränze und Eier forttragen, wo sie Pate und Gote waren. Wenn das Kind zur ersten hl. Kommunion kam, schenkten Pate und Gote ihm eine Uhr, oder wenn es ein Mädchen war, eine goldene Halskette mit goldenem Kreuzchen. Nach der Schulentlassung gab’s anstatt des Neujahrskranzes nur mehr einen „Stutzweck“, und die Ostereier fielen ganz weg. Der Stutzweck wurde gebracht bis zur Verheiratung, und zur Hochzeit wurden Pate und Gote eingeladen, was sie wiederum zu einem ansehnlichen Geschenk verpflichtete.

Rekruten. Wenn mit Beginn des neuen Schuljahres die Versetzung der Kinder vollzogen war, dann gab’s in den Pausen der ersten nachfolgenden Schultage ein großes Jagen mit viel Hallo auf dem Schulhofe. Die „Rekruten“ wurden eingefangen, das waren diejenigen Burschen, die in die Oberklasse versetzt worden waren. Sie wurden an die Pumpe oder den Wasserkranen geschleppt oder an Beinen und Händen getragen und dann mit Wasser auf den Hinterkopf gründlich „getauft“. Damit waren sie der Oberklasse als ebenbürtige Kameraden eingereiht.Wie die Burschen „zünftig“ wurden. Es herrschte die Sitte, dass die schulentlassenen Burschen bis zum 18. Lebensjahre abends noch kein Recht auf der Straße oder in der Gesellschaft hatten. Sie waren noch nicht „zünftig“. Das wurden sie erst mit diesem Alter in der Form, dass sie den „Zünftigen“ einen Liter Branntwein spendierten. Die „Zünftigen“ hielten strenge Zucht unter dem jungen Burschen. Wurden von diesen irgendwelche abends auf der Straße beobachtet, so wurden sie „gereisert“. Ein besonders flinker und kräftiger „Zünftiger“ suchte sich, mit einer Rute bewaffnet, hinter die Burschen zu schaffen, schlug dann drauflos und trieb sie vor sich her. Die andern „Zünftigen“, auch mit Ruten bewaffnet, hatten sich auch der Straße entlang verteilt und, wenn die Flüchtigen kamen, drauflosgeschlagen. Auf diese Weise wurde abends die Straße von halbwüchsigen Burschen sauber gehalten.

Vom Heiraten. So wie es bei der Patenschaft einem jungen Mann möglich war, mit einem Mädchen in guten Kontakt zu kommen, so gab es auch noch andere Möglichkeiten, insbesondere bei den Tanzvergnügungen, deren es allerdings nur drei im Jahre gab, an der Kirmes, an Martini und an der Fastnacht. Wenn ein Junge ernste Absichten auf ein Mädchen hatte und sich ihm keine anderweitige Möglichkeit der Annäherung bot, dann bereitete er sich gut auf diese drei Festlichkeiten vor durch ein gefülltes Portemonnaie, durch eine komplette neue Kleidung und vor allem durch ein sauberes, gesundes und frisches Aussehen. Auch legte er sich hinreichenden Gesprächsstoff zur Unterhaltung zurecht. Um mit dem Mädchen zum Tanz zu kommen, ging er während des Tanzes an das tanzende Paar heran, klopfte dem Partner des Mädchens auf die Schulter und sagte: „Solo“. Sofort unterbrach das Paar den Tanz, der neue Kavalier nahm das Mädchen in den Arm und tanzte weiter. Hatte er nun Glück, dass während dieses Tanzes kein anderer ihn zum „Solo“ aufforderte, was allerdings häufig genug erfolgte, so bat er das Mädchen nach dem Tanz an seinen Tisch, bestellte eine gute Flasche Wein und mit einem freundlichen „Prosit!“ wurde getrunken und dieses und jenes Lustige geredet. Dabei wurde eventuell der nächste Tanz verpasst, aber der darauf folgende musste mitgenommen werden. Da konnte es dem Liebhaber passieren, dass er zum „Solo“ aufgefordert wurde, aber geradeso hatte er ebenfalls das Recht, seine Auserwählte durch Soloansagen immer wieder zurückzugewinnen. Nicht immer glückte es ihm, dieses Mädchen am Schluss des Tanzes zu besitzen und an seinen Tisch zu führen, und oft musste er sehen, dass ein anderer es an dessen Tisch führte. Es gab Mädchen, die sehr umworben waren, und je höher man seihe Ansprüche stellte, umso größer war die Rivalität unter den Burschen und die Schwierigkeit der Umwerbung des Mädchens. Entscheidend war die Neigung des Mädchens, und wenn sich zwei an einem solchen Tanzabend gefunden hatten, dann richteten sie es so ein, dass sie beim „Kehraus“ zusammen waren, und dann erlaubte es das Mädchen, von dem Tänzer nach Hause begleitet zu werden. Zu Hause wartete schon die Mutter, hatte den Kaffee parat und den Kuchen auf dem Tisch, und es wurde noch ein halbes Stündchen gegessen, geplaudert, gescherzt oder auch vernünftig geredet, und beim Abschied verabredete man sich für den nächsten Mittag auf dem Kirmesplatz und für den Abend zum Tanze. Das Treffen fand dann in der Regel auch statt, und der Bursche kaufte seiner Angebeteten am Marktstand ein „Zuckerherz“ oder ein seidenes Tüchlein, und sie vergnügten sich auf dem Karussell‘, auf der Schiffschaukel, oder er bewies ihr an der Schießbude seine Schießkünste. Er führte das Mädchen nach Hause, aß dort mit zu Abend und ging dann mit ihm und den Eltern zum zweiten Abend tanz. Wenn dem Burschen dieses alles glückte, dann war die Heirat bald perfekt und es dauerte nicht lange, dann wurde der „Handstreich“ gefeiert. Es war die Verlobung, und zu dieser Feier wurden außer den beiderseitigen Angehörigen auch die Kameraden und Kameradinnen eingeladen. Bei dieser Feier bekam die Braut vom Bräutigam nach dem Handschlag ein „Handgeld“, in der Rege! ein Fünfmarkstück oder einen Taler, die beide ja in jener Zeit aus Silber waren, worauf die Braut sehr stolz war und es bis zu ihrem Tode sorglich in ihrer Truhe verwahrte als Zeuge des durch den Handstreich gegebenen Treueschwures. Erst bei der Hochzeit bekam die Braut den goldenen Ehering, der vom Bräutigam gekauft wurde. Die Braut hatte die Pflicht, für den Bräutigam das Hemd zu machen oder zu kaufen und ebenfalls das Sträußchen für seinen Rockaufschlag. Am Sonntag vor der Hochzeit gingen beide zusammen die Gäste einladen. Ehe die Brautleute am Hochzeitsmorgen zur Kirche gingen, wurden in der Wohnstube auf die Erde zwei Kissen gelegt, worauf sich die Brautleute knieten und dann von den Eltern mit Weihwasser gesegnet wurden. Im festlichen Zuge ging es nun zur Kirche, und nach dem Trauungsamt ebenso wieder nach Hause. Die Kameraden des Bräutigams und die Kameradinnen der Braut waren alle Hochzeitsgäste und hatten sich beim Hochzeitszuge passend, wie sie sich zusammenfühlten, gepaart, und die Burschen verliehen dem Zug eine festliche Stimmung dadurch, dass sie mit mitgebrachten Pistolen wiederholt in die Luft knallten. Nach dem Hochzeitsmahle stahlen die Burschen mit stiller und heimlicher Zulassung der Braut deren rechten Schuh, und nach gelungenem Raub hielten sie denselben in die Höhe und forderten den Bräutigam auf, ihn zurückzusteigern. Er musste bieten, was er ja auch gerne tat, aber die Burschen boten ebenfalls drauf, und immer wieder musste der Bräutigam höher bieten, und da bei jedem Gebot sofort in bar bezahlt werden musste, floss eine Menge Geld in den dafür hingehaltenen Hut, bis man schließlich dem Bräutigam das letzte Gebot überließ, denn er hatte ja dabei schwer blechen müssen. Das Geld war dafür bestimmt, bei dem gemeinsamen Spaziergang nach dem Kaffee von Wirtschaft zu Wirtschaft Freibier zu haben. Während der Hochzeitsfeier gab es in der Küche plötzlich ein schreckliches Geschrei. Jammernd kamen die Köchinnen, von denen eine an Armen und Beinen schwer verbunden war, in den Hochzeitssaal und erzählten, wie die eine sich schwer verbrannt habe, und zeigten dabei auf die verbundenen Glieder der Bejammernswerten,, die dabei herzzerbrechend jammerte und weinte. Mit einem Hute ging man von Gast zu Gast und sammelte für die Verunglückte Schmerzensgeld, was auch reichlich floss. War die Sammlung zu Ende geführt, guckten alle neugierig in den Hut und dann plötzlich wandelte sich ihre Trauer in Freude. Sie sprangen hoch vor Freude, fuchtelten mit den Armen, die Binden wurden der vermeintlich Verbrannten abgenommen und sie riefen lachend: „Hä, et es doch net Wohr!“ Das Geld teilten sie unter sich oder schenkten es der Ärmsten unter ihnen.

Schallwari. Wenn ein Witwer oder eine Witwe wieder heiratete, wurde am Abend der Hochzeitsfeier, die gewöhnlich still verlief, von der ganzen Dorfjugend und auch von Erwachsenen, „Schallwari gekloppt“‚. Jeder brachte ein Lärmgerät mit: alte, leere Töpfe, auf die man klopfte, zwei Blechdeckel, die man zusammenschlug, eine Wannmühle, die man drehte, einen gehobenen Hinterwagen, dessen freischwebende Räder man drehte und alte Sensen darauf schliff usw. Alles das machte einen Heidenlärm. Zur Abwechslung sang man auch bekannte Liebeslieder. Spektakel und Gesang wurden so lange fortgesetzt, bis der Bräutigam heraustrat und, sich bedankend, ein Fass Bier in der von ihm bestimmten Wirtschaft spendierte. Zufrieden und froh zog die Gesellschaft davon, indem sie vor das Hochzeitshaus das ganze Blechgeschirr wahllos hinwarf, so dass am nächsten Morgen der Bräutigam allerhand zu tun hatte, bis er seinen Hofraum wieder sauber und in Ordnung hatte.

Der Martinihammel. Die „Mierteskirmes“ wurde alljährlich gründlich gefeiert. Sie war gleichzeitig auch das Erntedankfest. In der Woche wurde extra geschlachtet, Und jedes Haus backte seinen Kuchen, in zwei Sälen war sonntags und montags Tanzmusik und voller Betrieb. Kirmesmontag veranstalteten die Burschen einen Zug durch das Dorf mit Musik. Hinter der Musik wurde ein fettes Schaf, meistens ein Hammel, an der Leine geführt, der einen mit Papierrosen geschmückten Kranz um den Hals trug. Hinter dem Tier ging der Metzger in seinem Metzgerkitte! und schliff fortgesetzt sein langes Schlachtmesser an einem Stahl. Nach dem Umzug wurde der Hammel dann geschlachtet und zu einem Abendbraten für die ganze Gesellschaft zubereitet. Jeder Teilnehmer musste seinen, Anteil an den Kosten tragen. Auch der Kirmesdienstag wurde noch in der Regel gefeiert. Die Alten fanden sich zum Kartenspiel, und die Jugend machte den Kehraus der Kirmes, indem sie nachmittags einen Zug mit Musik zum „Müllenberg“ im Oberdorf machte, um dort die Kirmes zu begraben. Es wurde ein Loch in den Sandberg gemacht, jeder warf eine kleine Geldmünze hinein, dann wurde das Loch zugescharrt und alle fingen an, sich die Augen reibend, zu jammern und zu weinen. Nun stellte man sich wieder zum Zuge, und mit Musik ging’s zurück ins Dorf von Gaststätte zu Gaststätte, während das Kirmesgrab inzwischen von den zurückbleibenden Schulbuben geschändet wurde und um die paar Münzen Streif und Schlägerei entstand.

Das Neujahranschießen. An Silvesterabend war in allen Gaststätten stets ein guter Betrieb. Einerseits wollte man den Jahresabschluss im festlichen Treiben miterleben, andererseits auch den Freiimbiss des Gastwirtes zum Jahreswechsel – meistens zwei Würstchen mit Kartoffelsalat – nicht verpassen. Wenn die Uhr dann 12 schlug, dann schüttelte man sich die Hände und wünschte sich „Prost Neujahr!“, die Burschen gingen hinaus und schössen mit Pistolen und Revolvern. Es war eine Knallerei im ganzen Dorfe zu hören. Der Wirt brachte jedem Gast seinen Imbiss, und es herrschte ein fröhliches Schmausen und Zutrinken. Gegen 1 Uhr sammelten sich die Burschen verabredungsgemäß, erwarben vom Wirt ein paar Flaschen Schnaps und zogen dann mit einem Ziehharmonikaspieler an der Spitze durchs Dorf, um ihren Liebsten das neue Jahr anzuschießen. Vor dem ersten Hause machte die Gesellschaft halt, ein kurzes Ständchen mit Musik und Gesang wurde dargebracht, und dann rief der Bursche, der das Mädchen in diesem Jahre als das seine betrachtete: „Mariechen (oder Suschen oder Gretchen oder Lieschen, je nachdem das Mädchen hieß), ich wünsche dir viel Glück im neuen Jahr! Neues Glück und neues Leben, darauf soll es Feuer geben!“ Und damit knallte er seine Pistole ob. Und dann schaute alles nach dem Fenster der Schlafkammer des Mädchens, und siehe da, es öffnete sich meistens, und an einem Seil wurde ein Neujahrskranz herabgelassen, worauf sich der Geliebte und die ganze Gesellschaft bedankte und zum Hause der nächsten Geliebten weiter zog. Dieser Umzug dauerte oft mehrere Stunden, aber das machte den Burschen nichts aus, sie hatten ja genug zu essen und zu trinken.

H57_Hahn_kleinDer Hahn. In Webers „Dreizehnlinden“ lesen wir, wie auf dem Habichtshofe das Erntedankfest mit der Einbringung des letzten Getreidewagens gefeiert wurde. Bei uns wurde ein Erntedankfest bei der Einbringung der letzten Kartoffelfuhre gefeiert. Man nannte es den „Hahn“. Wenn die „Austuer“ den letzten „John“ vor sich hatten, dann redeten sie eifrig darüber, wer den „Hahn“ fangen sollte. Jeder wollte ihn fangen. Wenn’s nun an die letzten Stöcke ging, dann zögerte jeder, dass er den letzten Stock austue und so den „Hahn“ gefangen habe. Wenn nun einer wirklich den letzten Stock austat, dann krähte er laut sein „Kikeriki“, und alle stimmten mit ein, und alle Kartoffelaustuer in den umliegenden Feldern sagten: „Die haben den Hahn!“ Während des Aufraffens der Kartoffeln ging einer der Männer in den Wald ein Tannenbäumchen schneiden, das mit bunten Bändern von den Mädchen geschmückt wurde. Wenn der Bauer nun mit dem Wagen kam, wurde schnell aufgeladen, alles stieg zuletzt auf den Wagen mit dem Tannenbäumchen, und unter fröhlichem Singen fuhr man heimwärts. Auch manches „Kikeriki“ wurde dabei ausgestoßen, so dass alle Dorfleute es hören konnten, dass sie den „Hohn“ hätten. Zu Hause gab’s nun einen Erntefestschmaus, entweder Kaffee mit Kuchen, oder Kartoffelsalat mit Würstchen und Bier. Auf größeren Gehöften wurde der „Hahn“ sogar mit Musik und Tanz gefeiert.


Lustige Geschichten und Schnurren
Der Volkshumor ist eine köstliche Gabe des menschlichen Geistes, schafft lustige Unterhaltung, fröhliches Lachen, und vertreibt Grillen und Sorgen. Man könnte „weinen vor Lachen“, wenn ein begnadeter Witzbold sein Repertoire von lustigen Geschichten zum besten gibt und nimmt es ihm nicht krumm, wenn er auch manche davon „aus dem kleinen Finger herauszieht“. Jedes Dorf hat seine „Originale“ und „komischen Käuze“, die herhalten müssen, und seine Spaßmacher, die aus den harmlosesten Geschehnissen etwas zu machen wissen.
Ich habe über 100 lustige Geschichten über Nunkirchen und seine Mitbürger gesammelt, die allein ein Büchlein füllen würden. Ich will in meinem Heimatbuch nur eine Auswahl davon bringen, und zwar solche, die keiner Persönlichkeit in etwa zu nahe treten, die vor allen Dingen auch sittlich einwandfrei und dennoch voll lustigen Humors sind. Da die direkten Reden auch meistens in Nunkircher Mundart gebracht werden, muss ich noch eine kurze Erklärung über die Schreibweise einiger Selbstlaute in unserer Nunkircher Aussprache geben:

  • ä sprechen wir in vielen Wörtern breit und offen wie in den hochdeutschen Wörtern lärmen, wärmen, Sterne, gern, fern. Dieses breite ä sprechen wir in Nunkircher Platt in Wörtern, die hochdeutsch mit ei, au und äu geschrieben werden, z. B. Stein = Stän, heim = häm, schleifen = schlafen, kaufen = käfen, taufen = däfen, glauben = gläwen, träumen = trämen.
  • ie sprechen wir, indem wir das e zuerst sagen und dahinter das t extra folgen lassen, z. B. Brief = Breif, lieb — leif, Stiefkind = Steifkönd. In manchen Wörtern wird ie auch zu einfachem; i mit geschärftem Mitlaut dahinter, z. B. Wiese – Wiß, Kies – Kiss.
  • u bekommt in der Regel noch ein ö vorgesetzt, z. B. Mut = Möut, Hut = Höut, Grube = Gröuf, rufen = raufen, Stuhl = Stöuhl.
  • st wird zu einem breiten scht, z. B. Mist = Mescht, Kiste = Kescht, was sagst du? = wat seschde? was machst du? = wat mischde? siehst du? = sischde, was meinst du? = wat menschde?
  • a wird zu einem breiten, offenen o, z. B. braten = broden, schlafen = Schloften, raten = roden, blasen = blosen.

In der Schule
Der Johann war ein Schulschwänzer. Fast immer, wenn Bibelstunde war, fehlte er. Einmal fehlte er sogar eine ganze Woche unentschuldigt. Der Lehrer Adams schickte einen Jungen mit einem Briefchen zu den Eltern und ließ fragen, warum der Johann die ganze Woche schon- fehle. Der Junge brachte folgende mündliche Antwort des Vaters: „Use Johann es doch jede Morgen en de Schol gang!“ Als der Johann ahnungslos von seinem Schwänzerspaziergang um Mittag heimkam, wurde er ins Gebet genommen und gründlich verdroschen. Am Montag brachte ihn der Vater selbst zur Schule, freilich etwas zu spät, es war schon gebetet. Da stand nun der arme Sünder und machte das reinste Büßergesicht. Lehrer Adams griff ins Pult und nahm einen kräftigen Stock heraus. „Leg dich auf die Bank!“, befahl er. Johann widerstrebte nicht. Die Klasse grinste erwartungsvoll. Es fiel der erste Streich. Aber welch ein Klang! Das klatschte hohl, nicht wie auf ein dünnes Höschen, wo gleich das Fleisch darunter ist. Herr Adams fragte: „Was hast du unter der Hose?“ – „Nichts“, sagte Johann. Herr Adams fühlte: „Wieviel Hosen hast du am?“, fragte er. „Ich weiß es nicht“, sagte Johann. „Gehe hinter das Pult und ziehe die Hose aus!“, sagte der Lehrer. Die ganze Klasse grinste und tuschelte gewichtig. Johann führte den Befehl aus und kam mit hängendem Kopf zurück. Herr Adams fühlte und sagte: „Du hast noch mehr Hosen an! Gehe hinter das Pult und ziehe sie aus!“ Als Johann zurückkam, wurde er wieder befühlt und zurückgejagt, und als Johann wieder kam, musste er gleich wieder zurück, denn er hatte noch zuviel Hosen an. Die Klasse wälzte sich vor Lachen. Fünfmal musste Johann hinter das Pult, denn Herr Adams fühlte ganz genau und ließ sich auf keinen Betrug ein. Nach der letzten Entkleidung kam Johann wie ein armer, bußfertiger Sünder und legte sich auf die Bank. „Gehe alle Hosen holen die du ausgezogen hast und zeige sie deinen Kameraden!“, sagte Herr Adams. Johann ging und brachte fünf Hosen; es waren beide Arme voll. Die Klasse brüllte. So ist die Kameradschaft: voll Schadenfreude! Johann schaute finster und voll Verachtung auf seine vermeintlichen Freunde. Willig legte er sich auf die Bank, und die Streiche fielen ungezählt und kräftig. Das klang nun echt wie auf dünnen Stoff und mockeliges Fleisch. Johann ’schrie zum Herzzerbrechen. Die ganze Klasse zitterte, und manchem kollerten die Tränen aus den Augen. Johann war kuriert; er schwänzte niemals mehr die Schule.

Peter hat keinen Appetit
Es ist Mittag. Die Mutter kommt auf die Haustür, schaut sich um und ruft; „Pederchen, komm ässen!“ Pederchen spielt auf dem Holzplatz und antwortet: „Wat grein mer dann?“ – „Wat sollen mer da grein?“, sagt die Mutter, „Grombieren on Kaffee!“ Pederchen mault vor sich hin: „Grombieren on Kaffee? Geschder hodden mer ierscht Kaffee on Grombieren.“ Dann laut: „Eich han kän Honger!“ Die Mutter: „Dau hascht kän Honger? Soll ich der ebbes broden? Wann de net kemmscht, son ich et deinem Vadder am Samschdag, wann er kemmt! Der micht de Gierdel los on helt dich iwer et Knei!“ Pederchen kommt, setzt sich hinter den Tisch, löffelt seine Kartoffeln aus der Schüssel und trinkt seinen Kaffee. „Wat grei mer da möä?“, fragt er zwischendurch. Die Mutter schaut lieb zu ihm hin, überlegt und sagt: „Möä backen ich Meischer on noch Grombieren Sopp debei!“ Pederchen strahlt: „Do brauschde ,mich net so röufen, da kommen ich va selwer, wann et Meddog laut!“ Pederchen hatte keine Angst mehr vor dem Samstag. Alles war zwischen ihm und der Mutter wieder in Butter.

Der Kirmeskuchen
Der Hirtenhannes war der Nunkircher Schweinehirt. Er wohnte im Hirtenhaus im Oberdorf. Mit seiner verbeulten „blechen Truter“ gab er morgens in den Straßen das Signal, und dann wurden die Schweine herausgelassen und der Herde, die vor ihm herzog, zugetrieben. Es ging in den Schachen, wo die Schweine den ganzen Tag suhlten und wühlten und nach Eicheln und Gewürm suchten. Abends kam die Herde wieder zurück, und der Hannes hatte sein Tagewerk vollbracht. Er hatte eine starke Familie, eine Frau und sieben Kinder. Der Verdienst des Hannes war schwach, der Hunger der Kinder aber groß, so dass mitleidige Nachbarn ihnen manche „Schmier“ liebevoll in die Händchen drückten. Nun kam die Kirmes. Alles backte Kuchen. Hannes hatte keinen Backofen und musste den Kuchen in „Lohmillen“ bestellen, einen Kranz und drei Streusel. Kirmessamstag wurde er in einem Korb stolz und froh nach Hause getragen. Das gab einen Duft ins Haus! Die Kinder hätten so gern gleich ein Stück Streusel gehabt. Aber der Vater sagte“ „Möä se morjen beim Kaffee geft et eriescht Kouchen!“ Früh gingen die Kinder schlafen. Auch die Alten gingen früh zu Bett. Mitten in der Nacht ruft eines der Kinder: „Vadder, es et bal morjen?“ – „Nä!“, sagt der Vater, „schlof!“ Es dauert nicht lange, da ruft es wieder: „Vadder, es et eweil bal morjen?“ Der Vater schaut nach dem Fenster und antwortet: „Hortig, schlof noch e besschen!“ Die Mutter, die auch wach liegt, meint nach einer Weile: „Ich menn, et geft doch allmehlich hall!“ Da guckt der Hannes auch nach dem Fenster und sagt: „Ich menn aach, et geft morjen! Da kannschde alt schon offstehn on de Kaffee kochen!“ Und so geschah es. Die Mutter hatte kaum Feuer an, da kamen auch schon die Kinder. Schließlich kam auch der Hannes und half den Tisch decken. Die Kuchen wurden auf den Tisch gebracht und in Stücke geschnitten. Die Kinder saßen fröhlich und erwartungsvoll auf der Bank hinter dem Tisch. Endlich dampfte der Kaffee, die Geißenmilch war warm, und es begann ein fröhlicher Kirmesschmaus. Der Kuchen schmeckte so gut, und sie aßen und aßen, und der Vater sagte: „Aßt nur, wann er all es, dann es er all!“ Sie aßen allen Kuchen „rupsdich“ auf und brauchten dafür noch keine Stunde. Auf einmal sagte der Hannes: „Mä mennt jo, et well gar net Dach gen. Geh höll emol de Wecker en de Kammer.“ Das älteste Kind ging und brachte ihn. Vater und Mutter schauen erstaunt hin, machen lange Gesichter, und der Hannes sagt: „Ewei es et grad zwölf Auer! Do kinne mer ja nochemol en et Bett gehn!“ So geschah es. Sie gingen wieder alle ins Bett und schliefen bis in den hellen Morgen hinein.

Et Hirtekätchen
Dem Hirtenhannes sein Bruder war der Hirtenklees. Seine Frau war et Kätchen. Als der Hannes kränklich wurde und die Schweine nicht mehr hüten konnte, übertrugen die Bauern dem Klees das Schweinehirtenamt. Da Klees und Kätchen keine Kinder hatten, hüteten sie gemeinsam die Schweine und lebten von den Einkünften daraus. Wenn die Bauern schlachteten, gab es auch einen Braten und ein Stück Speck für das Kätchen. Ein großer Tag war für die beiden der „Fetten Donnerstag“. Dann ging das Kätchen mit einem großen Henkelkorb von Bauernhaus zu Bauernhaus und nahm ein Stück Speck oder Dörrfleisch in Empfang, deren Größe sich nach der Zahl der Schweine Richtete. Nun konnten die beiden gut Fastnacht feiern. Der Klees nahm sich besonders dabei heraus und ging in die Wirtschaft einen trinken. Er brauchte nichts zu bezahlen, denn die Männer und Burschen spendierten ein Glas auf das andere. Auch der Wirt ließ sich nicht lumpen, und der Klees wurde im Alkoholrausch lustig und sang seine Leibliedchen aus voller Kehle. Man spendierte, lobte und reizte, und der Klees ließ sich treiben. Schließlich stieg er auf einen Tisch, führte einen Tanz auf, fuchtelte mit den Händen und schnitt Grimassen, dass es ein Gaudi in der Wirtsstube wurde, wie es in einem bezahlten Variete nicht hätte schöner sein können. Meistens bekam der Spaß aber ein jähes Ende. Das Kätchen erschien, ging auf den Klees los, nahm ihn am „Schlawitchen“ und schrie: „Dau versoffen Schwein, ewei gehschde met häm!“, und auch die andern bekamen eins mit, indem sie im Hinausgehen rief: „Dir seid et schold! Dir hand en besoff gemach! Dir wesst doch, dat er neischt vertrehn kann!“

Hier ist das Klopfen streng verboten!
Außer Herrn Adams war auch Herr Kornelius Lehrer an unserer Schule. Er war ein junger, schlanker und beliebter Herr und leitete auch den hiesigen Männergesangverein, Seine Gutheit wurde aber, wie das immer so geht, von der Schuljugend missbraucht.
Wir Kinder spielten in „Pittenecken“. Da sagte plötzlich eine Spielkameradin: „Henne geht der Kornelius! Stellt auch henner! Eich röufen iwwer in!“ Wir sprangen hinter den Zaun und schilksten auf die Straße, wo Kornelius mit noch einem Kollegen aus dem Nachbardorfe ging. Da schrie die Freundin laut, dass es schallte: „Spengeleräsender!“ und verschwand hinter uns. Wir starrten durch die Ritzen nach der Straße. Herr Kornelius drehte sich um und schaute, konnte uns aber nicht sehen. Anderntags ging ich beklommen zur Schule, aber es geschah nichts.
Im Hofraum des Hauses neben der Schule stand ein großes, leeres Fass. Hohl klang es, wenn wir in der Pause mit den Schuhspitzen dagegen stießen. Manche nahmen einen Knüppel und trommelten darauf. Das bumste herrlich. Das dauerte einige Tage, bis Herr Kornelius beim Antreten vor der Schule laut verkündigte: „Das Klopfen auf das Fass ist verboten!“ Am nächsten Tage war sogar ein weißes Blatt mit Wanzen an das Fass angesteckt, und es stand darauf: „Hier ist das Klopfen streng verboten!“ Dieses Schildchen gab Anlass zu einer neuen „Deiwelei“. Der Johann und der Nikla gingen nach der Abendandacht, es war Rosenkranzmonat, zum Fass, suchten sich einen Knüppel und trommelten auf das Fass, dass es schallte. Eiligst machten sie sich um die Ecke, lugten nach der Schule und sahen, dass Herr Kornelius am offenen Fenster stand. Vergnügt über den gelungenen Streich schlichen sie sich nach Hause. Mit den unschuldigsten Gesichtern saßen sie am nächsten Tag in der Schule. Es geschah nichts. Ab und zu grinsten sich die beiden an. Die Schule ging aus. Vergnügt liefen sie nach Hause und tuschelten miteinander: „Mache mer et haut owend nochemol?“ Dabei blinzelten sie sich vergnügt zu. Als nach dem Rosenkranz die Betglocke geläutet hatte, schlichen sie heran. Den Knüppel hatten sie schon in der Hand, und auf einmal ging’s los: bunri, bum, bum, bum, bum, bum! Aber o weh! Der Herr Kornelius war plötzlich da, konnte aber nur den Johann greifen, riss ihm den Knüppel aus der Hand, legte ihn aufs Knie, und es machte: bum, bum, bum, bum, bum, bum! „So“, sagte er, „du hast deinen Teil, und morgen kriegt es der andere!“
Am nächsten Morgen waren die beiden Nichtsnutze schon eine Stunde vor Beginn des Unterrichts in der Schule, denn sie hatten die „Ordnung“ und mussten das Feuer anmachen. „Wat hat er gesot?“, fragt der Nikia. „Dau greischt et haut!“, sagt der Johann. „Eich han zwo Boxen an on noch en Pappdeckel dezweschen!“, sagt gewichtig der Nikia. „Dat helft der neischt! Dat merkt er!“, sagt der Johann. „Wat solle mer machen?“, fragt der Nikla ängstlich. „Eich han e Plan!“, sagt der Johann, „dat mache mer! Eich gehn de Ziedel an et Fass hollen on machen der en hennen an de Box!“ Das war ein Plan, der dem Nikla sofort zusagte. Allerhand Hoffnungen spannen sich daran. Johann lief hinaus. Der Schulhof war noch leer, denn es war noch früh, machte den Zettel los und ging bei Sturms Mutter ins Haus und sagte: „Geft mer emol vier Spengelen, mer brauchen se en der Sohool!“ Alles gelang, der Zettel wurde hinten auf die Hose festgesteckt, und Nikla setzte sich auf seinen Platz. Die Schule ging an. Es wurde gebetet, und hinter Nikla ging ein Kichern on. Nach dem Beten musste der Lehrer Ruhe gebieten, ging ans Pult, nahm den Stock und sagte: „Nikolaus, komme vor die Klasse!“ Nikla gehorchte und ging nach vorn. Die Klasse platzte aus vor Lachen. Der Lehrer musste wieder Ruhe gebieten und sagte: „Was habt ihr da zu lachen?“, und zu Nikla: „Du weißt ja, wofür ich dich rief! Lege dich auf die Bank!“ Nikla folgte. Der Herr Lehrer zog den Streich und ließ den Arm entsetzt sinken. Dann musste er auch hellauf lachen. „Stell dich wieder!“, sagte er zu Nikia, und „dreh dich um zu deinen Kameraden!“ Nikla tat es vergnügt. Die Klasse gröhlte, stieg auf die Bänke, schaute auf den großen weißen Zettel und lachte ohne Ende. Auch der Herr Kornelius lachte mit. Und der Nikia? Ja, der lachte jetzt auch mit. „Macht ihm den ‚Zettel los!“, sagte der Lehrer, und als es geschehen, nahm er ihn in Empfang. „So, mein lieber Nikolaus, weil du so schlau warst, habe ich dich nicht gehauen. Willst du mir auch versprechen, dass du nicht mehr auf das Fass klopfst?“ „Ja“, sagte der Nikla aus freiem, frohem Herzen, ging auf seinen Platz mit dankbarem Blick auf seinen Freund Johann. So war der Herr Kornelius! Nun hatte er die Kinder wieder alle auf seiner Seite. Und im ganzen Dorfe war er wegen noch anderer lustiger Geschichten sehr beliebt.

Jakobchens erste Schultage
Jakobchen war 6 Jahre alt. Also musste er in die Schule gehen. Der erste Schultag verlief vergnügt. Es hatte Jakobchen gut gefallen. Am zweiten Schultage rief die Mutter: „Jakobchen, steh off, dau muscht jo en de School gehn!“ Jakobchen kam auch bald die Treppe herunter, wurde angezogen, trank eine Tasse Milch, aß sein Butterbrot und bekam auch noch eine „Schmier“ mit in den Ranzen. Heute dauerte die Schule viel länger als gestern. Jakobchen kam erst um Mittag nach Hause.
Am dritten Morgen ruft die Mutter wieder: „Jakobchen, et es Zeit för en de School, steh off!“ Jakobchen gab keine Antwort. Bald ruft die Mutter wieder: „Jakobchen, et es doch Zeit! Steh sier off!“ Jakobchen gab wieder keine Antwort. Endlich geht die Mutter die Treppe hinauf und ruft durch die offen stehende Schlafzimmertüre: „Jakobchen, nau je, steh off! Dau muscht jo en de School!“ Jakobchen, der mit dem Gesicht zur Wand liegt, dreht sich um und sagt im halben Schlaf: „Eweil misst dir auch öuwer kä Gebrauch eloraus machen met aurer School!“ So war ihm die Freude an der Schule schon beim zweiten Tage vergangen, Aber, was konnte es ihn nutzen? Er musste sich halt daran gewöhnen.

Bammerschder Johann
Er war ein Original und weit und breit bekannt. Was er am Leibe trug, war alles geschenkt: Ein Filzhut, der ihm meistens zu groß, eine Jacke, die zu weit und zu lang, oder zu eng und zu kurz war, und Kommissstiefel, die der Kleiderkammer zu Saarlouis entstammten. Einen Stecken hatte er nicht, aber eine Leine hielt er mit zwei Händen fest, an der zwei Hunde zerrten. Was der Johann aß, war von den Bauern liebevoll geschenkt, und was er in den Gasthäusern trank, war spendiert. Darum war der Johann stets vergnügt und hatte keine Sorgen. Man machte seinen Spaß mit ihm, und er machte auch den Spaß mit, so lange es was zu essen und zu trinken gab. Wenn irgendwo eine Hochzeit war, stellte er sich ein, denn da fiel was ab. Die lustigen Burschen brachten ihn in die Feststube und sagten: „Eweil well der Johann dem Brautpaar emol de Zeidung vorlesen!“ Sie reichten ihm dieselbe umgekehrt hin, und der Johann las: „Liebes Brautchen, gib mir einen Kuss! Wann du es Sommer heiratscht, geft et Gardensalat, on wann du em Wender heiratscht, geft et Grombierensalat!“, und dann lachte er und gab die Zeitung zurück. „Johann, ewei muschte noch verzielen, wie dau den Napoleon gefang hascht.“ Und Johann stellte sich in stramme Positur und sagte feierlich: „Wie eich den Napoleon gefang han, han eich gesat: ,Halt Kapoleon! Bescht fängt! Gehscht met of Bammersch Kieschen brechen!'“ Nach diesen Späßen füllte man ihm die Taschen mit Kuchen, gab ihm ein Glas Bier und führte ihn wieder hinaus.
Betteln von Tür zu Tür ging der Johann hier in Nunkirchen nicht. Um zu etwas Zehrgeld zu kommen, trieb er Handel mit seinen Hunden, die er an den Mann bringen wollte. So bot er eines Tages dem Nunkircher Gendarm einen an: „Morje Tschandarm! Geschde for dat Hond elo? beißt net! gs, gs! sischt, beißt net! fahr mol an et! Wadrer Tschandarm well mer Mark for et gen! Wat geft dau?“ Der Gendarm gab ihm lachend eine Mark und sagte, den Hund könne er behalten. Und der Johann lachte und lüftete den großen Schlapphut.

Pottisch Kätt
H57_PotischKaett_kleinZu gleicher Zeit lebte in Michelbach eine Frau, die aber mehr auf den Straßen wanderte als zu Hause saß, Dorf um Dorf in unserer Gegend abkloppte, on den Türen gutgesinnter Bauern ihr „Vaterunser“ heruntersagte und dann ein Geldstück oder ein Stück Brot oder sonstwas mit „Danke!“ entgegennahm. Wenn die Gabe weniger als 2 Pfennig war, dankte das Käth nicht, sondern murmelte etwas wie: „Geizig Pack!“ oder „Geizig Minsch!“, und kam für geraume Zeit nicht mehr, das Haus war abgeschrieben. Das Käth hatte nur seine bestimmten Häuser, und alle 14 Tage hatte es seine Runde gemacht und kam wieder. Es war immer schwarz gekleidet, trug eine Kapuze um den Kopf, ein enges Leibchen und einen Weiten wollenen Rock. In der einen Hand trug sie eine große Stofftasche und unter dem andern Arm einen Regenschirm, von dem sie die Krücke mit der Axt abgehauen hatte, weil die ihr hinderlich war. Der Schirm diente nicht nur gegen die Unbilden der Witterung, sondern auch als Abwehr gegen Hunde und böse Kinder. Sobald die Kinder das Käth sahen, schafften sie sich in respektable Entfernung und riefen dann laut und spottend: „Sandkäth! Leiskäth! Flehkäth!“ Und wenn das Käth dann den Schirm unter dem Arm herausnahm und drohend auf die Kinder losging, stoben sie in schneller Flucht davon und wiederholten in sicherer Entfernung ihre spottenden Rufe.
Eine lobende, vielleicht berechnende Eigenschaft hatte das Käth. Wo immer eine Beerdigung war, war es zur Stelle, nahm, nachdem der Sarg von allen, die kamen, eingesegnet war, das Weihwasserglas mit dem Buchsbaumsträußchen und die Weihwasserflasche, trug beides mit zum Friedhof und stellte das Glas, das es frisch füllte, neben das offene Grab und die Flasche daneben. Dafür bekam es im Trauerhause nachher einen Teller Suppe, auch Fleisch, Kartoffeln und Gemüse und noch ein paar Stück Kuchen in die Tasche. Dieses Haus war für einige Zeit gewonnen und wurde alle 14 Tage aufgesucht. Als das Käth starb, fand der Vorsteher von Michelbach in seiner Kammer unter dem Bett eine Kiste voll Kleingeld, das einen Wert von mehreren 100 Mark hatte.

Diederisch Hannes
H57_DiederischHannes_kleinDieser war ein Nunkircher Bürger und ein Original, von dem man noch bis heute viel und lustig spricht. Er war fromm, machte alle kirchlichen Festlichkeiten mit und war als Vorbeter deutlich hörbar, besonders beim dritten „Vaterunser“ nach dem sonntäglichen Hochamte, wo er allein noch einen Extraanruf machte: „Heiliger Sebastianus und heiliger ‚Rockes‘, bitte für uns!“ Er verdiente sich sein tägliches Brot durch fleißige Arbeit, denn zum Betteln war er zu stolz. Er ging auch in kein Wirtshaus. Jeden Sonntag legte er sein Geldstück auf den Opferteller. Auch beim Opfergang um den Altar war er stets dabei. Seine Hauptbeschäftigung war Scheitholzsägen, -spalten und „Kneppelchen“ hauen für die Bauern und besseren Leute. Für die wenigen Geschäfte, die es damals in Nunkirchen gab, nämlich Mattjes auf dem Marktplatz und in der Hauptstraße Marxen, Lohmillen und Brochs Konsum, fuhr er mit seinem großen zweiräderigen Karren die Waren nach Merzig zum Deuster holen, nämlich Zucker, Salz, Seife, Wichs, Mostert, Reis. Alle vierzehn Tage fuhr er ebenfalls mit diesem Karren nach Münchweiler schönen, gelben Sand holen, der sehr begehrt war und dazu diente, samstags nach dem Putzen die Böden aller Zimmer und des Hausgangs damit zu bestreuen. Sonntags morgens nach der Frühmesse wurde der Sand dann herausgekehrt, und dann waren die Böden blank, so wie heute gebohnert. So verdiente der Hannes sich sein Geld und bekam überall zu schaffen und zu essen. Man wusste, dass seine Lieblingsspeise Kartoffeln und dicke Milch waren und setzte ihm davon eine gehörige Portion vor, denn der Hannes war ein starker Mann und brauchte viel, um satt zu werden. Meistens machte er die beiden Schüsseln leer, stand dann „keimend auf und hielt mit beiden Händen den Bauch beim Heimgang. Nach einer solch guten Mahlzeit legte er meistens einen Ruhetag ein, und wenn jemand an einem solchen Morgen an sein Fenster klopfte, dann rief er aus seiner Schlafkammer: „Haut schaffe mer net!“ Sonntags bekam der Hannes das Essen gebracht. Seine große Gönnerin war Brochlis, die eine Bäckerei und das Konsumgeschäft hatten, für die der Hannes also auch viel arbeiten musste. Broch Nikla trug ihm das Essen in einem Kesselchen, und manchmal ging ich mit ihm. Im Hausflur klopften wir an das Fensterchen, das dann aufging und eine Hand sichtbar wurde, die das Kesselchen griff und hereinzog. Nach einer Weile wurde das Kesselchen wieder herausgeschoben und wir gingen. Vom Hannes hatten wir nur die Hand gesehen, in die Stube kamen wir niemals, und ein „Danke“ war von ihm auch nie zu hören.
Der Hannes war Junggeselle, aber er hätte auch gerne geheiratet. Seine Flammen waren et Mari und et Sus. Wenn die Holz zu hauen hatten, sagte er nicht: „Hau schaffe mer net!“, sondern war bald zur Stelle, schnitt das Scheitholz schön gleichmäßig und spaltete die „Kneppelchen“ so fein, dass eins wie das andere war und baute sogar Türmchen auf zum Trocknen. Das Mari musste doch sehen, dass er schaffen konnte. Und einmal sagte er zum Mari: „Get Mari, wa mer heirate geht, da geht mer of Weiskirchen, on dann seht mer zum Boremäschter: ,Mir welle ger heiraten!‘ On dann, seht der Boremäschter: ,Ei jo, dat kint der!‘ Get, Mari, on dann schleht mer sich en de Hänn on dann es mer geheirat! Sischt e Mari, dat es net schwer!“ Aber das Mari ging nicht mit und das Sus auch nicht. Als das Sus schließlich verheiratet war und an Hannes seinem Häuschen einmal vorbeiging, stand dieser gerade auf der Haustür und rief die Sus an: „Sus, komm emol erenn!“ Sus tat ihm den Gefallen und ging zum ersten Mal, in seine Stube. „Sischde“, sagte der Hannes, „de hetscht meich aach heiraden kinnen, eich han doch aach scheen Sachen! Guck hei et ,Exe homo’ on elo et ,Mater dolorosa!‘. On eh meiner Kammer han ich e Kaschden voll Geld! Komm, ich weisen dir et emol! On of emn Speicher han ich e Kescht voll Gedieh! Komm, mer grawwelen emol eroff!“ Damit stieg er eine Leiter hoch, und die Sus stieg belustigt mit. Sie sah oben in einer alten Truhe wirklich viele gute Betttücher und blümliche Bezüge. Als sie wieder runter gestiegen waren, sagte die Sus zu ihm: „Hannes, wann ich dat elo gewoscht hätt, dann hätt ich deich geheirat!“ Da nickte der Hannes froh und war zufrieden. Dem Mari konnte er seine schönen Sachen nicht zeigen, denn die hatte sich auswärts verheiratet. Wohl ließ er einmal bei „Brochlis“ seinen Ärger darüber aus, indem er verächtlich sagte: „Der Föder Matths kann sein nackig, blackig Med behallen!“

Broch Pittchen geht nach Amerika
Viele junge Männer und auch Familien sind in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert. Manche machten dort ihr Glück und kamen als wohlhabende Amerikaner in die alte Heimat für einige Wochen zu Besuch, wo sie ihre Dollars dann recht freigebig rollen ließen. Das machte Schule und wirkte verführerisch, und mancher entschloss sich, in Amerika ebenfalls sein Glück zu probieren. Von ihnen war auch Broch Pittchen einer. In einer Versteigerung veräußerte er sein Besitztum, gab einen tüchtigen „Winkauf“, wobei auch Abschiedsliedchen dem Pittchen zu Ehren gesungen wurden. Beim Händedrücken zum Abschied wünschte man ihm viel Gutes und viel Glück in Amerika. Pittchen war nicht schwermütig und antwortete leichthin: „Wanns mer net gefallt, sen ich en vierzehn Dagen wieder hi!“

De Wald as net Niddersemachen
Früher fuhr man viel mehr als heute mit Handwägelchen in den Gutwieswald, um Dörrholz niederzuhauen und Raffholz zu sammeln für den Winter. Es war von der Gemeinde aus erlaubt. Manche grüne Stange ging dabei aber auch mit und wurde im Wägelchen verstaut. Wenn es mit einer gelang, probierte man es bald mit zwei und drei. Ja, einer trieb es noch weiter und legte auch keinen Wert mehr auf das Verstecken. Bei einer solchen Heimfahrt merkte er einmal, dass mancher gespannt auf sein Wägelchen schaute, statt auf ihn, so dass es ihm „warm“ wurde, Er bekam einen guten Einfall und sagte jedem, der vorbei kam: „De Wald es net niddersemachen!“

De Lebacher Peder
Von Lebach kam von Zeit zu Zeit ein Mann durch unser Dorf, der sie anscheinend „nicht alle hatte“. Weshalb er kam, wohin er ging oder was er tat, wusste man nicht. Er ging nicht betteln und auch nicht in die Wirtshäuser. Wahrscheinlich schlenderte er als halbirrer, aber harmloser Mensch durch unsere Dörfer, und mitleidige Menschen gaben ihm auch zu essen oder schenkten ihm dies oder das. Wenn er durch unser Dorf kam, ging er immer durch die Straßenrinne und redete sich etwas vor, das er immer und immer wiederholte, so dass mancher es auch schon auswendig kannte. Es lautete so: „Em Liepitt sei Jengschder, de Jab, de Jab, der hat em Perd de Panz zogeschnallt, da gah ich hin o san, er soll mer ebbes gen, ebbes gen, do lacht der Kerl, lacht der Kerl. Er hat drei Johr bi Kanonenardillerie se Föuß gedient, off freie Föuß eigestellt abmarschiert no Amerika, do Vizefeldwebelstellvertreder gewes off Bürgermeischdereiamt! Em Liepitter sei Jengschder, de Jab, de Jab …“

Anzeigen aus der Originalausgabe des Heimatbuchs
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Benutzte Quellen:

  1. Pfarrarchiv von Nunkirchen
  2. Schulchronik von Nunkirchen
  3. Staatsarchiv zu Koblenz
  4. Aufzeichnungen von Lehrer Matthias Dewes zu Nunkirchen
  5. Dissertation über die Pfarrei Nunkirchen von Rudolf Schulz
  6. Dissertation über die Geschichte von Nunkirchen und seine Sagen von Willi Demmer zu Nunkirchen
  7. Geschichte meiner Heimat Münchweiler von Rosa Schmitt geb. Schäfer zu Münchweiler
  8. Porträt des Dorfes Michelbach und Entstehung des Dörfchens Auschet von Günther Heckmann, Michelbach
  9. Das Wirtschaftsleben unserer Altvorderen von Max Müller, Wadern
  10. Die Geschichte des Kreises Merzig-Wadern von Schulrat Kell, Merzig
  11. Nunkircher Sagen von Maria Lillig